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Netflix kurz vor neuem Allzeithoch?


Drei Oscars für „Roma“. An der Netflix-Produktion kommt die Jury in diesem Jahr nicht vorbei. Während Hollywood weiterhin mit dem neuen Konkurrenten fremdelt, setzen Anleger weiter auf den Streaming-Dienst aus dem Silicon Valley. Ein neues Allzeithoch der Aktie wird immer wahrscheinlicher

Im Kern geht es um die Frage: Postkutsche oder Eisenbahn, Kinoerlebnis oder Streaming-Dienst. Die Netflix-Produktion „Roma“ war gleich für zehn Oscars nominiert – drei Auszeichnungen, nämlich für Regie, Kamera und bester fremdsprachiger Film, sahnt der Schwarzweißfilm von Regisseur Alfonso Cuarón ab. Aber der allerwichtigste entging ihm. Den besten Film des Jahres gewann „Green Book“. Damit hat die Debatte um Netflix und das Kino mal wieder begonnen. Anleger jedenfalls wissen, auf wessen Seite sie stehen. Die Investitionen in hochwertige Eigenproduktionen haben sich gleich in mehrfacher Hinsicht gelohnt. Im abgelaufenen Quartal gewann der Streaming-Pionier deutlich mehr Neukunden als erwartet, gleichzeitig verdiente das Unternehmen mehr Geld als von den Experten prognostiziert.

Zusammen mit Disney ist Netflix das wertvollste Medienunternehmen der Welt. Der Börsenwert ist in den vergangenen drei Monaten raketenhaft nach oben geschossen. Derzeit sind die Anteilsscheine für rund 360 Dollar zu haben und bewegen sich überaus zielorientiert in Richtung neuem Hoch. Die Korrektur der letzten Monate ist längst vergessen, das positive Momentum ist kaum zu übersehen. Die Aktie verzeichnet mehr als 35 Prozent Kursgewinn für das Jahr 2019. Seit Mitte Januar hat sich ein kleiner Widerstand im Bereich von 360 Dollar gebildet. Dieser sollte nun gebrochen werden. Damit wäre der Weg frei für einen deutlichen Anstieg – die Bullen könnten das Hoch vom September 2018 bei 386,80 Dollar anvisieren. Und sogar ein Sprung auf bis zu 423,21 Dollar – das bisherige Allzeithoch aus dem Juni 2018 – ist denkbar.

Derzeit zahlen 139 Millionen Menschen weltweit für den Streaming-Dienst. 2028 werden es nach Hochrechnungen von Morgan Stanley mehr als 377 Millionen sein, umgerechnet in Zuschauer wären das 900 Millionen Menschen, über elf Prozent der Weltbevölkerung. Nur in Nordkorea, Syrien und China ist Netflix nicht verfügbar. Es scheint, als entstehe ein globaler Fernsehsender, der globale Ländergrenzen aushebt: Plötzlich schauen Amerikaner die italienische TV-Provokation „Baby“ und die deutsche Serie „Dark“. 2017 gab Netlix mehr als 8,5 Milliarden Dollar für neue Inhalte aus, mehr als sechs Mal so viel wie der Konkurrent Apple. Ohne Rücksprache mit Vorgesetzten können Produktionsmanager Filme und Serien mit Millionenbudgets freigeben, heißt es aus dem Unternehmensumfeld – kreative Freiheit und radikale Offenheit seien das Rezept des im Silicon Valley ansässigen Unternehmens. Kurzum: flache Hierarchien, exorbitant hohe Gehälter. Diese können die Top-500-Angestellten sogar einsehen, bis auf die letzte Kommastelle. Frei nach dem Motto: Der Unternehmer im Unternehmer – eine Kultur, die fruchtet.

 

 

 

 

01.03.2019 | 13:39

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