boerse am sonntag - headline

Regierungskrise setzt Italienanleihen unter Druck

(Foto: Bartolomiej Pietrzyk / shutterstock.com)


Italienanleihen rücken, da die meisten europäischen Staatsanleihen negative Renditen abwerfen, für Anleger auf der Suche nach Rendite in den Fokus – sofern der Preis stimmt. Chancen bieten zudem nationale Banken-Champions.

Von Andrea Iannellii Investment Direktor | Fidelity International

Der italienische Senat hat die Forderung der Lega von Innenminister Salvini nach einem schnellen Misstrauensvotum abgelehnt. In Italien ist der Sturz der Regierung somit vorerst abgewendet. Wie es mit Italien weitergeht, ist somitweiter völlig offen.Ermutigt durch den wachsenden Zuspruch dürfte die Lega in den Haushaltsverhandlungen auf Konfrontationskurs gehen.Diese Ent-wicklungenhabenitalienische Staatsanleihen nach Wochen mit starker Kurs-entwicklung erneut unter Druckgesetzt.Wenn das Volumen der Anleihekäufe durch die EZB hinter den Erwartungen zurückbleibt, könnten die Risikoauf-schläge weiter nach oben klettern. Andererseits rückenItalienanleihennun, da die meisten europäischen Staatsanleihen negative Renditen abwerfen, fürAnleger auf der Suche nach Rendite in den Fokus–sofern der Preis stimmt. Chancen bieten zudem nationale Banken-Champions.

Lega will im Alleingang regieren

Wird in den nächsten zwei Wochen die Vertrauensfrage gestellt, könnten Neuwahlen frühes-tens am 13.oder 23. Oktober stattfinden. Dieser Zeitpunkt wäre nicht nur ein Novum, hat Italien doch noch nie im Herbst gewählt. Vielmehr fällt er auch mit den schwierigen Verhand-lungen mit der Europäischen Kommission über Italiens Haushalt 2020 zusammen. Laut Ver-fassung entscheidet der Staatspräsident, also Sergio Mattarella, über Neuwahlen. Er be-schließt, ob er das Parlament auflöst und einen Wahltermin für Oktober festlegt oder ob er bis zu den nächsten Wahlen einer Regierung aus Technokraten die Amtsgeschäfte übergibt.Ein Haushaltsentwurf muss zunächst von den Parlamentariern abgesegnet werden, bevor er der Kommission vorgelegt werden kann. Italien wird angesichts der Regierungskrise daher wohl kaum die ursprüngliche Frist von Mitte Oktober einhalten können. Der endgültige Haus-halt 2020 muss bis Ende Dezember vorliegen. Bis dahin jedoch werden sich die Zusammen-setzung des Parlaments und seine Haltung gegenüber den Haushaltsverhandlungen vermut-lich geändert haben.

Politische Unsicherheit hält an

Aktuellen Umfragen zufolge würde die Lega in der neuen Regierung den Ton angeben. Mit einem kleineren Partner einer der Mitte-Rechts-Parteien könnte sie koalieren, um sich eine Mehrheit zu sichern. Ermutigt durch den wachsenden Zuspruch dürfte Salvinis Partei in den Haushaltsverhandlungen mit den europäischen Partnern auf Konfrontationskurs gehen.

Unter dem Strich sind die Ausgabenpläne der Rechtspopulisten zwar konservativer als die der jetzigen Koalition. Ihre Forderung nach einer Einheitssteuer ist jedoch mit den Haushalts-zwängen Italiens nicht vereinbar. Erschwerend kommen automatische Maßnahmen zur Stabi-lisierung des Haushalts hinzu wie insbesondere die Anhebung der Mehrwertsteuer. Sie dro-hen, wenn der Haushalt nicht rechtzeitig verabschiedet wird. Innenminister Salvini besteht darauf, dass die Mehrwertsteuer nicht erhöht wird. Dann aber müsste er an anderer Stelle im Budget rund 23Milliarden Euro einsparen, um das Haushaltsdefizit in Schach zu halten.

Italienische Staatsanleihen und Banken erneut im Rampenlicht

Die plötzlich veränderte politische Lage hat auch die Schwankungen an den Märkten wieder angefacht. Vor allem Anleihen des italienischen Staates stehen nach Wochen mit starker Kursentwicklung nun erneut unter Abgabedruck. Die gemäßigte Haltung der Europäischen Zentralbank (EZB) und die von ihr in Aussicht gestellte Neuauflage des quantitativen Locke-rungsprogramms hatten die Sorgen über die italienische Politik vorübergehend gedämpft. Mit der von der EZB ausgelösten Suche der Anleger nach höheren Renditen war der Risikoauf-schlag zehnjähriger italienischer Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen Mitte Juli auf unter 200 Basispunkte gefallen.Mit Blick auf die noch frischen Erinnerungen an die Kursbewegungen vom August und Okto-ber 2018 nahmen Anlegerunverzüglich eine Neubewertung vor: Innerhalb eines Tages weite-te sich der Spread italienischer Staatsanleihen um 26 auf 230Basispunkte. Schon seit Mona-ten sind wir vorsichtig gegenüber Italien-Anleihen, da aus unserer Sicht eine plötzliche Rück-kehr des politischen Risikos nicht auszuschließen war. Nun zeigt sich, dass unsere Sorge nicht unbegründet war. Italienische Staatspapiere werden wohl solange unter Druck bleiben, bis mehr Klarheit über die neue Regierung und den Haushalt herrscht.Die im Herbst wohl zunehmenden Spannungen auf der politischen Bühne werden mit der Bekanntgabe weiterer Lockerungsmaßnahmen der EZB, einschließlich einer neuen Runde von Anleihekäufen, zusammenfallen. Von Letzteren sollte eine gewisse Unterstützung für den italienischen Markt ausgehen. Allerdings ist ein neues quantitatives Lockerungspaket bereits weitgehend in den Kursen eingepreist. Das lässt Raum für Enttäuschung, wenn das Volumen der Anleihekäufe hinter den Erwartungen zurückbleibt. Die sind zudem kein Allheilmittel ge-gen länderspezifische Risiken: Als der Risikoaufschlag italienischer Anleihen gegenüber Bundesanleihen 2018 um über 200Basispunkte nach oben kletterte, war das quantitative Lockerungsprogramm der Europäischen Zentralbank noch in vollem Gange.

Andererseits könnten italienische Anleihen nun, da die meisten Staatsanleihen in Europa negative Renditen abwerfen, für Anleger auf der Suche nach Rendite attraktiv werden –so-fern der Preis stimmt. Verglichen mit früheren Episoden werden die Kursabschläge bei italie-nischen Bonds dieses Mal womöglich geringer ausfallen. Und sollten sich die Spreads stärker weiten als von uns erwartet, würden wir unsere Untergewichtung verringern.Was Unternehmensanleihen anbelangt, besteht nach wie vor eine enge Verbindung zwischen Staat und Banken. Letztere halten in erheblichem Umfang Papiere des italienischen Staates in ihren Bilanzen. Auf negative Entwicklungen bei Staatsanleihen reagieren ihre eigenen Bonds deswegen entsprechend empfindlich. Weitere Spreads von Staatsanleihen habenfür die Kapitalposition von Italiens Großbanken heute jedoch weniger gravierende Folgen. Der Grund: Die beiden größten Kredithäuser haben ihre Bestände an Italien-Anleihen deutlich verringert. Zudem haben sie Positionen in das Portfolio mit Halteabsicht verschoben, dessen Bestände nicht zu Marktpreisen bewertet werden. Auf diese Weise ist es ihnen gelungen, die Sensitivität ihrer Kernkapitalquoten zu verringern. Darüber hinaus haben Italiens Top-Banken im vergangenen Jahr einen erheblichen Teil ihres notleidenden Kreditbestands ausgelagert und damit die Risiken für ihre Kapitalposition weiter reduziert.

Taten statt Worte

Seit Jahresbeginn haben wir unser Engagement bei italienischen Unternehmensanleihen und allen voran bei Finanzpapieren deutlich zurückgefahren. Gründe sind die insgesamt hohen Bewertungen unsere vorsichtigere Gangart gegenüberdem italienischen Staat. Gleichzeitig verfügen die nationalen Banken-Champions über eine solide Kapitalausstattung. Weitere Schwächephasen werden wir daher nutzen, um unser Engagement aufzustocken.Insgesamt hat eine übertrieben vorsichtige Positionierungkaum Vorteile für Anleger. Wir gehen von einer Flut populistischer Botschaften der führenden Parteien im Wahlkampf aus, darunter auch Kampfansagen an die Adresse der EU im Haushaltsstreit. Sobald sich die Aufregung gelegt hat, wird sich Italiens Regierungjedoch vermutlich mäßigen und einen praktikablen Kompromiss präsentieren. Eine aus rechtsradikalen Populisten unter Führung der Lega bestehende Regierung müsste sich weniger beweisen als eine aus zwei Parteien, die sich ständig bekriegen. Damit könnten attraktive Chancen für Anleger einhergehen.

17.08.2019 | 13:06

Artikel teilen: