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Sell GmbH: Abgehobene Küchentechnik


Im Bereich der Flugzeugkombüsen, auf Englisch Galleys genannt, ist das Unternehmen eigenen Angaben zufolge Marktführer. An Bord von Boeing- oder Airbusmaschinen diverser Fluglinien – von AirChina über Emirates und Lufthansa bis zur jemenitischen Airline Yemenia findet sich Küchenausrüstung von Sell. Und auch für viele andere Modelle unterschiedlicher Hersteller produzieren die Hessen Küchen und die passenden Geräte. Dazu gehören zum Beispiel Kaffee- und Getränkemaschinen, Dampfgarer und Tellerwärmer. Neben Standard-Kombüsen sind auch Luxusversionen erhältlich, mit ansprechender Optik und Sonderfunktionen, um auch kulinarische Wünsche von VIP-Passagieren erfüllen zu können. Die Anforderungen an Küchen in luftigen Höhen sind hoch: Die Geräte müssen robust und möglichst platzund gewichtssparend sein, zuverlässig funktionieren und die Crew muss sie leicht bedienen können, schließlich wollen die Passagiere nicht lange auf das Essen warten – eine echte Herausforderung, wenn man bedenkt, dass in einen Airbus A 380 bis zu 850 Reisende passen, während in einer Boeing 777 bis zu 550 Personen Platz finden. Außerdem ist die Sicherheit wichtig, denn Rauchentwicklung oder gar ein Brand an Bord eines Flugzeugs könnte katastrophale Folgen haben. Turbulenzen oder eine holprige Landung müssen die Bordküchen ebenfalls verkraften können. Nicht zuletzt müssen die Geräte leicht zu reinigen sein. Im Bereich Kombüsen für Flugzeuge hat Sell eine lange Tradition: 1955 stattete die Firma die Super Constellation der Lufthansa mit einer Küche aus, nur ein Jahr nachdem Werner Sell das Unternehmen gegründet hatte. Dem 1998 verstorbenen Firmengründer werden übrigens nicht nur die Flugzeugküche zugeschrieben, sondern auch Beiträge zur Entwicklung der Einbauküche und des Fertighauses. 2008 wurde die 35.000ste Küche an Finnair ausgeliefert. Auch Schlafkojen für die Besatzung, Dusch- und Waschräume für den VIP-Bereich kann Sell herstellen.

Stellenabbau drohte trotz guter Auftragslage

Die Sell GmbH gehört seit 1997 zur britischen Premium Aircraft Interiors Group, deren Firmen Inneneinrichtungen für Flugzeugkabinen herstellen, wie Liegesessel, Waschräume oder Bars. Doch im Sommer gab es Medienberichte, wonach es um die anderen Töchter der britischen Muttergesellschaft finanziell schlecht bestellt sein soll. Außerdem mache ein Finanzinvestor Druck, war zu lesen. Sell als einzige rentable PAIG-Tochter werde ausgepresst, hieß es. Rund ein Drittel der insgesamt rund 1.250 Arbeitsplätze sollte wegfallen, trotz voller Auftragsbücher und einer Produktionsauslastung, die Mehrarbeit erfordere, beklagte die IG Metall. Offiziell wurde die schwierige Lage der Flugzeugbranche für die Streichung von Jobs verantwortlich gemacht. Die Mitarbeiter zeigten sich indes verunsichert und demonstrierten für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze und die Zukunft des Unternehmens. Unterstützt wurden sie auch von politischer Seite. Mit Erfolg: Die Gewerkschaft, die Geschäftsführung von Sell und das PAIG-Management einigten sich schließlich darauf, betriebsbedingte Kündigungen bis Ende Juni 2012 auszuschließen. Außerdem verständigte man sich darauf, dass die Konzernführung eine eigenständige Finanzierungslösung für Sell ermöglichen werde. Seither konnte Sell mit erfreulichen Nachrichten auf sich aufmerksam machen. Die TUI und EgyptAir vergaben neue Aufträge an das Unternehmen aus Herborn, und vom hessischen Wirtschaftsministerium wurde der Flugzeugzulieferer als Hessen Champion 2009 in der Kategorie Weltmarktführer ausgezeichnet.

03.11.2009 | 00:00

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