boerse am sonntag - headline

Europäische Anleger haben falsche Vorstellungen von Afrika

(Bild: Fotolia / Danial Ernst)


Die jüngste Marktkorrektur bei Anleihen aus den Frontier Markets hat ihre Bewertungen wieder auf ein relativ günstiges Niveau sinken lassen, und die Fundamentaldaten sind nach wie vor stark. Schon auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten sind positive Renditen zu erwarten. Insbesondere in einigen afrikanischen Staaten wie Ghana und Ägypten bestehen gute Anlagechancen.

Von Yvette Babb

Als Folge der sehr starken Anlegernachfrage nach Anleihen aus den Frontier Markets in Hartwährung im Jahr 2017 und Anfang 2018 war das Bewertungsniveau des entsprechende Index, des J.P. Morgan Next Generation Markets (NEXGEM), sehr hoch. Der Index umfasst 35 Länder, die als nächste Generation der Schwellenländer angesehen werden, d. h. Staaten, die sich im Vergleich zu den heute etablierten Schwellenländern wie Mexiko, Russland oder Südkorea noch in der Anfangsphase ihrer Entwicklung befinden. Nach dem jüngsten Kursrückgang sind die Bewertungen einiger Frontier-Markets-Anleihen wieder auf attraktivere Niveaus gesunken.

Die Korrektur wurde nach Ansicht von NN IP durch eine Kombination aus mehreren Faktoren ausgelöst: Dazu zählen der starke US-Dollar, das weniger synchron verlaufende globale Wirtschaftswachstum, länderspezifische Ereignisse z.B. in Argentinien und dem Mittleren Osten sowie die steigende Gefahr eines Handelskriegs. Auch wenn die Fundamentaldaten der Frontier Markets weiter robust sind, bestehen einige dieser Risiken, darunter länderspezifische Ereignisse wie z. B. die Wahlen in Brasilien und die Gefahr einer weiteren Eskalation der Handelsspannungen, nach wie vor und müssen von Anlegern beobachtet werden.

Auf kurze Sicht agiert NN IP aufgrund des aktuell herausfordernden globalen Umfelds sowie der illiquideren Marktbedingungen zurückhaltend. Mittelfristig dürften die Aussichten für Anleihen aus den Frontier Markets jedoch gut sein. Obwohl der starke US-Dollar in den vergangenen Monaten für Gegenwind gesorgt hat, dürfte seine Stärke künftig durch die Fundamentaldaten, nicht zuletzt durch das Zwillingsdefizit bei Handelsbilanz und Staatshaushalt in den USA, zeitlich befristet sein. Starken Fundamentaldaten und die Möglichkeit, dass die globalen Gesamtrisiken nachlassen, werden Anleihen aus den Frontier Markets nach Meinung von NN IP unterstützen. Die Renditen dürften in den kommenden sechs bis zwölf Monaten in positives Terrain zurückkehren und es wird voraussichtlich auch wieder mehr Geld in Frontier-Markets-Anleihen fließen.

Die Kombination aus voraussichtlich niedrig bleibenden Ausfallraten und im Vergleich zu anderen Anleihesegmenten höheren Renditen ist ein überzeugendes Argument für Frontier-Markets-Anleihen. Die kürzliche Korrektur im Frontier-Markets-Universum ging einher mit einem Anstieg der Renditen von 5,9 Prozent, die Ende 2017 zu beobachten waren, auf nun 7,1 Prozent.

Überzeugende länderspezifische Anlagechancen, vor allem in Afrika

Innerhalb der Frontier Markets sieht NN IP überzeugende länderspezifische Anlagechancen dank struktureller Verbesserungen der zugrunde liegenden Volkswirtschaften. Die Frontier Markets erleben insgesamt eine Beschleunigung des Wachstums und es gibt weiterhin Fortschritte bei den institutionellen, politischen und wirtschaftlichen Fundamentaldaten. Über ein Drittel der Frontier Markets wird in den kommenden drei Jahren voraussichtlich um über 5% wachsen. Darunter befinden sich viele der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt, z. B. Äthiopien und die Elfenbeinküste. Das Wachstum im gesamten NEXGEM-Universum wird sich vermutlich von 3,4% im Jahr 2017 auf 4,5% bis 2019 beschleunigen. Darüber hinaus profitieren mehrere Frontier Markets wie Ghana und Ägypten von Programmen des Internationalen Währungsfonds (IWF), die Strukturreformen und Kapitalzuflüsse unterstützen. Im Falle der Frontier Markets fungiert der IWF als Entwicklungspartner. Zudem gibt es seit einigen Jahren Unterstützung von anderen großen Förderern wie China, z. B. über seine „Initiative Neue Seidenstraße“.

Ghana ist eines der Länder, die aktuell eine interessante Anlage in Frontier-Markets-Anleihen bieten: Seine Anleihen sind nach der Korrektur im zweiten Quartal 2018 wieder günstiger bewertet, das Land ist politisch stabil und kann sich auf einen diversifizierten, vorwiegend rohstoffbasierten Export-Warenkorb verlassen. Zudem hat die neue Regierung wichtige Reformen im Bereich der öffentlichen Finanzen eingeleitet und aus den Fehlern früherer Regierungen gelernt, insbesondere in der Fiskalpolitik. Heute ist Ghana auf dem richtigen Weg und dürfte in den kommenden fünf Jahren bis 2023 ein voraussichtlich ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von 5,5% aufweisen. Das Land profitiert außerdem von einem IWF-Programm, langfristig verfolgt die neue Regierung den „Ghana Beyond Aid“-Plan: Sie zeigt großes Engagement, notwendige Strukturreformen umzusetzen, die Ghana unabhängiger von externer Unterstützung machen sollen.

Ägypten ist ein weiteres Beispiel für positive strukturelle Wirtschaftsreformen und weiteren notwendigen Reformen der Regierung. Subventionen wurden gekürzt und die Mehrwertsteuer erhöht, um den Haushalt und die Bilanzen des öffentlichen Sektors zu stabilisieren. Darüber hinaus wurde die Währung abgewertet, was die Wettbewerbsfähigkeit erhöhte, und das Land erhält Unterstützung von einem zwölf Milliarden US-Dollar schweren IWF-Programm. Infolgedessen hat Ägypten bereits bemerkenswerte gesamtwirtschaftliche Fortschritte gemacht und ist gut positioniert für eine weitere Erholung. NN IP ist in ägyptischen Lokal- und Hartwährungsanleihen investiert. Nachdem die Position in Lokalwährungsanleihen zuletzt etwas reduziert wurde, plant das Investmentteam, das Engagement wieder zu erhöhen.

Wir beurteilen die Fundamentaldaten der Frontier Markets insgesamt sehr positiv. Das gilt vor allem für einige afrikanische Staaten. Viele europäische Anleger haben eine falsche Vorstellung von Afrika. Der Kontinent ist vielfältiger als die meisten Anleger meinen – und sogar vielfältiger als Europa. Im Gegensatz zur allgemeinen Wahrnehmung ist die politische Lage in vielen afrikanischen Ländern stabil und ihre Volkswirtschaften verbessern sich stetig, da die Politiker wichtige Strukturreformen auf den Weg bringen. In vielen Fällen unterstützt der IWF die Reformagenda der Länder, was die Nachhaltigkeit der entsprechenden Anlagechancen im Anleihebereich erhöht.

Yvette Babb ist Senior Portfoliomanagerin für Frontier-Markets-Anleihen bei NN Investment Partners.

17.08.2018 | 00:26

Artikel teilen: