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Karmann: Krise bremst die Traditionsfirma aus


Im Frühjahr wurde noch versucht, Optimismus zu verbreiten. Man wolle so viele Arbeitsplätze wie möglich erhalten, hieß es damals. Von den rund 3.470 Mitarbeitern, die Karmann laut IG Metall zum Zeitpunkt des Insolvenzantrags noch beschäftigte, sind inzwischen nur noch rund 880 übrig. Ende Oktober bekamen mehrere Hundert Mitarbeiter ihre Kündigungen. Der Geldmangel war so akut, dass sogar befürchtet wurde, die Firma könne nur noch bis Anfang November durchhalten. Allerdings haben wohl inzwischen einige Kunden des Automobilzulieferers offene Zahlungen geleistet, sodass immerhin die Löhne und Gehälter für den Monat November gezahlt werden können. Auch der Stuttgarter Autobauer Daimler soll noch Rechnungen bei Karmann offen haben. Nach Angaben der IG Metall und des Karmann-Betriebsrats will Karmann die Produktion von Modulen für Mercedes so lange ruhen lassen, bis man sich mit den Stuttgartern geeinigt hat.

VW-Entscheidung vertagt

Bei der Osnabrücker Traditionsfirma hofft man indes weiter auf Rettung durch ein Unternehmen, das schon seit vielen Jahren ein guter Karmann-Kunde ist: VW. Die Wolfsburger verhandeln schon seit Wochen mit den Karmann-Gesellschaftern über den Kauf von Teilen von Karmann. In der Presse war allerdings zu lesen, dass der Preis, den VW zu zahlen bereit sei, den Karmann-Eignern zu niedrig sei. Auf der VW-Aufsichtsratssitzung in dieser Woche stand das Karmann-Thema zwar auf der Agenda, doch die ersehnte Entscheidung blieb aus. Nach Angaben eines VW-Sprechers wurde kein Beschluss in dieser Sache gefasst. Stattdessen soll das Thema bei der nächsten Aufsichtsratssitzung am 20. November besprochen werden.

Vorerst steht dem Unternehmen, dass den Nachfahren des Unternehmensgründers Wilhelm Karmann gehört, das Wasser also weiter bis zum Hals. Dabei blickt die Firma auf eine lange und erfolgreiche Historie zurück. 1901 kaufte Wilhelm Karmann die Osnabrücker Wagenfabrik Christian Klages. Zunächst wurden hauptsächlich Kutschen gebaut, doch bald verlegte man sich auf das Bauen von Karosserien im Auftrag von Autofirmen, unter anderem Opel. Aber auch ausländische Firmen, wie Chrysler oder Chevrolet, gehörten zu den Auftraggebern. Im Bereich der Cabrios gehörte man zu den Pionieren und feilte ständig an Möglichkeiten, die Handhabung der Verdecke zu verbessern. Mit dem Käfer Cabriolet, das zusammen mit VW entstand, feierte Karmann 1949 einen großen Erfolg. Mit dem Kultmodell Karmann Ghia gelang den Osnabrückern ein weiterer Coup. Bereits 1951 kam die Idee auf, auf Basis des VW Käfers ein Coupé zu bauen. Nachdem der Firmengründer 1952 starb, übernahm sein Sohn die Leitung des Unternehmens und griff den Coupé-Gedanken auf. An der Entwicklung beteiligt war auch das Studio Ghia in Turin, das dem italienischen Designer Luigi Segre gehörte und das sich im Namen des berühmten Autos wiederfindet. 1955 ging das schnittig aussehende Fahrzeug in Serie. Bis zum Ende der Produktion 1974 wurden etwa 440.000 Exemplare gebaut, entweder als Cabrio oder als Coupé. Auch mit spektakulären Designstudien sorgte Karmann im Lauf der Jahre immer wieder für Aufsehen und erarbeitete sich einen sehr guten Ruf als Spezialist für Cabrios und Coupés. Auf diese Expertise vertrauten viele namhafte Autokonzerne, die entsprechende Modellreihen von Karmann bauen ließen. Doch seit einigen Jahren gehen immer mehr Autobauer aus Kostengründen dazu über, ihre Fahrzeuge in den eigenen Fertigungsstätten zu produzieren. Karmann verlor wichtige Aufträge, musste die Überholspur verlassen und landete nun in einer Sackgasse.

 

11.12.2009 | 00:00

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