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Mit aller Kraft nach China

Volkswagen AG, Chart: 10.10.2014.

Volkswagen verzeichnete für den Zeitraum von Januar bis September 2014 einen Zuwachs um 5,3 Prozent auf 7,4 Millionen ausgelieferte Fahrzeuge im Vergleich zum Vorjahr.

Volkswagen produziert gemeinsam mit FAW Modelle wie den Golf 7 im Montagewerk Fóshān.

Volkswagen produziert gemeinsam mit FAW Modelle wie den Golf 7 im Montagewerk Fóshān. (Foto: Volkswagen AG)



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Der Traum von den 10 Millionen lebt: Im Jahr 2014 will der Volkswagen-Konzern einen neuerlichen Rekord bei seiner Fahrzeugauslieferung aufstellen. Doch die Situation auf dem wichtigsten VW-Absatzmarkt bietet Anlass zum Zweifel. Unterdessen muss die Aktie der Wolfsburger massive Verluste einstecken.

In der ersten Hälfte des Jahres 2014 war viel von den Erfolgen und Rekorden deutscher Autobauer zu lesen. BMW, Daimler, Volkswagen: Sie alle erreichten neue Bestwerte beim Absatz ihrer verschiedenen Automobilmarken. Dieser Trend scheint sich bislang fortzusetzen und beschert den Herstellern insgesamt erfreuliche Zahlen. Volkswagen verzeichnete für den Zeitraum von Januar bis September 2014 einen Zuwachs um 5,3 Prozent auf 7,4 Millionen ausgelieferte Fahrzeuge im Vergleich zum Vorjahr. Der September war mit einem Plus von drei Prozent ein eher schwacher Monat für das Traditionsunternehmen. Dabei ist die aktuelle Entwicklung in den verschiedenen Märkten weltweit sehr unterschiedlich. So stehen beispielweise kontinuierliche Absatzrückgänge in Russland (-13%), USA (-5,1%) und Brasilien (-16,3%) für die ersten drei Quartale zu Buche. Die Krise am russischen Markt ist recht schnell durch politische Schwierigkeiten erklärt. In den USA schafft Volkswagen es hingegen einfach nicht, richtig Fuß zu fassen. Das Potential Brasiliens wurde womöglich etwas überschätzt, die dortige Wirtschaftskrise hinterlässt deutliche Spuren.

Doch solange es am größten und wichtigsten Einzelmarkt des Konzerns gut läuft, kann man auf die anderen Märkte mit relativer Gelassenheit blicken. Denn mit 2,72 Millionen Einheiten weist der Absatz in China ein Plus von 15,2 Prozent auf. Doch Berechnungen der Finanz- und Nachrichtenagentur dpa-AFX zufolge stiegen die Volkswagen-Verkäufe in China im September nur noch um etwa 4,5 Prozent an, was wahrlich ein Rückschlag für das asiatische Geschäft wäre. Für die ersten acht Monate berechnete dpa-AFX dafür ein Plus von 17 Prozent. In Europa ist der Trend ebenfalls positiv, der Traum von den zehn Millionen Auslieferungen kann also trotz regionaler Rückgänge weiterleben. Wie wichtig der gesamte asiatische Markt wirklich ist, zeigen allein die Zahlen der Stammmarke VW. Von weltweit 4,56 Millionen Fahrzeugen ging fast die Hälfte in die Region „Asien-Pazifik“. Audi und Porsche, die beide zum Wolfsburger Konzern gehören, konnten dort ebenfalls kräftig zulegen. Das Wachstum in China ist auch im Hinblick auf die internationalen Konkurrenten sehr wichtig.

Kooperation mit chinesischem Partner verlängert

Ob sich allerdings die gute Umsatzsteigerung von 2013 wiederholen lässt, ist fraglich. Um 2,2 Prozent war der Wert im letzten Jahr angewachsen, auf ganze 197 Milliarden Euro. Zudem lag Volkswagen auf Platz acht der gewinnträchtigsten Unternehmen Europas. Umso mehr will der deutsche Automobilproduzent natürlich seinen Lieblingsmarkt pflegen. Daher wurde am Freitag die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Staatsautobauer und Joint Venture Partner First Automotive Works (FAW) um weitere 25 Jahre bis 2041 verlängert. Laut der entsprechenden Mittelung vonseiten des Volkswagen-Konzerns wolle man „bereits bestehende Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in China deutlich ausbauen und in den kommenden Jahren neue Geschäftsfelder vor allem im Bereich alternativer Antriebsformen erschließen.“

Der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn bekräftigte die Ambitionen seines Unternehmens im Reich der Mitte: „Gemeinsam mit seinen starken Partnern setzt Volkswagen in China auf Innovationen, umweltfreundliche Technologien und hervorragend ausgebildete Mitarbeiter. Die heutigen Vereinbarungen ebnen den Weg dafür, dass sich die Automobilindustrie in China nachhaltig entwickelt und der Volkswagen Konzern mit seinen Joint Ventures vom Wachstum profitieren wird.“ Auch Konkurrent Daimler bleibt bei seinem Partner BAIC. Rahmenveranstaltung dieser Vereinbarungen war der Besuch von Chinas Premierminister Li Keqiang bei Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin.

Wird die Mehrmarkenstrategie zum Problem?

Neben der Stammmarke VW, Audi und Porsche gehören noch neun weitere Marken zum Volkswagen-Konzern: Seat, Škoda, Bentley, Bugatti, Lamborghini, Ducati (Motorräder), VW Nutzfahrzeuge, MAN sowie seit der Bestätigung des Übernahmeangebots im Mai 2014 auch Scania. Die beiden letzteren haben vor wenigen Wochen eine enge Kooperation auf dem Gebiet der Getriebeentwicklung bekanntgegeben. Das Magazin „Der Aktionär“ zitiert den Professor und Automobilexperten Ferdinand Dudenhöffer mit einer negativen Einschätzung dieser Markenvielfalt: „VW steckt in der Krise. Die Komplexität des Konzerns wird mehr und mehr nicht beherrschbar. Die Margenprobleme der Kernmarke nicht lösbar. VW hat sich in seiner Mehrmarkenstrategie verheddert. Und das schwierigste:  Der Management-Nachwuchs fehlt. Kein Mensch mag an eine Nach-Piech-Zeit denken“. Andererseits punkten gerade die vergleichsweise kleineren Marken in China. Zur Erinnerung: Bis 2018 will Volkswagen „ökonomisch und ökologisch“ Weltmarktführer für Automobile werden und so an General Motors und Toyota vorbeizuziehen.

Mit einem etwas flapsigen Slogan startet Volkswagen in der nächsten Woche eine neue Kampagne für seinen VW Touareg: „Bereit für was auch immer“ soll ein abenteuerlustiges Publikum ansprechen und die Neuerungen in puncto Komfort und Sicherheit präsentieren. Ähnlich abenteuerlustig müssen Anleger derzeit bei der Volkswagen-Aktie sein, um noch von Komfort und Sicherheit sprechen zu können. In der abgelaufenen Handelswoche fiel der Kurs um knapp sechs Prozent auf 150,70 Euro. Damit liegt der Wert der Aktie so tief wie seit 14 Monaten nicht mehr. Volkswagen zieht es an der Börse also wie den gesamten DAX mächtig in den Keller. Dennoch rät zum Beispiel die US-Bank JPMorgan weiterhin zum Kauf und bekräftigte am Donnerstag ihr Kursziel von 205 Euro. Credit Suisse bekannte sich zwei Tage zuvor, noch unter dem Eindruck des Pariser Autosalons, sogar zum Kursziel von 265 Euro für die Vorzugsaktien. Positiv sollen sich vor allem veränderte Wechselkurse auswirken. Ein „was auch immer“ wird es bei Volkswagen jedenfalls sicher nicht geben: Der Konzern strebt weiterhin klar auf den chinesischen Markt.

Marius Mestermann

16.10.2014 | 18:39

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