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Stark steigende Kreditanfragen wegen Umsatzeinbußen


Laut einer KfW-Umfrage rechnen die deutschen Mittelständler für die Monate März bis Mai mit Umsatzeinbußen von rund 250 Milliarden Euro, die Nachfrage nach Krediten ist hoch. Warum die Commerzbank neben Mitteln aus dem KfW-Programm sowie klassischen Betriebsmittelkrediten jetzt den Einsatz von strukturierten und flexiblen Finanzierungen empfiehlt.
 
Der deutsche Mittelstand rechnet mit Umsatzeinbußen von rund 250 Milliarden Euro für die Monate März bis Mai, belegt eine aktuelle KfW-Umfrage. Auch nach den ersten Lockerungen der Corona-Eindämmungsmaßnahmen erwarten rund 2,3 Millionen kleine und mittlere Firmen – und damit insgesamt 60 Prozent der Mittelständler – negative Folgewirkungen der Pandemie. „Im Durchschnitt erwarten diese Unternehmen eine Normalisierung ihrer Geschäftslage erst in rund 8,5 Monaten – dies entspräche ungefähr März 2021“, heißt es in den Umfrageergebnissen der staatlichen Förderbank. Zum Befragungszeitpunkt Anfang Juni hätten rund sieben Prozent der Betriebe nach eigenen Angaben die Geschäftsaktivitäten von vor der Krise wieder erreicht. Neun Prozent gehen hingegen davon aus, „nie mehr das Vorkrisenniveau erreichen zu können.“
 
Wegen der starken Umsatzeinbußen verzeichnet die Commerzbank steigende Kreditanfragen. „Seit Beginn der Corona-Krise haben wir rund 20.000 Finanzierungs- und Informationsanfragen von Firmen- und Unternehmerkunden erhalten, sagt Christine Rademacher, Leiterin Strukturierte Finanzierungen bei der Commerzbank. Mehr als die Hälfte davon waren auf die KfW-Programme ausgerichtet. Insgesamt hätte das Frankfurter Finanzinstitut seit Mitte März mehr als 6.000 KfW-Kreditanträge für Firmen und Unternehmerkunden genehmigt und ein Volumen von über 10 Milliarden Euro bereitgestellt.
 
Weil die Corona-Krise besondere Herausforderungen birgt, empfiehlt Finanzexpertin Rademacher ihren Kunden neben Mitteln aus dem KfW-Programm sowie klassischen Betriebsmittelkrediten den Einsatz von strukturierten Finanzierungen. Für eine flexible Anpassung an die operativen Gegebenheiten sprechen bilanzorientierte oder cashflow-basierte Lösungen bei Transaktionen, die zu einer nachhaltigen Veränderung der Bilanzstruktur führen können. „Neben bilateralen Finanzierungen kommen bei größeren Volumina meist konsortiale Strukturen zum Zug. Ein syndizierter Kredit – zum Beispiel in Form eines Club-Deals – wird von mindestens zwei Banken unter für alle Vertragsparteien einheitlichen Bedingung gewährt und kann unterschiedliche Ausgestaltungen wie beispielsweise kurz-, mittel- oder langfristige Elemente enthalten.“ Weitere erprobte und geeignete Finanzierungsformen seien beispielsweise Factoring – also der Verkauf von Forderungen - sowie der Einsatz von Mezzaninen oder auch atmende Finanzierungsmodelle wie der „Pay-per-Use-Kredit“. Dabei orientiert sich der Tilgungssatz an der Auslastung der finanzierten Maschine – eine Lösung, die für viele Unternehmen gerade in konjunkturunsicheren Zeiten wie diesen sinnvoll sein kann. Ein Patentrezept für den Restart nach der Pandemie gebe es aber nicht, deshalb ist auch immer etwas Kreativität gefragt, sagt Rademacher mit Blick auf die individuellen Spannungen zwischen Eigen- und Fremdkapitalseite. Zudem erwartet die Großbank mit Sitz in Frankfurt zusätzliche Anfragen nach klassischen Betriebsmittel- und Investitionsfinanzierungen innerhalb der kommenden Monate.
 
Marco Wagner, Senior Economist der Commerzbank, sieht Mittelständler gut gerüstet für die Zukunft. „Wir sehen immer wieder, dass gerade kleine und mittelständische Unternehmen robust und anpassungsfähig sind. Hinzu kommt, dass deutsche Produkte weltweit besonders gefragt sind“, sagt Wagner und fügt hinzu: „Das verarbeitende Gewerbe erholt sich gut von der Krise, auch der Einzelhandel ist auf dem besten Wege.“ Trotzdem kämen im Zuge der Corona-Krise viele Unternehmen nicht umhin, hohe Hilfskredite aufzunehmen. Einerseits wird dieses Geld den Unternehmen das Überleben sichern, andererseits müssen die Schulden in den kommenden Jahren abgetragen werden. „Dies könnte in der Tat einen Dämpfer für Investitionen darstellen“, so Wagner. Die Corona-Krise wird wohl den Trend zur Regionalisierung der Lieferketten beschleunigen, ergänzt der Finanzexperte der Commerzbank. „In Zukunft werden die Unternehmen ihre Lieferketten weiter verkürzen und vermehrt Produkte bzw. Vorprodukte aus Nachbarländern bestellen. Auch der Aufbau redundanter Lieferketten könnte für Unternehmen eine Möglichkeit sein, sich gegen zukünftige Krisen zu wappnen.“ Auch die Unternehmensberatung McKinsey rechnet nach der Krise mit einer stärkeren Regionalisierung und Digitalisierung der Wirtschaft. „Die Unternehmen werden sich mehr absichern“, prophezeit der McKinsey-Experte für Produktion und Lieferketten.

FS

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26.06.2020 | 10:08

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