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Fintech und Robo-Advisor: Geld ist Privat- und Vertrauenssache

Lars Brandau (Bild: DDV)


Vertrauen ist ein hohes Gut. Ist es einmal dahin, wird es schwer, es zurückzugewinnen. Das gilt insbesondere für die komplexe Anlageberatung. Sparer kommen in der Hoffnung in die Bank, dass ihr Geld gewinnbringend angelegt wird. Wird sie enttäuscht, kommen alternative Anlageformen ins Spiel.

Von Lars Brandau

Niemand kann die Zukunft voraussagen. Daher erweisen sich auch gutgemeinte Anlageideen mitunter als Verlustbringer. Davon können private Anleger ein Lied singen, und auch Profis bleiben nicht immer verschont. Die Komplexität des Wertpapiergeschäfts mit allen mehr oder weniger schillernden Investitionsmöglichkeiten macht es für einen Großteil der Bevölkerung jedenfalls erforderlich, sich „professionellen“ Rat einzuholen. Andernfalls verlieren diese Anleger leicht den Überblick und sind angesichts der Informationsflut von Geschäftszahlen und Quartalsberichten überfordert.

In der Finanzbranche scheint sich momentan eine Art Revolution abzuzeichnen. Statt traditionell einen Anlageberater zu konsultieren, werden künftig immer mehr Investmentlaien auf das Wissen und die Empfehlungen eines „Robo-Advisors“ setzen. Die klassischen Finanzberater bekommen digitale Konkurrenz. Sieht so tatsächlich die Zukunft aus? Wird die Anlageberatung komplett automatisiert und der Mensch durch die Maschine ersetzt?

Durch die fortschreitende Robo-Advisory-Technologie, die ihre Wurzeln in den USA hat, erfährt die computerbasierte Anlageempfehlung einen ungeahnten Aufwind. Sind die  Fähigkeiten des computergesteuerten Beraters sogar soweit ausgeprägt, dass menschliche Experten in unterstützender Weise nicht mehr hinzugezogen werden müssen? Das erklärte Ziel ist immer, die für die Kunden beste Anlageentscheidung zu treffen und das eben emotionslos. Menschen treffen Entscheidungen nach Gefühl und das birgt Risiken, argumentieren die Befürworter der digitalen Revolution.

Auf der Nachfrageseite zielen die Anbieter insbesondere auf jüngere Kunden ab, die „Digital Natives“. Sie chatten und surfen rund um die Uhr durchs Netz und möchten auch unabhängig von Öffnungszeiten ihre Geldgeschäfte tätigen. Anbieter des Robo-Advisory wollen mit vergleichsweise kleinen Anlagevolumen und geringen Kosten punkten. Laut US-amerikanischen Studien ist das Potenzial riesig. Computergesteuerte Beratung werde zwangsläufig den Platz der klassischen persönlichen Kundenbeziehungen einnehmen. Die Unternehmensberatung A.T. Kearney prognostiziert allein in den USA bis 2020 ein jährliches Wachstum der verwalteten Assets under Management in Höhe von 68 Prozent. Experten gehen im positiven Szenario davon aus, dass 2020 hierzulande die von Robo-Advisorn betreuten Vermögenswerte schon bei 20 bis 30 Milliarden Euro liegen könnten.

Die Anbieter der digitalen Konkurrenz sind noch in einer Nische. Dennoch haben auch die klassischen Geldhäuser die Zeichen der Zeit erkannt und wollen mit eigenen Modellen an die Kunden herantreten. Allen voran Deutschland größtes Finanzhaus, die Deutsche Bank. Dabei ist sie nicht die erste, die eine computerbasierte Beratung mit in ihr Angebot aufnimmt. Direktbanken wie beispielsweise die ING-DiBa und die comdirect bieten neben der auf Honorarberatung spezialisierten Quirinbank Robo-Advisory an. Die Privatbank Hauck & Aufhäuser sorgte jüngst für Schlagzeilen, nachdem sie eine hundertprozentige Beteiligung am Robo-Advisor Easyfolio erwarb.

Es ist nicht zu leugnen, der Markt ist in Bewegung. Dabei kann Wettbewerb für den Kunden durchaus positiv sein. Dennoch ist es zu früh, den Abgesang des klassischen Bankgeschäfts und der persönlichen (menschlichen) Beratung einzuläuten. Viele Kunden bevorzugen den persönlichen Ansprechpartner und die emotionale Nähe. Im persönlichen Gespräch lässt es sich leichter nachfragen. Die Zukunft wird zeigen, wie sich der deutsche Sparer verhält und ob es zu einem Verdrängungsprozess kommen wird. Zu vermuten ist, dass sich beide Angebote (Mensch und Maschine) je nach individueller Präferenz ergänzen und Platz für beide Modelle bleibt. Am Ende ist es eben Privat- und Vertrauenssache.

Lars Brandau ist Geschäftsführer des Deutschen Derivate-Verbandes.

 

 

 

04.05.2016 | 15:35

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