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Die begehrtesten Rohstoffe der Welt


Von Dirk Heß, Leiter des öffentlichen Vertriebs für strukturierte Produkte bei der Citigroup

Rohstoffe gibt es viele und sie sind mitunter höchst exotisch: Metalle namens Indium und Germanium, aus der Gruppe der sogenannten „Seltenen Erden“ und klassische Exoten wie Schweinebäuche und gefrorener Orangensaft. Welche aber sind die Top-Rohstoffe?

Es ist nicht nur die relative Seltenheit, die einen Rohstoff begehrt und teuer macht, sondern ein komplexes Bündel zusammenhängender Faktoren. Der wohl beliebteste und meistgehandelte Rohstoff der Menschheitsgeschichte, das Gold, verdankt seinen Status der Tatsache, dass er zwar selten ist, aber eben nicht zu selten. Interessanterweise ist auch der Mangel eines breiten (industriellen) Nutzens ein großes Plus für Gold. Stattdessen wurde es nämlich als Zahlungsmittel eingesetzt und dient heute noch als Währungsreserve. Unter den fünf beliebtesten Rohstoffen befindet sich auch sein „kleiner Bruder“, das Silber. Bei diesem wurde die Funktion als Münzmetall zunehmend von vielfältigen industriellen Anwendungsmöglichkeiten abgelöst. Der dritte Große im Bunde ist das Öl – der Schmierstoff der Weltwirtschaft. Seine große Rally vor knapp zwei Jahren hat gezeigt, welch Kurspotenzial in diesem Stoff langfristig wieder stecken kann.

Langfristigkeit ist aber ein heikles Thema an den Rohstoffmärkten. Die Commodities folgen nämlich ganz eigenen, von Aktienmärkten abweichenden Gesetzmäßigkeiten. Denn Rohstoffe werden an den Terminmärkten in Form von Future-Kontrakten gehandelt – anders ist es für die Waren, die teils verderblich und teils mit hohen Lagerkosten verbunden sind, nicht praktikabel. Ein Future-Kauf verbrieft das Recht auf Lieferung des entsprechenden Rohstoffs in physischer Form, ein Verkauf ist mit der Lieferpflicht verbunden. Das gilt jeweils bei der Fälligkeit des Futures. Wer – wie die meisten Privatanleger – nicht an der Auslieferung der Ware interessiert ist, aber langfristig in dem Rohstoff investiert bleiben will, der muss den Future vor Fälligkeit verkaufen und mit dem Erlös den nächsten, länger laufenden Future kaufen. Diesen Vorgang nennt man „Rollen“. Das gilt für alle endlos laufenden Papiere auf Rohstoffe – vom Open-End-Zertifikat bis zum ETC. Beim Rollen können sich für den Anleger vorteilhafte, aber auch nachteilige Konstellationen ergeben: Wenn der fällige Future niedriger notiert als der nächste, in den gerollt wird, dann entstehen sogenannte Rollverluste: Der Erlös aus den verkauften Futures reicht nicht aus, um wieder genau dieselbe Anzahl der teureren nächsten Futures zu erwerben. Man spricht in diesem Fall vom „Contango“-Effekt. Notiert der nächste Kontrakt dagegen niedriger als der fällige, dann können mit dem höheren Erlös des fälligen mehr neue Futures gekauft werden, was sich in Kursgewinnen ausdrückt. Diese Situation wird als „Backwardation“ bezeichnet.

Die sogenannten Forward-Kurven zeigen den aktuellen Verlauf der Future-Preise verschiedener Fälligkeiten an. Sie bieten Anlegern eine Orientierung bezüglich der Rollkosten. Neben dem Rohstoffpreis ändert sich aber auch die Forward-Kurve im Lauf der Zeit. Wer also langfristig in Rohstoffe investiert, muss sowohl die Rohstoffpreise als auch die Forward-Kurven im Blick haben.

Denn nur dann, wenn die erwarteten Preissteigerungen größer sind als die potenziellen Verluste durch das Rollen, lohnt sich ein langfristiger Einstieg.

Wer von den begehrten Rohstoffen ohne Rolleffekte profitieren will, für den könnten Hebelpapiere wie Turbos oder Optionsscheine infrage kommen. Bei Produkten mit Fälligkeitstermin spielt das Rollen keine Rolle. Die Emittenten sichern sich nämlich mit dem laufzeitkongruenten Future ab. Eine Contango- oder Backwardation-Formation der Future-Kurve wäre somit von Anfang an Bestandteil der Preisberechnung. Übrigens werden auch bei allen Rohstoffindizes die beinhalteten Rohstoffe gerollt. Das bedeutet, dass das Rollen immer einen Einfluss auf die Performance des Index hat.

18.03.2010 | 00:00

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