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Nach der Wahl: die vier spannendsten deutschen Aktien

(Bild: Deutsche Börse AG)


Deutschland hat gewählt. Und alles sieht derzeit nach einer Jamaika-Koalition aus. Die Finanzmärkte insgesamt ließ der Wahlausgang zunächst kalt – fast. Die Kurse bestimmter Aktien bekamen die Auswirkungen sehr wohl zu spüren. Für ausgewählte Branchen und Unternehmen könnte eine Schwarz-Gelb-Grüne Regierung richtungweisend sein. Die BÖRSE am Sonntag hat vier davon einmal unter die Lupe genommen: Vonovia, Deutsche Wohnen, RWE und Volkswagen.

1. Vonovia

Die Prognosen hatten es bereits vorweggenommen, am vergangenen Sonntag haben es die Wähler bestätigt. Neben einer starken AfD ist vor allem die FDP die große Wahlgewinnerin. Sollte es die Partei um Christian Lindner nun in eine Regierung schaffen, könnte das für Wohnungsbaugesellschaften wie Vonovia zum Glücksfall werden, ein massives Vorantreiben von sozialem Wohnungsbau wäre dann kaum zu erwarten. Zudem sollten strenge Mietpreisbeschränkungen eher nicht in Kraft treten. Analystenmeinungen erhellen, warum das so ist. Oliver Maslowski, Fondsmanager beim Schweizer Vermögensverwalter GAM, schrieb bereits vor der Wahl, dass derzeit die Mieteinnahmen deutscher Wohnungsunternehmen zum Teil unter dem Mitspiegel lägen. Er indizierte somit weiteres Aufwärtspotential bei Wohnungsmieten und riet aus Anlegern aus einer „Risiko-Rendite-Perspektive“ heraus zu einer „Übergewichtung des Immobiliensektors“.

Anscheinend teilen nach der Wahl viele Anleger die Einschätzungen des Managers. Bis Dienstagmittag stieg der Kurs der Vonovia-Aktie um knapp drei Prozent von 35,50 auf 36,50 Euro. Die letzten Zahlen des Immobilien-Konzerns konnten sich zudem sehen lassen. Vor allem dank höherer Mieteinnahmen (plus 7,6 Prozent) konnte man im ersten Halbjahr 2017 sein operatives Ergebnis um 18 Prozent auf 457 Millionen Euro steigern. Bein einem Leerstand in Höhe von 2,9 Prozent konnte der Bochumer Konzern für die ersten sechs Monate des Jahres beinahe eine Vollauslastung seiner Immobilien verkünden. Bis zum 31. Dezember rechnet Vonovia mit einem operativen Ergebnis von zirka 920 Millionen Euro. 2016 waren es 760,8 Millionen Euro gewesen.

Vonovia will außerdem weiter kräftig investieren. Allein in diesem Jahr flossen und fließen rund 730 Millionen Euro in Neubauten, Erweiterungen und Modernisierungen. Ab 2018 soll es eine Milliarde jährlich werden. Das klingt nach Wachstum. Und durch eine Jamaika-Koalition bekäme man das wohl beste politische Fundament für seine Pläne. So glaubt unter anderem auch HSBC-Analyst Thomas Martin – er gibt ein Kursziel von 47 Euro an – weiter an eine positive Börsenperformance des Konzerns. Sollte das Angebot im sozialen Wohnungsbau nicht erheblich steigen oder Mietpreisbeschränkungen kommen, sei die „Wachstumsstory“ der börsennotierten deutschen Immobilienunternehmen weiterhin attraktiv.

2. Deutsche Wohnen

Zu jenen Immobilienunternehmen mit intakter Wachstumsstory gehört neben Vonovia auch der schärfste Konkurrent der Bochumer: Die Deutsche Wohnen. Und deren Chart nahm in den letzten Jahren eine besonders erfreuliche Entwicklung. Innerhalb der letzten drei Jahre konnte die Deutsche Wohnen-Aktie nun schon mehr als 110 Prozent an Wert zulegen. An den ersten beiden Wochentagen nach der Bundestagswahl es fünf Prozent. Von 35,00 auf 36,80 Euro ging es nach oben. Damit katapultierte sich das Papier auf den höchsten Wert seit 2007. Deutsche Bank-Analyst Markus Scheufler sieht die Aktie daher als einen der „Branchenfavoriten in Europa“. Dank des Investitionsprogramms rechne er mit einem fünfprozentigen Anstieg der Mieteinnahmen. Bis 2019 dürfte außerdem der Portfoliowert um 17 Prozent pro Jahr ansteigen, schreibt Scheufler in seiner Studie. Den Kurs der Aktie sieht er daher bei bis zu 44 Euro.

Grundsätzlich gelten für die Aktie der Frankfurter dieselben Kaufargumente wie für den Vonovia-Anteilsschein. Das wirtschaftliche Umfeld passt. Und greift die Politik nicht ein, werden die Mieten aufgrund des knappen Wohnraums vor allem in den Ballungsräumen weiter ansteigen. In einigen großen Städten wie Berlin  könnten sich die Wohnimmobilienpreise sogar verdoppeln, meint Citigroup-Experte Aaron Guy. Die Mehrheit der Analysten ist zudem positiv gestimmt. 24 von ihnen empfehlen, die Aktie zu kaufen, sechs sie zu halten und nur drei Raten zum Verkauf. Ihr operatives Ergebnis konnte die Deutsche Wohnen im ersten Halbjahr 2017 um elf Prozent auf 221 Millionen Euro verbessern. Gemeinsam mit der zweiten Jahreshälfte rechnen die Frankfurter mit 425 Millionen Euro. Ebenfalls über das Gesamtjahr erwartet man Mietzuwächse in Höhe von vier Prozent. Wie Konkurrent Vonovia will man zudem weiter auch in eigene Neubauten investieren. 500 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren.

3. RWE

Besonders spannend ist derzeit der Blick auf die Energieversorger und damit vor allem RWE. Denn die Aktie des Ruhrgebiet-Konzerns zählt bisher zu den großen DAX-Gewinnern des Jahres, hat 2017 bisher mehr als 60 Prozent an Wert gewonnen. Für die im Zuge des Atomausstiegs leidgeplagten Aktionäre ein äußerst willkommener Lichtblick. Angesichts des Wahlausgangs könnte nun aber neues Ungemach drohen, denn damit eine Jamaika-Koalition Realität werden kann, werden CDU/CSU und FDP zumindest ein paar kleine grüne Zugeständnisse machen müssen. Glaubt man Experten, könnten solche Zugeständnisse vor allem RWE mit seinen Kohlekraftwerken treffen. Union und FDP könnten den Kohleausstieg mitmachen, sollten die Grünen im Gegenzug den Verbrennungsmotor nicht mehr schon bis 2030 verbannen wollen, glaubt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. 2030 wäre dafür dann Schluss mit Strom aus deutschen Kohlekraftwerken. So erlitten Aktien des zweitgrößten deutschen Energieversorgers am Montag nach der Wahl dann auch einen fünfprozentigen Kurseinbruch, wovon sie sich bisher nur leicht erholten.

Es könnte aber auch ganz anders kommen, sollten sich die Parteien tatsächlich auf ein Verbrenner-Verbot ab 2030 einigen. Zugegeben, das erscheint utopisch, aber vielleicht schmiedet man immerhin Pläne für eine Verbrenner-Einschränkung, ein Verbot ab 2050 oder eine verstärkte staatliche E-Auto-Förderung. Denn das Automobil mit neuen, umweltschonenden Antrieben in die Zukunft führen: das wollen sie auf lange Frist alle. Und momentan ist der E-Antrieb, auch wenn Ingenieure die Köpfe schütteln und auf Brennstoffzellen, Wasserstoff und Antriebsmix verweisen.

Aber es muss derzeit Strom sein, das erscheint als politischer Konsens, und Politik ist ja bekanntlich die „Kunst des Möglichen“. So entsteht eine einfache Gleichung. Je mehr elektrifizierte Fahrzeuge, desto mehr Energiebedarf in Form von Strom. Und um dessen Produktion zu gewährleisten bräuchte es derzeit nicht weniger, sondern mehr Kraftwerke. Ab 2022 produziert Deutschland dann ja auch keinen Atomstrom mehr. Also vielleicht doch keine Schließung von Kohlekraftwerken? Die Energieversorger und allen voran RWE könnten so verspätet zum Wahlgewinner werden – und Spekulationen darauf sind gar nicht abwegig, sondern gut fundiert. GAM-Fondsmanager Oliver Maslowski sieht in der Versorger-Branche zudem die Möglichkeit einer europäischen Konsolidierung. Übernahmephantasien könnten zum Tragen kommen, schrieb er in einer Einschätzung. Das würde wahrscheinlich Extra-Renditen bedeuten.

4. Volkswagen

An den ersten drei Tagen nach der Wahl ein Kursplus von 2,7 Prozent. Und, gestützt von den auf der IAA groß angekündigten Plänen in Sachen E-Auto-Zukunft, seit Anfang September sogar ein Kursgewinn in Höhe von zwölf Prozent. Für die Volkswagen-Aktien waren die Tage vor und nach der Bundestagswahl wahrlich gut. Die Mehrheit der Analysten rät zudem weiterhin dazu, sich das Papier der Wolfsburger ins Depot zu legen. Auf der anderen Seite rückt zugleich der Dieselskandal allmählich aus dem Blickfeld. Und Aufwärtspotential ist angesichts des Kurssturzes im Rahmen des Abgasbetrugs reichlich vorhanden.

Doch noch lange ist nicht alles Gold was glänzt. Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer warnt: „Der ohnehin bereits hohe politische Druck auf die deutsche Automobilindustrie wird sich eher noch verstärken“, und spielt damit auf eine Regierungsbeteiligung der Grünen an. Denn auch wenn aus dem Verbot von Neuwagen mit klassischen Benziner- oder Dieselmotoren wohl nichts wird, die Autohersteller dürften von einer Jamaika-Koalition stärker unter die Lupe genommen werden als bisher. Nicht unwahrscheinlich, dass auch die FDP hier ihren Teil dazu beiträgt. Die Liberalen würzten ihren Wahlkampf nicht zuletzt mit dem Willen nach schnellerem technologischen Fortschritt und der Forderung von Investitionen in Digitalisierung und Industrie 4.0.

Die deutschen Autohersteller werden also liefern müssen. Allen voran VW. Nicht nur, weil mit einer äußerst unrühmlichen Vorgeschichte belastet, sondern auch, da man BMW und Daimler in Sachen E-Mobilität hinterherhinkt. Ob sich all das am Ende negativ auf den Aktienkurs der Wolfsburger ausschlägt, muss sich zeigen. Zählen dürften vorerst die kommenden Gewinn- und Umsatzzahlen, da sie nicht zuletzt zeigen, inwieweit es VW gelingt den Abgasskandal hinter sich zu lassen. Zuletzt waren diese, abgesehen vom deutschen Heimatmarkt, mehr als zufriedenstellend. Im ersten Halbjahr 2017 steigerte man den Konzernumsatz um 7,3 Prozent auf knapp 116 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis legte um 18,6 Prozent auf 8,9 Milliarden Euro zu.

Ausblick

Für den DAX und die Märkte im Allgemeinen scheinen die Auswirkungen der Wahl und einer möglichen Jamaika-Regierung alles in allem gering. Das belegten auch die geringen Kursschwankungen des deutschen Leitindexes an den ersten Tagen nach der Bundestagswahl. Die Volkswirte der großen Banken sehen mehrheitlich Chancen und Risiken zugleich. „Jamaika ist auf den ersten Blick nicht das beste Szenario für Wirtschaft und Finanzmärkte, denn es bringt Unsicherheit, von der Wirtschaftspolitik bis hin zur Europapolitik. Auf den zweiten Blick bietet es jedoch Chancen, mit frischen Kräften Themen neu anzupacken“, sagte so beispielsweise Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka Bank. Und für Targo Bank-Chefvolkswirt Otmar Lang sind die „Geldpolitik der Notenbanken, die Nordkoreakrise oder die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland und Europa“ ohnehin viel entscheidender. Oliver Götz

30.09.2017 | 22:26

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