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„Zertifikate sind das Instrument der Stunde“



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Zu diesem Ergebnis kamen die Finanzmarktexperten Frank Weingarts (ZFA), Christoph Boschan (Wiener Börse), Thomas Wulf (EUSIPA) und Fritz Mostböck (Erste Group) bei der Jahresauftakt-Veranstaltung 2022 des Zertifikate Forum Austria. Vor allem die Zinsenlandschaft und die neue Volatilität an den Börsen sprechen für strukturierte Produkte.

Mit einem positiven Rückblick auf das Jahr 2021 eröffnete Frank Weingarts, Vorstandsvorsitzender des Zertifikate Forum Austria, die Online-Veranstaltung mit mehr als 150 Teilnehmenden. „2021 ist der Markt für Zertifikate in Österreich wieder deutlich gewachsen. Ein investiertes Volumen von insgesamt 14,8 Milliarden Euro und ein Handelsvolumen von 3,7 Milliarden Euro zeigen, dass strukturierte Produkte mittlerweile gelernter Bestandteil in den Portefeuilles der Anlegerinnen und Anleger in Österreich geworden sind“, so Weingarts.
 
2022 werde seiner Einschätzung nach ein von Volatilität geprägtes Jahr werden. Neben geopolitischen Spannungen werden COVID-19-bedingte Rückgänge bei den Gewinnsteigerungen von börsennotierten Unternehmen sowie die bereits angekündigten und noch zu erwartenden Änderungen bei der Zins- und Geldpolitik in den USA und in der Eurozone die Nervosität der MarktteilnehmerInnen triggern. Weingarts: „In diesem Umfeld sind Zertifikate das Instrument der Stunde. Strukturierte Produkte sind in der Lage, Risiko zu managen und Chancen in volatilen oder seitwärts tendierenden Märkten wahrzunehmen.“
 
ATX Globaler Spitzenreiter
 
Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse, an der wichtige Zertifikate-EmittentInnen vertreten sind, ging in seinem Einleitungsstatement davon aus, dass die Wiener Börse auch 2022 Rekordergebnisse vorlegen werde. „Nach einem starken Dämpfer bei Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020 ist es sehr rasch zu einer Kehrtwendung gekommen. 2021 konnte der ATX wieder neue Rekordmarken setzen und avancierte mit einem Plus von 44 Prozent (ATX Total Return) zu einem globalen Spitzenreiter. Vor diesem Hintergrund bieten Zertifikate fantastische Möglichkeiten, am Wachstum zu partizipieren und die unterschiedlichen Bedürfnisse von Anlegerinnen und Anlegern abzubilden.“
 
Druck auf das Zinsniveau
 
Thomas Wulf, Generalsekretär der EUSIPA, warf in seiner Keynote den Blick auf die regulatorischen Herausforderungen für die Finanz- und Kapitalmärkte. „Durch die Rücknahme des Quantitative Easing bzw. das Beenden der Anleihekaufprogramme durch die EZB ab März 2022 erhöht sich der Druck auf das Zinsniveau“, so Wulf. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie sich der Brexit auf die Aktienmärkte auswirkt. Wulf: „Es hat zwar eine sprunghafte Umschichtung des Aktienhandels von London nach Amsterdam gegeben, der Finanzplatz London ist aber nach wie vor intakt und in vielen Bereichen – etwa im Clearing – weiterhin führend.“
 
Verunsicherung und klare Nachteile brachte der Brexit bei vertragsrechtlichen Themen. „Großbritannien ist für seine hoch ausdifferenzierte Gerichtspraxis bei Streitigkeiten aus Verträgen bekannt. Viele Verträge sind deshalb – unabhängig von den Herkunftsländern der Vertragsparteien – nach UK-Recht strukturiert. Wie damit nach dem Brexit weiter verfahren wird, ist noch nicht geklärt. Dieser Mangel an Rechtssicherheit schadet der Wirtschaft“, so Wulf.
 
„Hochgeschwindigkeitszug auf alten Gleisen“

 
Hinsichtlich der Prioritäten für die Eurozone sieht Wulf für 2022 neben den Themen Banken- und Kapitalmarktunion sowie Digital-Finance-Regulierung vor allem das Thema Green Finance ganz oben auf der To-do-Liste. Wulf: „Bei Green Finance ist die Eurozone mit einem Hochgeschwindigkeitszug auf alten Gleisen unterwegs. 2022 sollen viele Vorschriften zu Nachhaltigkeit in Kraft treten, allerdings sind noch nicht alle Vorarbeiten abgeschlossen. Viele Daten fehlen noch.“
 
Generell ortet Wulf beim Thema Nachhaltigkeit einen starken Trend weg von qualitativen Einschätzungen hin zur quantitativen Erfassung und Offenlegung von Daten. „Banken und Unternehmen werden angeben müssen, wie nachhaltig ihre Produkte und Bilanzen sind. Bei KundInnen wird abgefragt, wie nachhaltig das gewünschte Produkt sein soll. Entsprechend werden Angebot und Nachfrage gematcht. Das klingt wunderbar, wird aber kommunikativ eine große Challenge werden“, ist Wulf überzeugt.
 
Zwischen Paternalismus und Laissez-Faire
 
Kritisch zeigte sich der EUSIPA-Generalsekretär gegenüber den neuen Vorschlägen der EU-Kommission zur Kapitalmarktunion. Ziel sei, allen MarktteilnehmerInnen relevante Markt- und Handelsinformationen möglichst in Echtzeit zur Verfügung zu stellen. Wulf: „In den USA gibt es ein solches System bereits. In der EU fehlt es jedoch am strukturellen unternehmerischen Umfeld. Ein System nach dem Vorbild der USA ist hier nicht einfach replizierbar.“
 
Auch beim Thema „Retail Investment Strategy“ sollten die bisherigen Vorschläge der EU-Kommission nochmals überdacht werden. „Die Idee, es den KundInnen so einfach wie möglich zu machen, hört sich gut an, berücksichtigt aber nicht, dass KundInnen ihre Wünsche und Vorstellungen auch ändern. Digital Natives zum Beispiel haben zum Thema Beratung und Wertpapieranalyse ganz andere Vorstellungen als die ‚analogen‘ Generationen. Die ‚Digitals‘ sind als AnwenderInnen global unterwegs, treffen aber lokal ihre Entscheidungen. In der Regulierung muss ein flexibler Mittelweg zwischen Paternalismus und Laissez-Faire gefunden werden.“
 
„Aktien sind alternativlos“

 
Unabhängig von Regulierungs- und Digitalisierungsthemen finden AnlegerInnen 2022 jedenfalls ein attraktives Umfeld für Aktieninvestments vor. Dies skizzierte Fritz Mostböck, Head of Group Research bei der Erste Group Bank, in seinem Ausblick für die Finanzmärkte. „Wir erwarten für 2022 eine moderat positive Entwicklung der Aktienmärkte, wenngleich bei erhöhter Volatilität durch geopolitische Konflikte und anhaltende Lieferkettenprobleme. Angesichts der Zinslandschaft und des wirtschaftlichen Aufholpotenzials sind Aktien 2022 eine alternativlose Veranlagung.“
 
Besonderes Augenmerk sollte auf die Märkte Zentral- und Osteuropas gelegt werden. Mostböck: „Die Wirtschaft der CEE8-Länder* ist seit 2007 im Schnitt um 40 Prozent gewachsen. 2022 sollte das BIP um rund 4,3 Prozent zulegen. Die Region Zentral- und Osteuropa ist in wirtschaftlicher Hinsicht ein wesentliches Grundgerüst für börsennotierte Unternehmen aus Österreich, die in CEE ihren erweiterten Heimmarkt sehen.“ Sie machen, nach Marktkapitalisierung gerechnet, rund 71 Prozent im ATX aus. Langfristig orientierten AnlegerInnen empfiehlt Mostböck eine Branchenselektion mit Fokus auf defensive Werte und Qualitätstitel.

28.01.2022 | 13:06

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