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Fresenius – Gewinnwarnung, Kurssturz, Chance zum Einstieg?

Kann Fresenius die schwachen Zahlen der Tochter wegstecken? (Bild: Fresenius)


Schlechter als erwartet laufen die Geschäfte bei Tochter FMC und eine überraschend eindeutige Gewinnwarnung mit Blick auf das Gesamtjahr haben am Mittwoch für Ausverkaufsstimmung unter Fresenius-Anlegern gesorgt. In der Spitze ging es für die Aktie des Medizin-Konzerns um mehr als zwölf Prozent nach unten. Zu viel? Vielleicht. Unter Analysten jedenfalls rät weiterhin eine klare Mehrheit zum Kauf.

Das Börsenjahr 2018 war für Anleger bislang kein leichtes. Ein ums andere Mal wurden die Märkte von teils heftigen Turbulenzen heimgesucht. Das wirtschafts- und geldpolitische Umfeld gestaltete sich als äußerst schwierig. Auf eines jedoch konnte man sich größtenteils verlassen: Die nächste Berichtssaison würde zumindest einen Teil der Kursrückschläge wieder korrigieren. Denn trotz aller Risiken erwirtschaftete die Mehrheit der großen Konzerne auch in diesem Jahr Quartal um Quartal Umsätze und Gewinne in Rekordhöhe. Die Experten also warnten vor den Risiken der trumpschen Handelspolitik, den steigenden Zinsen in den USA, dem Ende des globalen Wirtschaftsbooms. Die Konzernchefs lächelten sie kurze Zeit später weg. Ganz nach dem Motto: Seht her, die Ergebnisse sprechen eine andere Sprache. Alles halb so schlimm.

Exportstarke Unternehmen unter Druck

Umso schmerzhafter prallen sie nun auf die Realität. Und mit ihnen ihre Aktionäre. Daimler, Continental, HeidelbergCement, Zalando, Osram, Hapag Lloyd. Alle veröffentlichten sie zuletzt Gewinnwarnungen, woraufhin ihre Aktien zum Teil im zweistelligen Prozentbereich abstürzten. Zu hoch waren die eigenen Erwartungen, zu hoch auch die der Aktionäre. Der zu einem Großteil von der Exportwirtschaft und im Ausland erzielten Gewinnen getragene deutsche Wirtschaftsboom kommt offensichtlich an seine Grenzen. 

FMC-Aktie verliert fast 20 Prozent

Besonders hart traf es so in der vergangenen Woche auch die Aktien der Fresenius-Tochter Fresenius Medical Care (FMC). Die Bad Homburger Dialysespezialisten erwirtschaften über 70 Prozent ihres Gesamtumsatzes allein in Nordamerika. Das dort schwächelnde Geschäft veranlasste gemeinsam mit negativen Währungseffekten und schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Schwellenländern wie beispielsweise Argentinien auch das Management des Pharma-Unternehmens zu einer saftigen Gewinnwarnung.

So soll das Umsatzwachstum im laufenden Jahr nur noch zwischen zwei und drei Prozent und nicht mehr wie geplant zwischen fünf und sieben Prozent liegen. Auch der Gewinnanstieg soll anstatt der angestrebten 13 bis 15 Prozent nur noch höchstens zwölf Prozent betragen. Im abgelaufenen dritten Quartal dürften – den vorläufigen Zahlen nach – zudem Umsatz und operatives Ergebnis auf 4,06 Milliarden beziehungsweise 527 Millionen Euro zurückgehen. Dies entspräche Verlusten von sechs und 13 Prozent. Die Aktie rauschte nach den Meldungen um über 18 Prozent in die Tiefe. Und zog das Papier der Mutter mit einem Minus von rund zwölf Prozent gleich mit. Der Fresenius-Konzern bestätigte zwar seinen Ausblick, erwartet Umsatz und Gewinn aber jeweils nur noch am unteren Ende der ausgegebenen Spanne von fünf bis acht beziehungsweise sechs bis acht Prozent.

Ungewohnt viele Schwankungen bei Fresenius

Für Fresenius ist die Schwäche seiner größten Tochter das nächste Kapitel eines turbulenten (Börsen-)Jahres. Schon seit Monaten springt der Kurs zwischen dem Widerstand bei zirka 70 Euro und der Unterstützung bei rund 60 Euro hin und her. Neuland für Fresenius-Anleger, die in den letzten Jahren von einem zwar meist vorsichtigen aber dafür höchst-kontinuierlichem Kursanstieg verwöhnt wurden. Über zehn Jahre hinweg kletterte der Kurs auf dem Chartbild gen Norden, legte dabei rund 350 Prozent zu. 2018 nun passierte alles in allem wenig. Insgesamt steht die Aktie mit 5,6 Prozent im Minus und damit besser da als der Dax, der inzwischen schon neun Prozent an Wert eingebüßt hat.

Vielleicht auch deshalb könnten Anleger den jüngsten Kursrutsch zum Einstieg nutzen. Bislang scheint die charttechnische Unterstützungslinie in der Nähe der 60-Euro-Marke erneut zu halten, zudem überzeugt die sehr gute Entwicklung beim Infusionsspezialisten Kabi, ebenfalls eine Fresenius-Tochter. Diese habe die enttäuschende Entwicklung von FMC und der Klinikkette Helios fast kompensieren können, schrieb Warburg Research-Analyst Ulrich Huwald am Mittwoch in einer Studie. Auch die abgesagte Übernahme des US-amerikanischen Generika-Herstellers Akorn dürfte sich positiv auf den Kurs auswirken. Allerdings läuft hier noch immer ein Gerichtsstreit mit Blick auf deren Rechtmäßigkeit. In erster Instanz hatte Fresenius jedoch bereits Recht bekommen.

Analysten sehen Fresenius langfristig bei über 80 Euro

Legt sich die jüngste Verunsicherung mit Blick auf die schwachen FMC-Zahlen könnte es für das Fresenius-Papier vielleicht schneller wieder nach oben gehen, als erwartet. Schließlich läuft es für den großen Mutterkonzern trotz leichter Anpassungen beim Ausblick grundsätzlich gut. Unter Analysten rät deshalb weiterhin eine große Mehrheit zum Kauf der Aktie. Bernstein, Warburg, Kepler Cheuvreux, Berenberg-, Deutsche- und Commerzbank, alle geben sie weiterhin Kursziele von über 80 Euro aus. Und das entspräche bei einem derzeitigen Kurs von 60 Euro einem respektablem Aufwärtspotenzial von über 30 Prozent. Gewinnwarnung, Kurssturz, Chance zum Einstieg? Warum nicht.

19.10.2018 | 18:46

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