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Volkswagen: Absatz-, Umsatz- und Gewinnrekord

Aucg in den USA läuft es wieder... und läuft und läuft.... (Bild: Shutterstock)


Überraschend starke Nachrichten aus Wolfsburg! Mit einem neuen Rekord bei Umsatz, Absatz und operativem Ergebnis übertrifft der Volkswagen-Konzern 2017 die Ergebnisse aus dem Jahr 2014, ist also ertragreicher als vor dem Abgas- und Dieselskandal. Und bleibt der größte Automobilhersteller der Welt. Volkswagen zurück in der Spur? Muss die Aktie jetzt ins Portfolio?

In etwa drei Jahre ist es nun her, dass im Zuge von US-Ermittlungen einer der größten Industrie-Skandale überhaupt aufgedeckt wurde. Illegale Abschalteinrichtungen in Diesel-Modellen von VW, schnell war das die Schlagzeile, die sich in Verbindung mit immer neuen Details und Anschuldigungen so schnell über die ganze Welt verbreitete, dass der damalige VW-Chef Martin Winterkorn mit seinen Erklärungs- und Entschuldigungsversuchen gar nicht mehr hinterher kam. Bekanntlich lies dann auch sein Rücktritt nicht lange auf sich warten.

Die Aktie von Volkswagen war währenddessen schon unaufhaltsam in die Tiefe gestürzt, nicht wenige hielten eine VW-Pleite für möglich. Es schien, als hätten es die Niedersachsen geschafft hunderttausende Arbeitsplätze, Milliarden an Investorengeldern und nicht zuletzt sich selbst, vom einen auf den anderen Moment zu vernichten. Klagen – hauptsächlich aus den USA und Europa – purzelten in der Folge nur so ein, auf den großen und jahrelangen deutschen Vorzeigekonzern. Die Zukunft, sie war ungewiss. Mehr als ungewiss.

Spätestens jetzt jedoch, Anfang 2018, scheint sich die alte Phrase „Totgesagte leben länger“ mal wieder zu bewahrheiten. Wie Volkswagen in dieser Woche berichtete, war 2017 nämlich in vielerlei Hinsicht das beste Jahr in der Wolfsburger Konzerngeschichte. So stieg der Umsatz insgesamt um sechs Prozent auf 230 Milliarden Euro, der operative Gewinn legte gar um knapp 100 Prozent auf 13,8 Milliarden Euro zu. Auch der Gewinn nach Steuern lag beinahe doppelt so hoch, wie noch im vergangenen Jahr. Hier half aber auch eine Gutschrift in Höhe von zirka einer Milliarde Euro im Zuge der US-Steuerreform mit. Den Absatz wiederum steigerte man auch ohne trumpsche „Hilfe“ aus den USA auf 10,7 Millionen Fahrzeuge. Allein im vierten Quartal 2017 konnte VW drei Millionen PKW und LKW verkaufen, vor allem bei Skoda, Porsche, MAN und Scania lief das Geschäft hervorragend. Damit klettern alles in allem sowohl Umsatz als auch operativer Gewinn und Absatz auf ein neues Rekordniveau und damit auch über das aus dem Jahr 2014, dem letzten in dem VW noch keine Abschreibungen im Zuge der Abgasaffäre tätigen musste. Die belaufen sich inzwischen auf zirka 25 Milliarden Euro. 2018, so das Ziel, sollen seit langem endlich mal keine neuen mehr dazu kommen.

Ob das klappt, darf angesichts weiter hoher Risiken angezweifelt werden, doch viel wichtiger ist: Mit Blick auf die nackten Zahlen scheint es so, als hätte Volkswagen diesen wahrlich monströsen Betrug schon jetzt überstanden. Die Abgasschummelei, sie belastet nur noch den deutschen Markt negativ. Hier gingen die Absätze 2017 minimal zurück. In China und auch Brasilien liefen die Geschäfte dagegen gut bis sehr gut.

Anleger blieben erst einmal vorsichtig

Trotz der starken Zahlenpräsentation schickten die Börsianer die VW-Aktie zunächst mit über zwei Prozent Minus auf Talfahrt. Schuld daran dürfte wohl hauptsächlich der eher verhaltene Ausblick von Vorstandschef Matthias Müller gewesen sein. Die operative Rendite nämlich, soll 2018 nur zwischen 6,5 und 7,5 Prozent steigen, Analysten hatten im Schnitt mit 7,5 Prozent gerechnet. Dass dieser nicht ganz so gute Blick in die Zukunft trotz der starken Zahlen für 2017 dazu führt, dass die Wolfsburg-Aktie fällt, ist wohl auch ein Zeichen dafür, wie viel Anleger inzwischen schon wieder von Volkswagen erwarten. Dass vor drei Jahren noch die Existenz des größten Automobilherstellers der Welt auf dem Spiel stand, scheint vergessen. Offenkundig rechnet man damit, dass der Skandal dann doch weitestgehend ausgestanden ist.

Nach dem Kursbeben an der Wall-Street und den ebenfalls herben Verlusten im Dax, ist das Volkswagen-Papier derzeit 163,80 Euro wert. Das Zwischenhoch bei 188,91 Euro Mitte Januar – ähnlich wie Daimler und BMW war Volkswagen an der Börse vergleichsweise rasant ins neue Jahr gestartet – ist damit ein gutes Stück weit entfernt. Bleibt die Frage, wie weit es für die Aktie im weiteren Jahreserlauf wieder nach oben gehen kann. Oder ob am Ende die allgemeine Befürchtung, die deutschen Hersteller könnten die Entwicklung des Automobils von Morgen verpassen, sogar zu weiteren Verkäufen führt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich VW 2018 und 2019 besser entwickle als der Branchen-Rest sei groß, glaubt Kepler Cheuvreux-Experte Michael Raab. Analyst Frank Schwope von der NordLB schrieb: Die Kunden scheinen den Wolfsburgen mit Blick auf die Zahlen ihre Abgas-Trickserei weitgehend verziehen zu haben. Auch im Januar wären die Verkaufszahlen schon wieder beeindruckend gewesen. So dürften Umsatz und operatives Ergebnis im laufenden Jahr neue Rekorde erzielen. Sein Kursziel beließ er bei 189 Euro.

Warnende Stimmen mit Blick auf die gesamte europäische Autoindustrie kamen dagegen von Morgan Stanley-Analyst Harald Hendrikse. Dass die Hersteller an der Börse günstig bewertet schienen, sei nur eine oberflächliche Betrachtung, so der Experte. Hohe Ausgaben für Forschung und Entwicklung würden bei allen steigen, womit wiederum freie Barmittelzuflüsse und Kapitalrenditen fielen. Auch die drohenden Dieselfahrverbote in Städten bereiteten ihm Sorge.

Blickt man auf die deutsche und europäische Autoindustrie im Ganzen, scheinen trotz zuletzt guter Absatzzahlen viele Probleme lange noch nicht aus der Welt. Und die betreffen eben auch Volkswagen. In Sachen E-Mobilität hinkt man der weltweiten Konkurrenz nach wie vor deutlich hinterher. Zudem hat auch die Premium-Marke Audi im Vergleich mit BMW und Mercedes schon einmal bessere Zeiten gesehen. Die 2017er Zahlen für den Gesamtkonzern und auch die Marke Volkswagen dürften aber zumindest Mut für die nähere Zukunft machen, zudem nehmen sie dem Abgasskandal allmählich seinen Schrecken. Können die Wolfsburger 2018 den Wachstumstrend fortsetzen und wieder Rekordzahlen liefern, könnte die Aktie derzeit immer noch eine attraktive Einstiegschance bieten. Mit einem KGV von 6,2 ist das VW-Papier derzeit und diesbezüglich Schlusslicht im Dax. Ob die Aktie deshalb ins Depot muss, das muss jeder für sich entscheiden. Spannend, bleibt sie 2018 allemal. Oliver Götz

24.02.2018 | 19:04

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