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Larry schnuppert Höhenluft

Copyright Marisa Allegra Williams (@marisa) for Twitter, Inc.


Lange Zeit galt der Kurznachrichtendienst Twitter als Nischenanbieter. Das könnte sich bald ändern. Die aktuell stark ansteigenden Nutzerzahlen lassen auf eine Entwicklung zum Massenphänomen hoffen. Auch die Umsatzzahlen begeistern.  Twitters Vogel Larry, Wappentier dieses Sozialen Netzwerks, befindet sich derzeit auf einem ausgedehnten Höhenflug. Dennoch schreibt das Unternehmen weiter Verluste.
 
124 Prozent! Das nennt man mal eine satte Umsatzsteigerung. Selbst die größten Optimisten unter den Analysten dürften nicht schlecht gestaunt haben, als Twitter vor wenigen Tagen diese Zahl im Rahmen seiner Quartalsentwicklung präsentierte. Damit erwirtschaftete der multilinguale Mikroblogging-Dienst Erlöse in Höhe von 312 Millionen Dollar - mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Sogar Twitter selbst hatte „nur“ mit bis zu 280 Millionen Dollar Umsatz gerechnet. Besonders das florierende Anzeigengeschäft sorgte für den unerwartet großen Erfolg. So kletterten die Einnahmen aus Werbung um 129 Prozent auf 277 Millionen US-Dollar. Den Großteil davon, 81 Prozent, hat das Unternehmen im zukunftsträchtigen Mobil-Geschäft gemacht. Damit liegt Twitter in dieser wichtigen Kategorie sogar vor Facebook. Zwar ist der große Konkurrent (noch) als viel profitabler einzuschätzen. Doch Twitters wichtigsten börsenrelevanten Kennzahlen liegen bereits heute auf Facebook-Niveau. Damit ist der Kurznachrichtendienst- ungeachtet der wirtschaftlichen Legitimierung- vom Bewertungsmaßstab wie Zuckerbergs Gelddruckmaschine zu sehen. Derzeit wird Twitter mit dem zwölffachen des zu erwartenden Umsatzes und mit dem 128-fachen des zu erwartenden Gewinns für das kommende Jahr bewertet.  
 
Einen weiteren Anlass zu Larrys beschwingt-fröhlichem Zwitschern dürften die rapide ansteigenden Nutzerzahlen geben. In den drei Monaten des zweiten Quartals kamen 16 Millionen neue Kunden hinzu, was den stärksten Anstieg in fünf Quartalen bedeutete. Insgesamt nutzen derzeit 271 Millionen den Kurznachrichtendienst aus den USA. Im Vergleich zum Vorjahresquartal kletterte die Zahl der monatlichen Twitterer um 24 Prozent. Das nachhaltige Wachstum steht auch künftig ganz oben auf der Agenda. Die Rechnung für den Kurznachrichtendienst klingt einfach: Je mehr Nutzer zu Twitter strömen, desto mehr Werbeeinnahmen werden auf Dauer fließen. Die Macher des Mikroblogging-Dienstes sind sich sicher, dass es neben Facebook Platz für ein weiteres großes soziales Medium gibt. „Wir sind überzeugt, dass wir Twitter einem noch breiteren Publikum nahebringen können“, erklärt Firmenchef Dick Costolo am Sitz in San Francisco. Bisher galt Twitter unter Experten eher als Nischenprodukt. Die aktuellen Zahlen jedoch deuten auf eine massentaugliche Zukunft hin. Zumindest für den Moment sieht es laut zahlreichen Analysten-Meinungen so aus, als könne Twitter sein Wachstumstempo beibehalten.    
 
Kritiker geben jedoch zu bedenken, dass die Fußball-WM großen Einfluss auf das Wachstum bei den Nutzerzahlen gehabt haben könnte. Die Analysten Arvind Bhatia und Brett Strauser von Sterne Agee hoben etwa hervor, dass sie genau auf die Drittquartalszahlen gucken würden, die ohne ein entsprechendes Großereignis mehr Aussagekraft über die grundlegenden Trends haben dürften. Costolo betonte hingegen, dass das Wachstum bei den Nutzerzahlen vor allem mit Produktänderungen und nicht mit der Fußball-WM zusammenhänge. Einen gewaltigen Schub in Richtung Massenrelevanz bekam der Kurznachrichtendienst durch den Word Cup aber zweifelsohne. Twitter begleitete die Weltmeisterschaft in Brasilien mit 672 Millionen getippten Meldungen intensiver als jeder andere Social-Media-Dienst. Für WM-Twitterer überlegten sich die Mitarbeiter allerlei Spielereien. Und das zahlte sich aus. Allein beim Kracher Deutschland - Brasilien gab es 4,4 Milliarden „Tweet-Impressions” bei Twitter. Außerdem sind die Kurznachrichten rund zwei Milliarden Mal auf anderen Plattformen, wie Nachrichtenportalen, Websites oder im Fernsehen angesehen worden. Dadurch hat der Dienst zwei bis dreimal so viele Menschen erreicht, wie er Nutzer hat.
 
Wenig weltmeisterlich sieht hingegen der Blick auf die Gewinn-und Verlustrechnung aus. Wegen der aktienbasierten Vergütung der Mitarbeiter rutschte das Unternehmen sogar noch tiefer in die Verlustzone - und zwar von einem Minus von 42 Millionen vor einem Jahr auf 145 Millionen Dollar. Ohne diese Aufwendungen wäre die Firma profitabel gewesen, rechnete Twitter vor. Vom Geld verdienen ist der Kurznachrichtendienst also noch ein ganz schönes Stück entfernt. Allerdings könnte das nur eine Momentaufnahme sein. Nicht nur beim US-Brokerhaus Goldman Sachs ist man davon überzeugt, dass Twitter bei der Monetarisierung seiner Plattform erst noch am Anfang steht. Aktuell besser läuft es indes an der Börse. Nach einer rasanten Berg- und Talfahrt in den vergangenen Monaten sind die Aktien doppelt soviel wert wie beim Börsengang im November. Die angehobene Jahresprognose dürfte den Kurs weiter beflügeln: Die Umsatzerwartung wurde von 1,25 Milliarden Dollar auf einen Wert von bis zu 1,33 Milliarden Dollar heraufgesetzt.

WIM

03.08.2014 | 13:56

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