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Christian Sewing wird Chef der Deutschen Bank


Es ist mehr als nur eine Personalentscheidung. Die Deutsche Bank richtet sich strategisch neu aus. Erstmals übernimmt mit Sewing ein Mann aus dem Privatkundengeschäft den Vorstandsvorsitz. Das Kapitalmarktgeschäft wird damit wohl nicht so sehr im Fokus stehen; das Privat- und Firmenkundengeschäft könnte in Zukunft das wichtigste Standbein der Bank sein.

Von Sebastian Sigler

Die Deutsche Bank bekommt einen neuen Vorstandsvorsitzenden. Der bisherige Leiter des Privatkundengeschäfts, Christian Sewing, soll mit sofortiger Wirkung John Cryan beerben, dessen Amtsführung der Makel der Glücklosigkeit und der anhaltenden Verluste anhaftet. Bereits Ende April soll der Brite die Bank verlassen. Hinter Sewing sollen nach dem Willen des Aufsichtsratschefs Paul Achleitner mit Karl von Rohr und Garth Ritchie zwei stellvertretende Vorstandsvorsitzende stehen. Die Wahl steht noch aus, und es gibt Vermutungen, dass der Form halber noch ein zweiter, externer Kandidat vorgeschlagen wird. Doch die Bestellung Sewings, der im übrigen ein Eigengewächs ist, gilt als ausgemacht.

Der 1970 geborene Sewing ist seit 1. Januar 2015 Mitglied des Vorstands und seit März 2017 stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Er verantwortet bisher den Unternehmensbereich Privat- und Firmenkundenbank inklusive Postbank gemeinsam mit Frank Strauß. Von Juni 2013 bis Februar 2015 leitete er die Konzernrevision. Davor bekleidete er eine Reihe von Führungspositionen im Risikomanagement. Er arbeitete in Frankfurt und Hamburg sowie an den Standorten London, Singapur, Tokio und Toronto. Von 2005 bis 2007 war Sewing Finanz- und Risikovorstand der Deutschen Genossenschafts-Hypothekenbank. Der nun designierte Vorstandvorsitzende begann 1989 seine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank in seiner Heimatstadt Bielefeld.

Die Deutsche Bank werde zur alten Stärke zurückfinden, das äußerte Sewing bereits auf dem Jahresempang seines Hauses im himischen Bielefeld. Die zahlreichen juristischen Auseinandersetzungen würden das Ergebnis sicher belasten, „aber wir werden das ausräumen“. Die Bank wolle sich regionaler aufstellen, eine „Silomentalität“, die Sewing erkennt, wollte er schon damals auflösen. Man werde mit 500 Filialen in der Fläche präsent sein und zugleich das digitale Angebot aufbereiten. „Wir wollen das Mittelstandsgeschäft weiter steigern“, kündigte Sewing an, der damals das Privat- und Firmenkundenschäft betreute. Jetzt kann er es für den Konzern umsetzen. Und das wird im übrigen auch erwartet:  „Christian Sewing hat in seinen mehr als 25 Jahren bei der Deutschen Bank konstant bewiesen, dass er führungsstark ist und eine große Durchsetzungskraft hat“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner. „Der Aufsichtsrat ist überzeugt, dass es ihm und seinem Team gelingen wird, die Deutsche Bank erfolgreich in eine neue Ära zu führen. Wir setzen auf ‎die innere Kraft unserer Bank, auf die vielen großen Talente, die wir haben.“

Ein strategischer Wechsel

Sewings Beförderung an die Spitze ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen Marcus Schenck, der bislang das Investmentbanking der Deutschen Bank zusammen mit dem Südafrikaner Garth Ritchie leitete. Ritchie diese Sparte nun allein führen. Noch vor wenigen Tagen war in den Medien sogar über seinen Abgang spekuliert worden – doch nun geht der eigentlich als Kronprinz gehandelte Schenck, der im übrigen ein ehemaliger Goldman-Sachs-Banker ist.

Gerade die Goldman-Sachs-Vergangenheit Schencks lässt aufhorchen. Dass er die Deutsche Bank nun wohl verlassen wird, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Denn wie Schenck war auch Achleitner länger bei Goldman Sachs. Dass der Aufsichtsratschef selbst seit einiger Zeit in der Kritik steht, könnte das Kräfteverhältnis zugunsten Sewings verschoben haben. Der 47jährige steh nun in der Verantwortung, seinen Vorgängern gerecht werden zu müssen, zu denen Persönlichkeiten wie Hermann Josef Abs und Alfred Herrhausen gehören.

Die Berufung Sewings ist mehr als nur eine Personalentscheidung, sondern ein formidabler Strategiewechsel bei der größten deutschen Privatbank. Erstmals in der Geschichte des Hauses übernimmt damit ein Manager aus dem Privatkundengeschäft die Konzernspitze. Was für das ohnehin umstrittene und immer wieder für erhebliche Finanzlöcher verantwortliche Kapitalmarktgeschäft möglicherweise einen Bedeutungsverlust darstellen wird. Umgekehrt könnten die Privatkunden, darunter auch diejenigen der Postbank, mehr in den Mittelpunkt rücken.

Hitzige Diskussion im Aufsichtsrat

Es ist das dritte Mal innerhalb von nur sechs Jahren, dass die Bank ihre Top-Manager austauscht. Cryan, der sein Amt nicht einmal drei Jahre innehatte, muss gehen, weil er drei Verluste in Folge zu verantworten hat. Schließlich haben auch die ersten Monate dieses Jahres kaum Anlass für Zuversicht. Zudem wurde der Vorwurf gegen den Briten immer lauter, dass es ihm nicht gelinge, aus der Rolle des Aufräumers herauszuwachsen und eine Wachstumsvision für die Bank zu entwickeln. Ein abermals in Richtung historischer Tiefststände driftender Aktienkurs war dann das Tüpfelchen auch dem sprichwörtlichen „i“.

Im Aufsichtsrat gab es zur Rochade an der Konzernspitze eine sehr engagierte, phasenweise emotionale und recht hitzige Debatte, wie in Finanzkreisen kolportiert wurde. Nicht nur inhaltlich gab es demnach Differenzen, sondern vor allem auch darüber, wie die Sitzung zustande kam. Aufsichtsratschef Paul Achleitner hatte die Telefonkonferenz nicht nur sehr kurzfristig einberufen – er hatte seine Aufsichtsratskollegen im Vorfeld außerdem nicht in die Nachfolgesuche eingebunden. Nachdem über ebendiese Suche aber seit Wochen spekuliert wurde, könnte die nächste spannende Frage bei der Deutschen Bank sein, ob Achleitner sich nun wird halten können. Noch interessanter für die Anleger ist aber die Frage, ob der neue Vorstandsvorsitzende Zuversicht entfachen und damit Phantasie für den Börsenkurs auslösen kann.

08.04.2018 | 22:42

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