Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Unternehmen >

Merck: Kaufen nach dem Kurssturz?

Ein Hoffnungsträger aus der Medikamentenpipeline des Pharmakonzerns floppt. Die Aktie gibt zweistellig nach. Ein schwerer Rückschlag oder eine Überreaktion?

(Foto: Shutterstock)

Ein Hoffnungsträger aus der Medikamentenpipeline des Pharmakonzerns floppt. Die Aktie gibt zweistellig nach. Ein schwerer Rückschlag oder eine Überreaktion?

Binnen eines Tages war fast die gesamte Erholung seit dem Tief aus dem Oktober dahin. Am Mittwoch durchlebte die Aktie von Merck den größten Kurssturz an einem Tag seit mehr als 14 Jahren. Zweistellig im Minus hielten die Papiere in einem ansonsten gut aufgelegten Dax die rote Laterne hoch. In den Wochen zuvor waren die Titel des Pharmakonzerns noch von 137 auf 163 Euro emporgeklettert. Diese Erholung ist nun dahin. Leicht höher als am Mittwoch notiert die Aktie zum Ende der Woche bei rund 143 Euro. Damit setzt sich der übergeordnete Abwärtstrend weiter fort. Im Dezember 2021 kosteten Merck-Anteile 228,90 Euro. Seither ging es abgesehen von einem kurzen Aufbäumen Ende 2022 beständig bergab. Ganz anders der Dax, der unter der Woche gleich mehrmals ein Rekordhoch erreichte. Die Jahresendrally ist in vollem Gange. Allein, an Merck geht sie spätestens jetzt wohl gänzlich vorüber.

Evobrutinib, einer der zwei großen Hoffnungsträger in Mercks Medikamentenpipeline hat in zwei entscheidenden klinischen Studien der Phase-3 nicht überzeugt. Blockbuster-Potenzial hatte Vorstandschefin Belen Garijo dem Multiple-Sklerose-Präparat zugesprochen, sprich ein Umsatzpotenzial pro Jahr in Milliardenhöhe. Mit diesen Einnahmen können die Darmstädter jetzt nicht mehr planen. Nicht einmal mit weniger. Das Medikament wird nicht auf den Markt kommen. Ein solches Scheitern in Phase-3 der klinischen Studien ist stets besonders bitter und kommt, da eher unwahrscheinlich, meist gemeinsam mit einem kräftigen Kursrutsch daher.

Das Ergebnis sei eine herbe Überraschung, kommentierte Barclays-Analystin Emily Field. Tatsächlich hatte es bereits im Vorfeld Diskussionen um mögliche Leberschäden als Nebenwirkung des Mittels gegeben. Um die Wirksamkeit hätten sich Anleger jedoch nicht gesorgt, so Field weiter. Und das Management um CEO Garijo offenbar auch nicht. Das Evobrutinib gegenüber Teriflunomid den Kürzeren ziehe, sei keine Option gewesen, erklärte auch UBS-Analyst Colin White.

Nun ist der Schaden groß, zumindest auf den ersten Blick. Die Pharma-Pipeline von Merck ist schließlich alles andere als prall gefüllt. In Phase-3 befindet sich nun nur noch ein einziger Wirkstoff, das Krebsmedikament Xevinapant. Wachstumsfantasie kommt so nicht auf. Vor allem auch, da der Evobrutinib-Flop kein Einzelfall im Konzern ist. Erst 2021 scheiterte Merck in Studien mit dem Krebspräparat Bintrafusp alfa, ursprünglich ebenfalls als Hoffnungsträger an den Start gegangen. Alles in allem hat Merck in den vergangenen 15 Jahren nur zwei Medikamente zulassen können. Das Multiple-Sklerose-Medikament Mavenclad und die Krebsimmuntherapie Bavencio, beide 2017.

Die entscheidende Frage lautet: lässt sich damit der Kurssturz rechtfertigen? Bedingt ja, denn auch Mercks Halbleiter- und Laborsparte schwächelten zuletzt. 2023 soll es deshalb kein Wachstum im Konzern geben. Es fehlt also ohnehin schon an positiven Nachrichten. Da war die Evobrutinib-Meldung womöglich nur das berühmte Zünglein an der Waage.

Auf der anderen Seite sind Mavenclad und Bavencio zwei Blockbuster-Medikamente und spülen Merck Milliarden in die Kassen. Die Pharma-Sparte des Konzerns ist trotz der wenigen Neuzulassungen in den vergangenen Jahren gewachsen. Merck hat sich im Sektor auch zunehmend darauf spezialisiert Verkaufslizenzen von anderen Entwicklern und Herstellern zu erwerben. Diese Woche erst erwarb Merck für ausgewählte Länder die Vermarktungslizenz für ein Krebsmedikament von Abbisko Therapeutics, einem Unternehmen aus China. Das Mittel befindet sich in abschließenden Studien. „Auch wenn wir von den Ergebnissen sehr enttäuscht sind, werden wir unsere Strategie im Unternehmensbereich Healthcare weiter vorantreiben und uns darauf konzentrieren, unser Portfolio an zugelassenen Produkten sowie unsere interne Pipeline weiter zu stärken“, sagte Danny Bar-Zohar, Leiter der Forschung & Entwicklung in Mercks Pharmasparte, über den Evobrutinib-Flop.

Merck hat in den vergangenen zehn Jahren seinen Umsatz verdoppelt, ist breit aufgestellt, und kann Rückschläge gut verkraften. 70 Prozent der Unternehmensanteile gehören der Merck-Familie. Der ging es bislang um einen langfristig gesunden Konzern, nicht um die schnelle Wertsteigerung des Aktienkurses.
Die aktuelle Schwächephase könnte also auch als Einstiegschance verstanden werden, der zweistellige Kursrutsch unter der Woche als Überreaktion. Die Ergebnisziele will Vorstandschefin Garijo schließlich nicht anfassen, für 2024 rechnet sie auch wieder mit Wachstum.

Am Ende könnte Evobrutinib als große Enttäuschung bleiben, aber nicht als etwas, das einen Konzern wie Merck aus der Bahn wirft. Jetzt einzusteigen, wäre aber sicher mutig. Beobachten, dürfte die Devise lauten.

OG

Lesen Sie auch: Goldpreis auf Rekordhoch: Was dahinter steckt