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Ist das ein Befreiungsschlag für Thyssen?

Aus eins mach zwei? Thyssen Krupp steht vor radikalem Konzernumbau. (Foto: Lukassek / shutterstock.com)


Monatelang hat die Führungskrise Thyssen-Krupp und seine 160.000 Mitarbeiter erschreckt. Nun wagt die Ersatzmannschaft einen großen Wurf. Doch ist die Aufspaltung wirklich eine langfristig gute Sache?

Die Aufsichtsräte von Thyssen-Krupp kommen am heutigen Sonntag zusammen, um Geschichte zu schreiben. Der wohl radikalste Umbau in der über 200-jährigen Firmengeschichte steht plötzlich auf der Agenda. Auf der kurzfristig angesetzten Sitzung sollen sie der Aufspaltung des Industriekonglomerats in zwei Unternehmen zustimmen. In einem sollen die Technologiebereiche Aufzüge, Automobilzulieferer und Anlagenbau gebündelt werden, in einem zweiten der Werkstoffhandel und die Stahlproduktion.

An der Börse wird der Plan begeistert aufgenommen. Die Aktie des Ruhrkonzerns schnellte von 19,90 Euro (um 10 Uhr vormittags) auf bis zu 23,90 Euro (16.30 Uhr) empor. Zwar bröckelten die Notierungen zum Wochenausklang wieder etwas ab, doch das Signal der Anleger ist klar - die Aufspaltung finden sie gut.

Der Mann, der den Plan für die Neuaufstellung des Traditionskonzerns entworfen hat, heißt Guido Kerkhoff. Bis zu diesem Sommer war Kerkhoff Finanzvorstand von Thyssen-Krupp. Als dann Vorstandschef Heinrich Hiesinger vor drei Monaten spektakulär zurücktrat, übernahm der 50-Jährige die Leitung des Unternehmens mit seinen 160.000 Mitarbeitern. Kerkhoff soll den Vorstandsvorsitz nur vorübergehend ausüben, so lange, bis ein dauerhafter Nachfolger für Hiesinger gefunden ist. Nun landet er einen Coup.

Denn nicht nur die Börse, auch die Gewerkschaften reagieren positiv. Die IG Metall Nordrhein-Westfalen sieht in der geplanten Aufspaltung von Thyssenkrupp in zwei eigenständige Unternehmen ein Konzept, das die Zerschlagung des Konzerns verhindern kann. "Der Ausverkauf ist damit vom Tisch", erklärte am Freitag Bezirksleiter Knut Giesler. Das Konzept biete die Chance für alle Geschäftsbereiche, ein "nachhaltiges industrielles Konzept zu entwickeln“.

Es sind die Großinvestoren wie Cevian und Elliott, die seit Monaten auf einen tiefgreifenden Umbau des Konzerns gedrängt haben. Ex-Vorstamdschef Hiesinger habe alle seine Ziele für den Konzern verfehlt, kritisierten sie. Wirtschaftlich könnte der Konzern viel besser dastehen, wenn der Vorstand endlich zu einer Neuausrichtung des Unternehmens bereit wäre, Teile abspalte, an die Börse brächte oder verkaufte. Nun ist es so weit. Auch die einflussreiche Krupp-Stiftung bekundet ihre Unterstützung. Die Entscheidung sei ein wichtiger Schritt, um der langjährigen Underperformance entgegenzuwirken, ließ Cevian bereits vor der Aufsichtsratentscheidung  wissen.

Der Nachbarkonzern Eon hat es vorgemacht. Anders als bei Eon werden nicht die schlechten Geschäftszweige ohne Perspektive ausgelagert, sondern die Zukunftssparten. Unter dem Dach des traditionsreichen Mutterkonzerns, der Thyssen-Krupp Materials heißen soll, bleiben die Geschäfte um den Stahl - alles rund um die Hochöfen, Werkstoffhandel, Weiterverarbeitung von Stahl und Edelstahl. Auch die Marinesparte findet hier ihre neue Heimat. Mit 40.000 Mitarbeitern käme man hier auf einen Umsatz von 18 Milliarden Euro. Wer an das zyklische Stahlgeschäft glaubt, kann sich künftig gezielt für Aktien dieser Gesellschaft entscheiden. Die zweite Hälfte vereint die Industriesparten: die Geschäfte mit Aufzügen, Autoteilen und dem Bau von Industrieanlagen, an denen Thyssen-Krupp Materials AG nur eine Minderheit halten soll. Nach den derzeitigen Zahlen dürfte ThyssenKrupp Industrial ein Geschäft mit 16 Milliarden Euro Umsatz und 90.000 Mitarbeitern vereinen.

Es sieht also nach einem erfolgreichen Befreiungsschlag aus. Denn die Idee, aus einem Gemischwarenkonzern schlagkräftige Einzeluntetrnehmen zu machen und so den Wert des Ganzen für Anleger zu erhöhen macht ohnedies Schule. Vom Metro-Konzern bis zur Deutschen Bank und Bayer, die ihre Kunststoffsparte mit Covestro erfolgreich an die Börse gebracht haben, reicht die Bandbreite der Vorbilder. Siemens spaltet sogar serienweise Geschäftsfelder in Einzelunternhmen ab. Sei es mit Ausgründung wie Infineon und Osram oder über die Fusion der Windkraftsparte mit dem spanischen Wettbewerber Gamesa. Die Medizintechniktochter Healthineers wurde im März mit einem Aktienkurs von 28 Euro an die Börse gemacht. Jetzt notiert das Papier bereits bei 38 Euro. Nicht nur Siemens hat alles richtig gemacht: Auch Anleger, die seit dem Börsengang bei Healthineers dabei sind, freuen sich bereits über ein Plus von mehr als 30 Prozent. Die Aussichten bleiben gut, die Branche wächst und Healthineers ist gut positioniert. Und für den Mutterkonzern Siemens, der noch 85 Prozent der Aktien hält, hat sich die Abspaltung ebenfalls rentiert.
Christian Kames, der Leiter des Investmentbankings von JPMorgan in Deutschland, glaubt, dass es davon mehr geben wird: „Die meisten Spin-offs und Börsengänge von Unternehmensbereichen haben sich sehr positiv entwickelt.“ Manch Aschenputtel wie die Bayer-Töchter Lanxess und Covestro entwickelte sich zur Börsen-Schönheit. Die nächsten Anwärter stehen bereits in den Startlöchern. Volkswagen und Daimler dürften die nächsten sein. In Wolfsburg und Stuttgart wird man genau schauen, wie das nun bei ThyssenKrupp läuft. Für optimistische Anleger und mutige Spekulanten gibt es jedenfalls ein neues kurzfristiges Ziel - das Jahreshoch der Aktie von 26,41 Euro aus dem Januar könnte rasch Wiede erreicht werden, heißt es aus dem Bullenlager.

Für langfristig orientierte Anleger wird man allerdings abwarten müssen, wie sich die Geschäfte der beiden Sparten tatsächlich entwickeln. Denn am Ende kann man spalten und abspalten, es zählt aber das Geschäftsergebnis für nachhaltigen Börsenerfolg. Eine einfache Teilung der Geschäfte reicht etwa dem Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer, noch nicht aus. Das "macht das Geschäft ja nicht profitabler", erklärte er gegenüber Reuters. "Da braucht man schon eine weiterführende Strategie und die sehe ich noch nicht.“ Grundlegende Bedenken hinsichtlich der Ertragsschwäche würden durch Kerkhoffs Pläne nicht ausgeräumt, mahnen auch Experten von Barclays. Und die IG Metall pocht darauf, dass die Aufspaltung ohne betriebsbedingte Kündigungen über die Bühne geht. Viele Fragen sind also noch offen und bedeuten jeweils sich ein Risiko: Die genaue Ausgestaltung der Teilung - wie Transaktionsstruktur, Finanzierungskonzept und die Führung beider Gesellschaften. Auch sei noch unklar, wie Schulden und Pensionsverpflichtungen genau zwischen den beiden neuen Unternehmen aufgeteilt werden, erklärten die HSBC-Analysten. Die Kosten für die Aufspaltung schätzen sie auf rund eine Milliarde Euro. 

28.09.2018 | 17:30

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