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Wachsende Weltbevölkerung sorgt für steigende Rohstoffnachfrage


Bis zur jüngsten Finanzkrise hat der enorme Rohstoffbedarf großer Emerging-Market-Länder, wie China und Indien, zu einer hohen Nachfrage nach Rohstoffinvestments geführt.

Lateinamerika: Biokraftstoffe als Alternative

Der zunehmende Wohlstand der wachsenden Weltbevölkerung ist die treibende Kraft für die Nachfrage nach Nahrungsmitteln und damit nach landwirtschaftlichen Rohstoffen, den sogenannten Soft Commodities. Infolge des steigenden Wohlstands, der höheren Lebenserwartung und der besseren medizinischen Versorgung dürfte die Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten von heute 6,5 auf 8 Mrd. Menschen wachsen. Wie bei fast allen Rohstoffen, steigt die Nachfrage nach Agrarrohstoffen vor allem wegen des größeren Bedarfs in China und Indien. Lateinamerika ist Weltmarktführer in der Produktion von landwirtschaftlichen Rohstoffen wie Soja, Mais und Weizen. Neben den USA sind Argentinien, Brasilien und Paraguay die größten Sojaproduzenten weltweit. Der Wettbewerb am Sojamarkt ist groß, und im Gegensatz zu Europa oder den USA wird die Produktion in diesen Ländern nicht subventioniert.

Lateinamerika gehört auch zu den wichtigen Lieferanten klassischer Rohstoffe wie Eisenerz, Kupfer, Silber, Zink und anderen Metallen. Große, noch nicht erschlossene Rohstoffreserven und anlegerfreundliche Regulierungsvorschriften haben in den letzten Jahren zu einem enormen Anstieg in- und ausländischer Investitionen in den brasilianischen, chilenischen, kolumbianischen, peruanischen und mexikanischen Bergbau geführt. Weiterhin stammt aufgrund hoher Investitionen im Infrastrukturbereich die zusätzliche Nachfrage nach klassischen Rohstoffen hauptsächlich aus China.

Da fossile Brennstoffe knapper werden, haben die Regierungen weltweit die Entwicklung alternativer Energien gefördert, um den hohen Energiepreisen entgegenzuwirken. Brasilien ist seit den Siebzigern Vorreiter in Biokraftstoffen. Heute können alle brasilianischen Fahrzeuge Ethanol und Benzin beliebig kombinieren. Tatsächlich ist nur noch die Hälfte des in Brasilien verbrauchten Kraftstoffs Benzin. Brasilien entwickelt auch Biodiesel und erreicht somit bereits die erforderliche Quote von 2,5%.

Paradoxerweise ist Brasilien im Hard- Commodities-Bereich auf dem Weg, zu einem wichtigen Ölförderland zu werden, nachdem Petrobras letztes Jahr gigantische Tiefseeölreserven entdeckt hat. Das Staatsunternehmen gehört zu den wenigen internationalen Ölfirmen mit hohem Wachstumspotenzial.

Energiemacht Russland: Öl, Gas und … Kali

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gingen alle Strukturen verloren und Investitionen wurden drastisch zurückgefahren. Das Land verfügt über große Ölvorkommen. Nun versucht die Regierung, Größenvorteile zu nutzen und einen eigenen Landwirtschaftssektor aufzubauen, um weniger abhängig von Importen zu sein. Protektionistische Maßnahmen, wie Einfuhrzölle und -quoten sowie Steueranreize und Kreditsubventionen, haben inländischen Produzenten von Zucker, Getreide, Schweinen und Geflügel geholfen, ihre Marktanteile zu steigern. Neben seinen beträchtlichen Getreidefeldern sitzt Russland sozusagen auf einer weiteren Goldmine: Kali. Als Düngemittel gilt Kali als die beste Möglichkeit, Ernten zu steigern, sodass der Kaliproduktion goldene Zeiten bevorstehen dürften. 45% aller Kalisalzvorkommen befinden sich in Kanada, 30% in Russland. Die größte Kalinachfrage stammt aus China, Indien und Lateinamerika.

Die Sektoren Gas und Öl stellen weitere Bereiche mit dem größten Wachstumspotenzial dar. 25% des in Europa verbrauchten Erdgases stammt aus Russland. Das Land plant auch Erdgaslieferungen nach Fernost. Im April hat die Regierung die Besteuerung von Ölunternehmen geändert, um Anreize zur Erschließung neuer Ölfelder, wie z. B. in Russlands Osten, zu schaffen. Dazu zählen Steuerstundungen und die Erhöhung des Steuerfreibetrags für Ölgesellschaften von 9 auf 15 US-Dollar je Barrel. Für die kommenden Monate werden weitere Steuererleichterungen für diesen Sektor erwartet.

In Lateinamerika und Russland haben die Einnahmen infolge des Rohstoffbooms zu hohen Haushalts- und Leistungsbilanzüberschüssen geführt, sodass die Grundlagen für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum geschaffen werden konnten. Der Rohstoffsektor profitierte vom schwachen Dollar und der hohen Nachfrage aus China. Dennoch gibt es noch immer Zweifel an der Stabilität des russischen Bankensystems. Auch könnten die unsicheren Aussichten für die Weltkonjunktur – insbesondere für das Wachstum in China – die Nachfrage nach den Rohstoffen aus Russland und Lateinamerika stark zurückgehen lassen. Dies würde auch Öl-, Bergbau- und Agrarrohstoffaktien belasten.

Urban Larson

Fondsmanager und Lateinamerika- bzw. Russland-Experte, F&C

Gareth Morgen

Fondsmanager und Lateinamerika- bzw. Russland-Experte, F&C

27.11.2009 | 00:00

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