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Wirecard: Do-or-die-Moment für die Aktie

(Foto: Wirecard)


Nach dreimaliger Verschiebung will der Zahlungsabwickler am Donnerstag endgültig die Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr darlegen. Für die Aktie könnte das in einem Befreiungsschlag enden. Aber auch in einem erneuten Kursdesaster, ähnlich dem in Folge des KPMG-Berichts.

Ursprünglich einmal für den 8. April geplant, dann auf Ende desselben Monats verschoben, wenig später auf den 4. Juni gelegt und dann nochmal um zwei Wochen nach hinten, auf den 18. Juni, verzögert, dürfte es an eben jenem letztgenannten Datum nun endlich so weit sein. Nach einer historischen Hängepartie, die das Vertrauen von Kunden und Anleger arg strapazierte, will Wirecard am Donnerstag seine endgültige Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr verkünden.  

Es könnte ein Do-or-die-Moment für die Aktie des Bezahldienstleisters werden. Wirecard hat bereits im Februar grob Auskunft über die 2019er Zahlen gegeben. So soll der Umsatz gegenüber 2018 um 38 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro gestiegen sein, der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen einen Satz um 40 Prozent auf 785 Millionen Euro gemacht haben. Auch die Zahlen für das erste Quartal des laufenden Jahres sind mit einer Umsatzsteigerung von 24 Prozent auf 700 Millionen Euro und einem Ebitda-Plus von 26 Prozent auf 204 Millionen Euro bereits veröffentlicht. Einen Ausblick für das laufende Jahr gibt es mit einer Ebitda-Prognose von 1,0 bis 1,12 Milliarden Euro ebenso und an ihm wurde bislang nicht gerüttelt. Das entspräche trotz Coronakrise einer möglichen Steigerung des operativen Gewinns um erneut mehr als 40 Prozent.

Starke Zahlen und Wachstumsaussichten helfen nichts

Das sind durch die Bank starke Zahlen, die gemeinsam mit der Prognose eine intakte Wachstumsstory nahelegen. Allein, all das hilft wenig, sollten am Donnerstag Kunden wie Investoren nicht die Zweifel an der korrekten Umsatzverbuchung genommen werden können. Gelingt es Wirecard nicht, zumindest für 2019 reinen Tisch zu machen, könnte ein erneutes Kursfiasko drohen, wie nach Vorlage des KPMG-Berichts, der mehr Fragen aufwarf, als er beantwortete. Unter anderem, da die Wirtschaftsprüfer Wirecard in diesem mangelnde Kooperationsbereitschaft vorgeworfen hatten.

Nun ist Ernst & Young an der Reihe. Und die wiederum ihre Prüfungen nicht rechtzeitig zum Abschluss gebracht hatten, musste die Bilanzvorlage überhaupt erst zum dritten Mal verschoben werden. Der Pessimist ahnt böses.  

Unter Anlegern fanden sich in den vergangenen Tagen jedoch auffallend viele Optimisten. Vom Kurstief Mitte Mai bei 77 Euro startete die Wirecard-Aktie eine vierwöchige Comebackrally und stieg um mehr als 30 Prozent auf inzwischen wieder über 100 Euro. Damit ist die Aktie aber nach wie vor weit von ihrem Vorkrisenniveau (140 Euro) entfernt und noch weiter von ihrem Rekordhoch aus dem Jahr 2018, kurz nach dem Aufstieg in den Dax (195 Euro).

Dreimal so viel Gewinn wie Adyen – Doch an der Börse enteilen die Niederländer


Dazu gilt als wahrscheinlich, dass die Aktie ob des Tech-Booms der vergangenen Jahre und dessen Beschleunigung inmitten der Coronakrise, längst zu neuen Rekordhochs geeilt wäre, gäbe es die Vorwürfe der Bilanzmanipulation nicht. Wirecards Wachstumsaussichten und gegenwärtig sehr gute Performance finden sich im Kurs also nicht wieder. Ganz anders bei Konkurrent Adyen. Die Aktie der Niederländer erklimmt im Eiltempo neue Höhen, kostet inzwischen 1.251 Euro. Ausgehend von seinem Corona-Tief hat sich der Kurs damit fast verdoppelt. Auf Einjahressicht summiert sich ein Plus von über 70 Prozent. Die Marktkapitalisierung von Adyen beträgt inzwischen 36,5 Milliarden Euro, die von Wirecard liegt bei 12,1 Milliarden Euro. Das legt eine niedrige Bewertung der Wirecard-Aktie nahe. Vor allem, da Adyen im ersten Quartal 2020 auf ein Ebitda von 63,6 Millionen Euro kam, also nicht einmal auf ein Drittel des operativen Gewinns von Wirecard.

Was Wirecard jetzt verpasst, könnte für immer verpasst sein


Gleichzeitig aber zeigt der Kursverlauf der Niederländer Wirecards größtes Problem. In der Zahlungsabwickler-Branche gibt es viel Konkurrenz, Qualitätsunterschiede zu schaffen ist schwierig. Umso mehr könnten Wirecard die Vorwürfe der Bilanzmanipulation schaden. Schließlich haben sich die Aschheimer damit einhergehend in den vergangenen Monate auch oft als unseriöses, chaotisches Unternehmen präsentiert. Neue Kunden könnten so die Konkurrenz bevorzugen – vorsichtshalber. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo die gesamte Branche durchstartet. Was Wirecard jetzt verpasst, könnte für immer verpasst sein.

Noch allerdings schließt Wirecard vielversprechende neue Kooperationen ab. Jüngst mit Wildberries, dem größten Online-Einzelhändler Russlands. Oder mit der Mobile-Wallet-App Stocard, die weltweit über 45 Millionen Nutzer hat. Für Anleger sind das wichtige Hoffnungsschimmer. Und dennoch: Wirecard steckt bis zum Hals in einer Glaubwürdigkeitskrise. Der Konzern um seinen umstrittenen CEO Markus Braun muss dringend für klarerer Verhältnisse mit Blick auf seine Bilanz und im Konzern selbst für mehr Struktur sorgen. Sonst droht die Konkurrenz zu enteilen.  

Aktie bleibt weiter eine Glaubensfrage
 
Gelingt das, erscheint das Aufhol- und Aufwärtspotenzial riesig. Das sehen auch viele Analysten so, die dem Papier gegenüber nach wie vor recht positiv gestimmt sind. Baader-Analyst Knut Woller schrieb in einem Kurzkommentar: „Die Aktien sind unserer Einschätzung nach stark unterbewertet.“ Sein Kursziel setzt er bei 240 Euro. Es gibt aber auch pessimistischere Stimmen. NordLB-Analyst Wolfgang Donie sieht die Aktie mittelfristig bei 80 Euro. Das zerstörte Anlegervertrauen wieder herzustellen dürfte ein Kraftakt werden, der Jahre dauere, schrieb er in einer Einschätzung.

Die Aktie des Bezahldienstleisters bleibt also weiter eine Glaubensfrage. Entsprechend gespannt darf man sein, in welche Richtung das Pendel am Donnerstag, nach Vorlage der Bilanz, ausschlägt. Für die kommenden Monate könnte dies richtungsweisend sein.

Oliver Götz

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16.06.2020 | 16:58

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