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Das Paradies, gerade noch ahnbar und doch ganz konkret

„Schneemann“, 2016, Eitempera auf Leinwand, 30*40 cm — Passend zur Jahreszeit lacht der freundliche Kerl zum bunten Treiben rund um seine fragile Existenz. (Bild: v. Puttkamer)

„Ball 2“, 2006, Öl auf Nessel, 140*200 cm — der Festsaal im Hotel Ritz Carlton am Potsdamer Platz in Berlin lässt grüßen... (Bild: v. Puttkamer)

„Lüster“, 2006, Öl auf Nessel, 180*240 cm — .... aber auch die große Balltradition Österreich-Ungarns. (Bild: v. Puttkamer)

„Tische“, 2015, Mischtechnik auf Leinwand, 50*70 cm — Der Morgen danach.... die reale Vorlage ist zu finden in Clärchens Ballhaus, Berlin. (Bild: v. Puttkamer)

„Fest“, 2006, Lithografie 8/12, 50*70 cm — ...und im Sommer wird paradiesisch weitergefeiert, oder ist auch dies ein Ballsaal? (Bild: v. Puttkamer)

„Zwei im See“, 2013, Acryl auf Nessel, 30*40 cm — Auf wundervolle Weise ahnbar: das schönste aller irdischen Paradiese (Bild: v. Puttkamer, courtesy Matthias Erntges Galerie)


Die Malerei der 1973 geborenen Lilla von Puttkamer wirkt wie die unermüdliche Frage nach einem gerade noch ahnbaren Paradies, ohne nostalgisch zu wirken, vertraut vergänglich wie gegenwärtig. Diese Sicherheit kann trügerisch sein, die Idylle hat immer schon einen „Knacks“, was einfach heißt: sie ist nicht gegeben, sondern zu bewahren.

Von Ralf Bartholomäus

Wie andere Maler ihre Lichter setzen, um Konturen und damit den Ausdruck plastischer und lebendiger wirken zu lassen, erscheint bei Lilla von Puttkamer das Bild als Ganzes belichtet. Bei ihr scheint das Licht im Farbgrund selbst zu glimmen; begleitet von einer Auflösung der Details, die sich in Andeutungen genügen und der Gesamtwirkung fügen. Was wir aufnehmen ist eher eine Stimmung als der Inhalt, mehr das reine Motiv als dessen Sinn. Es ist dies Malerei als Ereignis, im Unterschied zur Abwägung von Einzelheiten.

Dieser Rücknahme von Differenzierung entspricht eine Aufwertung durch Rekognition, im Sinne von Beglaubigung, in der sich verschiedene Eindrücke unserer Sinne, aber auch der Vorstellungen und Erinnerungen zur einheitlichen, wohlgeformten Erfahrung fügen oder ergänzen. Man könnte diese Malerei anti-illusionistisch nennen, wären da nicht jene „Vermehrungen“ einzelner Momente. Die vorgebliche Statik der Bilder löst sich beinahe in filmische Mittel auf: ist es ein Skiläufer in mehreren Phasen der Abfahrt oder sind es tatsächlich so viele, die gleichzeitig den Hang hinunter sausen?

Die Vielheit der Personen in neueren Gemälden ist allerdings ganz sachlich dem Thema der Zeit geschuldet: Boote voller Flüchtlinge gibt es da, auch die endlos erscheinenden Schlangen der Wartenden am berühmten Lageso. Und in den ergreifendsten Bildern sind es wahrhaftig endlose Ströme von Menschen, denen die Künstlerin einen erstaunlich warmherzigen Ausdruck verleiht. Die Grautöne beschreiben eine gleichförmige Masse, in der doch jeder als Mensch mit seinem eigenen Schicksal spürbar bleibt. So setzen sich Gruppen ab der Vertrauten – oder der Schwachen, die am Rand zurückstehen. Jede Wertung bleibt offen.

Signifikante Themen anderer Bilder sind Musik und Tanz, sowohl in Erinnerung an die Kindheit in Ungarn, als auch der Gegenwart, in der die Künstlerin offensichtlich Orte sucht, die ihr eine ebensolche Stimmung von Heimat und Geborgenheit vermitteln (wie Clärchen’s Ballhaus in der Berliner Auguststraße). Als Motto könnte über all dem stehen: „Geschieden sind wir in der Welt, doch im Tanz sind wir eins“ (Martin Buber).

Die besänftigende Wirkung dieser Bilder ist nicht farbpsychologisch zu erklären; sie reflektieren Motive, die uns seltsam vertraut erscheinen – wie profane Epiphanien, Assoziationen des Unbewussten gleich. Und die einzelnen Motive wirken dabei nicht isoliert, weil ihre Aussagen allgemeinere Bedeutung haben, wie Nähe und Ferne, Enge und Weite, Gemeinschaft und Verlust. Es umgibt sie die milde, versöhnliche Aura des intendierten Gehalts.

Die Malerei der 1973 geborenen Lilla von Puttkamer wirkt wie die unermüdliche Frage nach einem gerade noch ahnbaren Paradies, ohne nostalgisch zu wirken, vertraut vergänglich wie gegenwärtig. Diese Sicherheit kann trügerisch sein, die Idylle hat immer schon einen „Knacks“, was einfach heißt: sie ist nicht gegeben, sondern zu bewahren. Denn das Wesentliche liegt in jedem selbst geborgen, nennen wir es nun Kindheit, Traum oder Märchen. Haltlos wird unsere Reise nur dann, wenn wir nicht mehr wissen, wonach wir eigentlich suchen.

Lilla von Puttkamer über ihre Arbeit

„Meine Bilder sind Momentaufnahmen aus meiner unmittelbaren Umgebung und erzählen Geschichten von unerklärlichen Dingen. Im Mittelpunkt steht der Mensch mit seinen Leidenschaften und Verstrickungen, die sich in Zwischenzuständen und Uneindeutigkeiten äussern.
Schattenwelten, Projektionen und Erinnerungen entziehen sich auf spielerische Weise rein logischen Erklärungen. Die Bilder laden ein zum Blick in einen Traumspiegel, eine Reflektion des Halb- und Unbewussten. Zustände zwischen Wachen und Träumen, genau wie Wechsel zwischen Realität und Fiktion, gleiten ineinander.

Malerei hat viel mit Bewegung zu tun. Der Mensch zeigt in der Bewegung seine ursprüngliche Seite. Sein Wesensausdruck im Tanz rührt an kulturell tiefer liegendes Wissen, an Traditionen und Riten als auch an Urbedürfnisse des Menschen zu fallen, zu fliegen und schweben. Versucht gleichzeitig ganz im Augenblick zu sein und dem Alltäglichen, Partialisierten und Kontrollierten zu entheben. Motive tauchen auf, verdichten sich, verzerren, kippen oder verschwinden wieder.“

Weitere Bilder und auch Informationen unter: www.lillavonputtkamer.de

03.01.2017 | 16:53

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