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Alibaba und die vielen Käufer

Alibaba wird hierzulande gerne als „chinesisches Amazon“ bezeichnet. (Quelle: www.alibabagroup.com)


Es könnte einer der bedeutendsten Börsengänge der Geschichte werden. Schließlich handelt es sich um eine IT-Firma mit herausragenden Kundenzahlen. Sie kommt aus dem Zukunftsland China und fühlt sich offenbar fit für den weltweit renommiertesten Börsenplatz, für Wall Street. All das sind beste Voraussetzungen für eine rundum erfolgreiche Unternehmung.

Die Rede ist von Alibaba, einer Unternehmensgruppe mit Sitz im ostchinesischen Hangzhou. Die Alibaba Group wagt den Schritt auf das New Yorker Parkett. Wann genau der IPO stattfinden soll, hat der chinesische Online-Gigant bisher noch nicht eindeutig kommuniziert. Zunächst rechnete die Börsenwelt mit der ersten Augusthälfte. Jetzt wird ein Termin im September angepeilt. Man wolle die Urlaubszeit abwarten, hieß es in Medienberichten. Der Countdown läuft.

Alibaba wird hierzulande gerne als „chinesisches Amazon“ bezeichnet. Das Online-Unternehmen ist aber bei genauerem hinsehen viel mehr als „nur“ ein Online-Versandhändler. Der Alibaba Group unterstehen zehn Tochterfirmen. Zunächst ist Alibaba.com dabei eine E-Commerce Plattform im B2B-Bereich. Das Unternehmen bezeichnet sich selbst als Weltmarktführer im elektronischen Handel für kleine Firmen. Das Online-Auktionshaus Taobao ist vergleichbar mit dem amerikanischen Unternehmen eBay. In Anbetracht der Kundenzahlen müsste man jedoch eher sagen, dass eBay das „amerikanische Taobao“ ist und nicht umgekehrt. Denn während eBay nach eigenen Angaben 149 Millionen aktive Kunden weltweit verzeichnet, spricht Taobao von fast 500 Millionen registrierten Nutzern.

Im Reich der Mitte erlebt dieses Geschäftsmodell einen derartigen Hype, dass sich ganze Landstriche im Taobao-Fieber befinden. Aus verschlafenen Dörfern armer chinesischer Provinzen werden Orte des Wohlstands. Denn einige Chinesen betreiben den Online-Handel über diese Plattform hauptberuflich – das zweite wichtige Geschäftsfeld. Die Alibaba-Händler nutzen mitunter verlassene Gebäude junger Menschen, die ihr Glück in den Großstädten des Landes suchen, als Lagerhallen für Verkaufsware. Nach und nach entwickeln Dörfer dadurch eine bessere Infrastruktur, um ihren ausgeweiteten Logistik-Ansprüchen gerecht zu werden. Gefördert wird diese Art des Online-Handels auch dadurch, dass Taobao-Ware nicht versteuert werden muss. Vom Sack Reis bis zum LKW kann man hier alles steuerfrei erwerben. Ein drittes Standbein der Alibaba Group ist Alipay. Ein Online-Bezahlservice im PayPal-Stil. Nur eben ausgerichtet auf die größte Volkswirtschaft der Welt. Alipay ist Branchenprimus in China und wird von 300 Millionen Menschen genutzt.

In vielen Dingen orientiert sich der Internet-Markt Chinas am Vorbild USA. Kein Wunder, dass der Alibaba-Gründer Jack Ma auf der anderen Seite des Pazifiks die Idee für den Welterfolg dieser Marke hatte. Der Legende nach fiel ihm der Namen Alibaba in einem Café in San Francisco ein. Dort fragte er eine Kellnerin, ob sie Alibaba kenne. Sie antwortete: „Klar, Alibaba und die 40 Räuber“. Schon war sich Jack Ma sicher: Diesen Namen kennt jeder – so sollte die Firma heißen. Kritische Zungen behaupten, chinesische Internetunternehmer kopieren lediglich amerikanische Online-Erfolge und modifizieren sie für den ostasiatischen Markt. Im Fall Alibaba sind beispielsweise deutliche Parallelen zu Amazon, ebay und weiteren Dienstleistern erkennbar.

Kein Selbstläufer für Investoren

Erfolgreich scheint das Unternehmen aus dem Reich der Mitte allemal zu sein. Ob es auch an der Börse reüssieren wird, muss es erst noch beweisen. Es könnte indes der größte Börsengang der Geschichte werden. Die Bewertungen des Konzerns, der demnächst unter dem Symbol BABA gehandelt wird, variieren stark. Sie reichen von 140 bis 240 Milliarden US-Dollar. Dabei ist das Unternehmen aus Fernost bisher selbst so manchem Börsenprofi suspekt. Das liegt auch an der komplexen Unternehmensstruktur. Denn diese orientiert sich freilich in erster Linie am chinesischen Unternehmensrecht. Das chinesische Unternehmen ist jedoch amtlich auf den britischen Cayman-Inseln eingetragen. Nicht zuletzt deswegen wird die Seriosität der Alibaba Group zuweilen angezweifelt. Die Cayman-Inseln sind wiederum auch Schuld daran, dass Alibaba nicht im amerikanischen S&P 500 aufgenommen werden kann. Denn dazu benötigt es einen Sitz in den USA. Viele Großaktionäre und Fonds bestücken ihr Portfolio prinzipiell nur mit Aktien aus dem Index der größten 500 US-Firmen, sodass dadurch für Alibaba potentielle Investoren wegfallen könnten.

Der IPO von Alibaba birgt überdies noch weitere Gefahren. Viele Börsianer erinnern sich nur ungern an den Börsengang von Facebook, der eher an eine Bruchlandung als einen Raketenstart erinnerte. 2012 wurde Facebook an der New Yorker Börse mit 16 Milliarden US-Dollar bewertet. In den ersten Handelswochen rauschte der Aktienkurs tief in den Keller. Es dauerte über ein Jahr bis die Facebook-Aktie den Startkurs von 38 US-Dollar wieder erreichte. Inzwischen liegt der Aktienwert dank einer sehr starken Entwicklung im laufenden Jahr bei rund 75 US-Dollar. Das Risiko einer zu geringen „After-Market-Nachfrage“ ist auch bei Alibaba gegeben. „Es wird schwierig den Kurs in den ersten Wochen nach Handelsbeginn hochzuhalten“, kommentiert ein Händler skeptisch. Die Geschäftsführung von Alibaba hat also in den nächsten Wochen bis zum Börsenstart noch viel zu tun, um sich bei internationalen Investoren bekannt und begehrt zu machen.

In Anbetracht dieser Herausforderungen wäre es für den jungen CEO Jonathan Lu und sein Team wohl einfacher gewesen, einen asiatischen Handelsplatz - etwa die Börse Hongkong - zu wählen. Denn dort braucht sich das Unternehmen über mangelnde Bekanntheit keinen Kopf zu zerbrechen. Im Zuge des Alibaba-Booms bieten inzwischen manche chinesische Universitäten sogar einen Master in E-Commerce an.

Doch auch in China ist Alibaba keineswegs unaufhaltbar. Immer wieder hört man von Unternehmensseiten Klagen über Logistik-Probleme. An der ökonomisch erfolgreichen und überbevölkerten Ostküste ist die Infrastruktur Chinas nicht mit dem Wirtschaftsaufschwung hinterhergekommen. Im Landesinneren ist das Straßen-, Bahn- und Onlinenetz ohnehin nur schlecht ausgebaut. Um diesen Problemen entgegenzuwirken, hat Alibaba in der Vergangenheit bereits umgerechnet zehn Milliarden Euro in den Ausbau eines eigenen Logistik-Netzwerkes investiert. Dies ist ein weiterer Beweis für die beeindruckende Größe und den Einfluss des Unternehmens.

Fazit

Alibaba wird mit dem bevorstehenden Börsengang Geschichte schreiben – so oder so. Im September soll die E-Commerce-Gruppe in den USA in den Handel gehen. Bis dahin sucht das Unternehmen der Superlative nach internationalen Investoren, um den Börsenstart erfolgreich zu gestalten. Der Facebook-IPO ist vielen Börsianern noch unangenehm im Hinterkopf. Alibaba will aus den Facebook-Fehlern lernen, hat aber selbst noch andere kritische Herausforderungen zu meistern. In jedem Fall wird es spannend werden.

WCW

16.08.2014 | 07:47

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