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Schöne neue Welt? Fintechs und steigende Zinsen

Bild: Fotolia / Dan Race


Wenn festverzinsliche Investitionen auf absehbare Zeit nicht mehr mit der Inflation Schritt halten können und Aktien auch weiterhin nicht an Popularität gewinnen, müssen Alternativen her. Ein Beispiel: Angebote aus der Finanztechnologie-Branche, kurz Fintechs, die sich sehr schnell am Markt etablieren konnten.

von Torsten Reidel

Seit eh und je vertrauen deutsche Anleger auf „konservative“ Geldanlagen, daran hat auch das mittlerweile jahrelang anhaltende Niedrigzinsumfeld nicht viel geändert. Trotz der prekären Lage und der relativen Attraktivität von Aktienrenditen hat kein flächendeckendes Umdenken gen Börsenparkett stattgefunden. Vielmehr lagern noch immer knappe 40 Prozent der Anlagevermögen in Einlagen und Barreserven. Aktuell nährt jedoch die Aussicht auf steigende Zinsen die Investorenhoffnung auf bald wieder lohnenswerte festverzinsliche Anlagen. Doch werden im Zusammenhang mit der hohen (europäischen) Staatsverschuldung und der politisch angespannten Lage im Süden Europas auch Ängste geschürt. Stecken deutsche Anleger also in der Sackgasse?

Fintechs bieten Anlegern smarte, kostengünstige und leicht zu handhabende Lösungen mit lobenswert hoher Transparenz. Dank digitaler Vermögensverwalter, den Robo-Advisors, ist die Einstiegshürde zum Kapitalmarkt verhältnismäßig niedrig. Für so manchen Festgeldfan, gefrustet von Perspektivlosigkeit in Sachen Rendite, eine willkommene Möglichkeit, erste Schritte in unbekanntes Terrain zu wagen, gerade bei kleineren Beträgen. Doch sind Fintech-Angebote in der Lage, die generellen Probleme deutsche Anleger in Bezug auf eine erfolgreiche Geldanlage zu lösen?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen Schritt zurückgehen und uns einer anderen, fundamentalen Frage zuwenden: Warum schneiden die Renditen deutscher Anleger im internationalen Vergleich überhaupt so schlecht ab? Zum einen drängt sich hier das Stichwort Risikoaversion auf – deutsche Anleger sehen im Aktienmarkt häufig eher einen Spielplatz der Spekulation, als eine wahre Alternative zu den altbekannten und wegen ihrer Sicherheit innig geliebten Festgeldanlagen. Hinzu kommen eine geringe bis minimale Akzeptanz von Wertschwankungen sowie ein durch emotionale Entscheidungen verursachter Aktionismus, der die Nachhaltigkeit der Aktieninvestitionen immer wieder aus der Bahn wirft. Aus „buy low, sell high“ wird so schnell „buy high, sell low“, gefühlsgesteuerte Timing-Versuche werfen Anleger immer wieder zurück. Teilweise ist die Diskrepanz zwischen der theoretisch möglichen und der tatsächlich erreichten Rendite hierdurch gravierend. Diese grundlegende Problematik vermögen gerade digitale Innovationen der Fintech-Branche nicht zu beheben. Aus einem leicht nachvollziehbaren Grund.

Angst vor dem Bärenmarkt und Korrekturen, Langeweile bei Seitwärtsbewegungen, Risikolust in optimistischen Phasen, Gier in der Euphorie – wer langfristig an der Börse investiert, löst immer auch ein Ticket für die emotionale Achterbahnfahrt. Zwar gibt es bewährte Strategien, auf die auch Robo-Advisors zurückgreifen können, um mit kurzfristigen Bewegungen des Marktes umzugehen: Defensive Strategien oder Modelle zur Volatilitätsreduktion. Doch der wahre Erfolg des Vorgehens zeigt sich erst im Umgang des Anlegers mit der gewählten Strategie. Ohne persönlichen Rat in kritischen und emotionalen Phasen wird sich daran, wie Anleger mit ihrem Geld umgehen, nichts ändern und die Gefahr der üblichen Fallstricke nicht gebannt. Am Ende sind ETF-basierte Fintech-Lösungen eben „aktiv gemanagte, passive Produkte“. Das klingt paradox, schließt aber eben die Lücke zwischen rein passiven Anlagen und aktiv gemanagten Investmentfonds. Eine lobenswerte Erweiterung des Investmentspektrums, die jedoch nicht die eigentlichen Probleme der Anleger behebt.

Die Zukunftsaussichten für eine weitere Etablierung von Fintechs stehen dennoch gut. Für die kommende Anlegergeneration der „Digital Natives“ wird diese Form der Investition wahrscheinlich immer mehr zum Standard werden. Eine Kombination aus Niedrigzinsumfeld und positiver Marktentwicklung haben den Fintechs einen gelungenen Start beschert. In einem Umfeld steigender Zinsen sind jedoch die Anreize für eher konservativ eingestellte Anleger grundsätzlich wieder größer, der klassischen Festgeldanlage mehr zu vertrauen als „riskanten“ Kapitalmarktanlagen aus dem Fintech-Segment.

Hinzu kommt: Was ist, wenn der Markt den Anlegern einmal nicht mehr den Gefallen tut, sukzessive anzusteigen? Welche Modelle werden die Gunst der Anleger erhalten können? Kippt die positive Stimmung, werden „moderne“ Modelle sehr schnell in Frage gestellt. Wenn der Markt 20 Prozent oder mehr einbüßt, ist die viel gescholtene Festgeldanlage plötzlich wieder hochgradig attraktiv – selbst wenn risikoadjustierte Modelle besser abschneiden als der breite Markt. Anleger werden sich bei computergesteuerten Entscheidungen zweimal überlegen, wem Sie Ihr Geld anvertrauen. Ohne den Schutz vor emotionalen Kurzschlussreaktionen in Form einer persönlichen Beratung kann niemand die typischen Gedankenspiele eines Investors verhindern, die sich ihm in kritischen Marktlagen aufdrängen – schon gar nicht ein seelenloser Computer.

Von Torsten Reidel ist Geschäftsführer von Grüner Fisher Investments.

11.06.2018 | 19:18

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