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flatexDEGIRO-CEO Frank Niehage: „Ich habe nachgekauft“

Hat den Kundenstamm seit 2019 versechsfacht: flatexDEGIRO-CEO Frank Niehage.



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Für den Chef des Online-Brokers flatexDEGIRO, Frank Niehage, kam es diese Woche knüppeldick: Die Bankenaufsicht kritisierte Organisationsmängel, das angepeilte Ergebnis rückt in weitere Ferne, der Kurs brach um mehr als 30 Prozent ein. Niehage gibt sich kämpferisch.

BÖRSE am Sonntag: Die BaFin vor der Tür, der Kurs unter Druck, was ist bei flatexDEGIRO los?

Frank Niehage: Im Rahmen einer Prüfung hat die BaFin Mängel festgestellt, vor allem im Zusammenhang mit internen Prozessen, deren Dokumentation sowie organisatorischen Strukturen. Wir haben bereits Maßnahmen ergriffen, um diese Mängel abzustellen. Dazu zählen etwa personelle Veränderungen, wie die Bestellung eines neue Chief Risk Officer bei der flatexDEGIRO Bank AG im Oktober und Veränderungen bei den Führungskräften in den relevanten Bereichen. Wir arbeiten auch weiter eng mit der BaFin zusammen, um alle Mängel zeitnah zu beseitigen. Meine Zuversicht darin, dass wir das erfolgreich bewerkstelligen werden, zeigt sich auf daran, dass ich persönlich Anfang der Woche für 250.000 Euro flatexDEGIRO-Aktien nachgekauft habe.

Sie haben in diesem Zusammenhang auch bereits das Kapital in der konzerneigenen Bank erhöht. Warum war das notwendig und reicht das aus?

Aus den Beanstandungen ergibt sich, dass wir vorübergehend mehr Kapital bei der Bank vorhalten müssen. Dieses Kapital haben wir auch innerhalb der Gruppe, es wurde einfach entsprechend verlagert. Ein zusätzlicher Kapitalbedarf besteht aber nicht. Mir ist auch wichtig klarzustellen, dass die Bafin Beanstandungen sich ausschließlich auf formale und organisatorische Punkte beziehen, die keinen Einfluss auf die Solvenz der Gruppe haben. Es gab keinerlei negativen Feststellungen aus der Prüfung zu unserer Ertrags,- Finanz-, und Vermögenslage.

Bei weltweit führenden Technologie-Unternehmen scheint die Party derzeit vorbei zu sein. Twitter, Meta, Amazon und Co. entlassen tausende von Mitarbeitern, auch Onlinebroker wie robinhood und Trade Republic setzen große Teile der Belegschaft vor die Tür. Was passiert hier gerade?

Nach den beiden Boom-Jahren 2020 und 2021 kehrt wieder Normalität ein. Dem Mantra „Wachstum um jeden Preis“ folgt die Ernüchterung, dass ein Unternehmen zum Überleben irgendwann auch operativ Geld verdienen muss. Da rächen sich überbordende Expansionsphantasien genauso wie unsolide Geschäftsmodelle, die ohne Venture-Capital-Finanzierung nicht nachhaltig sind.

…ein Thema auch bei Ihnen?

Ganz im Gegenteil. Wir setzen seit jeher auf profitables Wachstum, sind komplett frei von Finanzschulden und erwirtschaften selbst im aktuell schwierigen Umfeld ordentliche Gewinne. Deshalb können wir auch mit Augenmaß unsere Personaldecke weiter ausweiten und uns so für das weitere Wachstum in den kommenden Jahren rüsten.
 
Die Kryptobörse FTX crasht und richtet verheerenden Schaden am Krypto-Markt an. Der Bitcoin-Kurs ist 2022 von 42.000 zeitweise auf unter 16.000 Euro eingebrochen. Wie schlimm ist der Crash für die Neobroker in Europa?

Es ist ein brutaler Einbruch. Und die Kollateralschäden des FTX-Zusammenbruchs werden für einige Marktteilnehmer noch schmerzlich sein. Für Neobroker, die in den vergangenen zwei Jahren auf diese vermeintlich coolen Produkte gesetzt haben, verschlimmern sich damit die Probleme eines ohnedies schwierigen Börsenjahres 2022. Wir sehen uns bestätigt, dass wir bei Kryptogeschäften zurückhaltend waren. Uns trifft der Kryptocrash gar nicht. Im Gegenteil, wir gewinnen doch zahlreiche Kunden von kleineren Konkurrenten hinzu. Denn solide, breite Marktplattformen wie wir gewinnen in dieser Marktkorrektur deutlich an Stärke.

Erwarten Sie Zusammenbrüche bei Neobrokern?

Für Onlinebroker waren die vergangenen Jahre ein Paradies. Börsenboom, Nullzinstraum, Meme-Stock-Hype, Krypto-Zocks und die Gamefication der Finanzwelt haben Millionen neue Anleger an die Börsen und zu den Brokern gelockt. Gut daran ist, dass es zu einer wachsenden Beteiligung von Privatanlegern am Kapitalmarkt gekommen ist. Gefährlich daran ist aber zugleich, dass Zockereien - etwa mit Kryptoprodukten - übertrieben und unerfahrene Anleger in heikle Strukturen gelockt wurden. Im Boom zählte oft nur ein eins: Möglichst schnell, riskant und billig. Damit ist es nun vorbei. Onlinebroker, die schon im Boom unprofitabel waren, wird es in einem normalisierten Umfeld kaum mehr geben. Vor allem wenn die EU die „Hintenherum“-Finanzierung über Rückvergütungen, das sogenannte Payment for Orderflow, zum Schutze der Privatanleger verbieten wird. Und was den Bitcoin anbetrifft: Kunden bei flatex können sehr wohl an der Wertentwicklung partizipieren, sogar bei rund 30 verschiedene Krypto-Währungen, allerdings gerade ohne die Verwahrrisiken, die wir jetzt bei FTX sehen.

Sie sagen, Sie gewinnen im Krisenjahr 2022 jeden Tag 1000 neue Kunden hinzu. Stimmt das noch immer?

Nein, das stimmt nicht ganz. In Wahrheit gewinnen wir sogar deutlich mehr als 1.000 Kunden am Tag. Nach neun Monaten waren es bereits fast 400.000 Neukunden in ganz Europa. Das ist tatsächlich eine bemerkenswert hohe Zahl in so einem schweren Jahr. Unser Geschäft läuft expansiv. Wir lassen die wichtigsten Wettbewerber deutlich hinter uns und sind seit einiger Zeit wachstumsstärkster pan-europäischer Onlinebroker. Rechnerisch gewinnen wir in jeder Handelsminute derzeit zwei bis drei Neukunden, wickeln über 350 Transaktionen ab und verbuchen damit fast 1 Million Euro Transaktionsvolumen in Aktien und ETFs. Neben unseren Kernmärkten in Deutschland, Österreich und den Niederlanden, wachsen wir derzeit besonders stark in Frankreich, Spanien, Portugal und Italien, aber auch in England und Irland. Seit Ende 2019 haben wir unseren Kundenstamm von unter 400.000 auf rund 2,4 Millionen mehr als versechsfacht.

Europas größter Onlinebroker klingt gut. Aber können die Geschäftszahlen mit dem Kundenwachstum mithalten?

Obwohl natürlich die Aktivität vieler Anleger 2022 deutlich zurück geht, haben wir das EBITDA in den ersten neun Monaten 2022 um 52,2 Prozent auf 126,7 Millionen Euro gesteigert, was einer EBITDA-Marge von 42,0 Prozent entspricht. Wir haben bewiesen, dass wir in der Lage sind, den Umsatz je Transaktion deutlich über 5 Euro zu halten und gleichzeitig branchenführende Wachstumsraten zu erzielen. Starke Nettomittelzuflüsse von 5 Milliarden Euro in nur neun Monaten und eine Kundenbindungsrate von über 98 Prozent zeigen die hohe Kundenqualität. Höhere Zinsen helfen uns übrigens auch, das Ergebnis zu steigern. Da zahlt es sich aus, dass wir als einer der wenigen Onlinebroker in Europa über eine Vollbanklizenz verfügen. Wir werden das alles aber weiterhin konservativ angehen, unser Eigenkapital weiter stärken und reinvestieren.

Was wird sich in Compliance- und Organisationsfragen verändern?

Wir wachsen rasend schnell und müssen unsere internen Strukturen anpassen und mitwachsen lassen. Die deutsche Aufsicht betrachtet uns heute nicht mehr nur als „kleines und nicht-komplexes“ Institut. Damit wird auch die Regulatorik nun komplexer und anspruchsvoller. Mit Matthias Heinrich haben wir darum einen neuen, starken Chief Risk Officer mit 30 Jahren operativer Erfahrung im europäischen Bankensektor in den Vorstand der flatexDEGIRO Bank berufen. Und was die Regulatoren und Eigenkapitalanforderungen anbetrifft, so werden diese, wie bei vergleichbaren Institutionen auch, tatsächlich strenger. Wo Fehler gemacht wurden, sind wir mit der Bafin in guten Gesprächen, denn die mahnt nicht nur einzelne Fehler der Vergangenheit an, sondern sie verpflichtet uns zu Recht, dass wir uns der höchsten Spielklasse des Finanzsystems anpassen. Das werden wir auch tun. Dazu gehört es, interne Strukturen und Prozesse anzupassen, aber auch, die allgemeine Unternehmensführung weiter zu stärken. Das sind ganz klare Prioritäten, die wir systematisch abarbeiten. So erweitern wir zum 1. Januar 2023 den Konzernvorstand von 2 auf 4 Mitglieder. Bei den beiden neuen Kollegen handelt es sich um langjährige Führungskräfte von uns, die sich davor ihre Sporen bei Goldman Sachs verdient haben. Und sobald alle regulatorischen Anforderungen erfüllt sind, wird dann auch noch eine weitere Vorständin in das Führungsgremium kommen. Daneben haben wir in den vergangenen Wochen auch das Eigenkapital bei der flatexDEGIRO Bank AG durch Gruppenmittel in Höhe von 50 Millionen Euro weiter gestärkt.

Das Wachstum wird ungemütlicher . . .

. . . das sind ganz normale Nebeneffekte unseres Erfolgs. Ob Frankfurter Onlinebroker oder Frankfurter Eintracht, wenn man in die Champions League aufsteigt, dann wird man auch strenger beäugt und muss nach den Regeln der Großen spielen. Wir sind tatsächlich eines der führenden europäischen Finanzunternehmen geworden - und ein besonders wachstumsstarkes dazu. Dass nun die Bafin konkrete Abläufe bei uns kritisiert, auch mal eine gelbe Karte zeigt, ist sicherlich nicht schön. Wir nehmen das aber sehr ernst und haben bereits entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Wachstumsschmerzen wie diese gehören zum Wachstum, müssen aber auch behandelt werden. Gut ist ein Fehler nie. Organisatorische und prozessuale Defizite aber frühzeitig zu erkennen und zu beheben, noch bevor es zu einem tatsächlichen Schaden kommt, das empfinde ich durchaus als positiv. Aus Fehlern lernt man, und wir werden dafür Sorge tragen, dass wir denselben Fehler nicht zweimal machen.

Ihr Aktienkurs ist eingebrochen. Wie sieht ihre Börsenprognose für 2023 aus?

Wir sind wachstumsstark, hoch profitabel, technologisch führend und mit einer starken, pan-europäischen Kundenbasis hervorragend aufgestellt. Insofern bin ich auch von der inhärenten Stärke unseres Unternehmens und damit der flatexDEGIRO-Aktie überzeugt. Unsere Aktie spiegelt allerdings auch stark das allgemeine Marktsentiment und Branchenerwartungen wider. Hohe Inflation, steigende Zinsen sowie Rezessionsängste und geopolitische Risiken belasten die allgemeine Stimmung an den Kapitalmärkten auch im Winter. Im November hat man aber gesehen, wie schnell so etwas drehen kann. Schon leicht positive Zins-Signale aus den USA haben die Kurse sehr schnell um 20, 30 Prozent nach oben springen lassen, gerade bei Technologiewerten. Sobald diese externen Hemmnisse schwächer werden, oder vielleicht sogar ganz wegfallen, wird sich das nicht nur positiv auf unsere Aktie auswirken, sondern auf den Aktienmarkt insgesamt. Davon profitieren wir dann auch operativ wieder. Noch ist das Marktumfeld herausfordernd, aber: mittel- und längerfristig wird der Markt wieder aufdrehen und womöglich kann uns das Jahr 2023 alle schon positiv überraschen. Und eins ist sicher: Allein das mittlerweile höhere Zinsniveau wird uns bei flatexDEGIRO im kommenden Jahr über 40 Millionen zusätzliches Vorsteuerergebnis bringen. Das ist doch schonmal ein guter Start ins neue Jahr.

Das Gespräch führte Oliver Stock

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04.12.2022 | 10:26

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