boerse am sonntag - headline

Bitcoin & Co. können etablierte Währungen nicht verdrängen

(Bild: Shutterstock)

Maximilian Kunkel (Bild: UBS)


Kryptowährungen sind weiter auf dem Vormarsch. Der Wertzuwachs innerhalb der letzten zwei Jahre ist enorm. Doch fehlen Bitcoin und Co. bestimmte Eigenschaften, um den etablierten Währungen gefährlich zu werden. Die zugrundeliegende Blockchain-Technologie hat jedoch das Potential, weite Teile der Wirtschaft nachhaltig zu verändern.

Von Maximilian Kunkel

 

 

In letzter Zeit überschlugen sich die Meldungen geradezu – ständig erreichte der Wert von Bitcoin einen neuen Höchststand. Seitdem im Jahr 2008 die erste und populärste Kryptowährung entstand, sind ungefähr 1.000 weitere dazugekommen. Zusammen sind sie derzeit etwa 125 Milliarden Euro wert und werden auf über 5.000 virtuellen Marktplätzen gehandelt. 

Im Vergleich zu herkömmlichen Zahlungsvorgängen bringt der Handel mit Kryptowährungen gewisse Vorteile mit sich. Er ermöglicht direkte Geldtransfers zwischen zwei Parteien, ohne dass dabei eine dritte Instanz wie eine Bank dazwischengeschaltet ist. Das spart sowohl Kosten als auch Zeit. Die Transaktionen sind anonym, das heißt persönliche Daten werden weder erhoben noch gespeichert. Noch dazu macht das technologische Gerüst Cyberangriffe extrem unwahrscheinlich.

Regierungen stehen Kryptowährungen im Weg

Trotz dieser Vorteile glaubt UBS nicht, dass Kryptowährungen die etablierten Währungen ablösen könnten. Dies würde nämlich voraussetzen, dass der Staat eine Kryptowährung als offizielles Tauschmittel anerkennt – doch er hat wenig Anreize, dies zu tun. In fast jeder Volkswirtschaft besteht der größte Teil aller transferierten Geldbeträge aus Steuerzahlungen an den Staatsapparat. Dieser zieht es vor, die Steuern in derselben Währung zu erhalten, in der er auch seine Verbindlichkeiten hält. Und Verbindlichkeiten präferiert jede Regierung in einer Währung, die sie notfalls zu einem gewissen Grade kontrollieren kann. Aus diesem Grund wird der Großteil der globalen Wirtschaft weiterhin Transaktionen in herkömmlichen Währungen abwickeln. Das Devisenrisiko bei der Steuerzahlung wäre sonst für jedes Unternehmen zu hoch. Dasselbe gilt für Beschäftigte, sollten sie ihr Gehalt in einer Kryptowährung ausgezahlt bekommen.

Alles hängt von der Nachfrage ab

Doch auch ohne Regierungsbeteiligung gibt es einen Grund, der gegen die allgemeine Akzeptanz von Kryptowährungen spricht: die hohe Volatilität gepaart mit Unsicherheit. Eine sichere Wertanlage erfordert auch eine stabile Währung. Um die Stabilität kümmern sich die Zentralbanken, indem sie das Angebot der Nachfrage anpassen. Den Kryptowährungen wird ihr dezentraler Charakter hier zum Verhängnis, da jegliche regulierende Instanz fehlt. Das Angebot kann nicht gesenkt werden. Sollte also die Nachfrage drastisch fallen, führt das zwangsläufig zum Kollaps. Dazu ist die Anzahl der Kryptowährungen unbegrenzt – jeder kann theoretisch eine neue Währung kreieren. Und darin besteht ein weiteres Kollapsrisiko: Sollte eine neue, technologisch überlegene Kryptowährung auf den Markt kommen, ist die Gefahr groß, dass alle Marktteilnehmer auf den neuen Zug aufzuspringen wollen und damit den alten gegen die Wand fahren. Hinter Kryptowährungen steht keine reale Ökonomie, sie sind vom regulierten Finanzsystem abgekoppelt. Der 20-fache Wertzuwachs in den letzten zwei Jahren steht in keinem Verhältnis zum Nutzen. Das lässt auf viele spekulative Investoren schließen, die die jeweilige Währung überhaupt nicht als Tauschmittel verwenden. Bei derartigen Entwicklungen fällt üblicherweise auch der Begriff „Blase“. Und Blasen können bekanntlich platzen.

Blockchain als Technologie der Zukunft

Die den Kryptowährungen zugrundeliegende Technologie wurde ursprünglich auch nur für Kryptowährungen erschaffen. Die Blockchain ist eine Art Datenbank, die ständig fortgeschrieben wird, ohne dass dabei Datensätze überschrieben werden. Jede Transaktion mit einer Kryptowährung – und sei sie noch so lange her – ist also in der Blockchain gespeichert. Doch ist es inzwischen kein Geheimnis mehr, dass die Anwendungsmöglichkeiten von Blockchain weit über den Bereich der Kryptowährungen hinausgehen.

UBS sieht die Blockchain als Infrastrukturtechnologie, die Basis ist für künftige Entwicklungen. Eine dieser Entwicklungen sind smarte Verträge. Dabei wird sowohl die Verhandlung, als auch die Abwicklung eines Vertrags mit Hilfe von Blockchain-Technologie digitalisiert und vereinfacht. In ausgereifter Form würden smarte Verträge überall dort Anwendung finden, wo man sich von schnelleren, sichereren und günstigeren Transaktionen einen Vorteil verspricht – und das betrifft sehr viele Sektoren. In der Produktion könnten solche Applikationen das Management von Lieferketten hinsichtlich Transparenz und Effizienz revolutionieren. Weitere Anwendungsmöglichkeiten bestehen in der Sicherheit von Wahlsystemen oder in der Optimierung von Transaktionen in der aufstrebenden Sharing Economy. Und natürlich auch in ihrem eigentlichen Ursprungssektor wird die Blockchain zum Einsatz kommen. Für das von intermediären Instanzen dominierte Finanzwesen sieht die Blockchain zwar zunächst wie eine Bedrohung aus, doch die erwarteten Ersparnisse sind so beachtlich, dass laut dem Weltwirtschaftsforum noch im Jahr 2018 vier von fünf Banken die Technologie implementieren werden.

Mittelfristig dürfte die Blockchain-Technologie in bestimmten Sektoren zum Mainstream werden, doch momentan gibt es auch noch einige Herausforderungen zu meistern. Aufgrund des extrem hohen Bedarfs an Speicherkapazität und Rechenleistung kommt es derzeit noch zu Performance-Problemen. Außerdem erfordern viele diskutierten Anwendungen eine Anpassung des Rechtssystems. Wer über langfristige Investitionen nachdenkt, sollte sich auf zwei Felder konzentrieren. Zum einen sind Unternehmen interessant, deren technische Entwicklungen Voraussetzung für Blockchain-Anwendungen sind, beispielsweise in den Bereichen Software, Hardware und auch der Halbleiterindustrie. Zum anderen lohnt sich der Blick auf Firmen, die Blockchain sehr früh adaptieren. Neben niedrigeren Kosten bei der Implementierung sind hier auch frühzeitig neue Produkte und Dienstleistungen zu erwarten.

Maxilian Kunkel ist Chefanlagestratege der Schweizer Großbank UBS.

08.12.2017 | 00:21

Artikel teilen: