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30 Milliarden Dollar! Mega-Fusion in der US-Luftfahrt

Jet-Triebwerke: United Technologies verstärkt die Marktposition (Bild: Rockwell Collins)


Bereits seit längerem hatte es sich angedeutet. Nun scheint es passiert. Für rund 30 Milliarden US-Dollar kauft der US-amerikanische Mischkonzern United Technologies den Flugzeugausstatter Rockwell Collins und sorgt so für eine der größten Übernahmen in der Luftfahrtbranche, die es je gab. Das zumindest teilten beide Unternehmen am Montag übereinstimmend mit. In die Zukunft geht es also wohl gemeinsam, zustimmen muss nur noch das US-Kartellamt. Die Aktienkurse der beiden Konzerne reagierten auf die Nachrichten dagegen ziemlich gegensätzlich.

Wie reagiert man als Zulieferer auf zwei Konzerne, die auf Basis ihrer Marktmacht versuchen könnten, ihre Einkaufskosten zu reduzieren? Man verschafft sich durch Zukäufe einfach selbst mehr Gewicht an den Märkten, um seinerseits wieder in die beste Verhandlungsposition zu rücken. Und senkt durch eine solche Fusion dann auch gleich noch die eigenen Kosten. Die mit der Marktmacht, das sind die beiden Flugzeug-Hersteller Airbus und Boeing. Und die mit den Zulieferungen, das sind United Technologies und Rockwell Collins.

Gewicht am Markt gewinnen, und zwar durch Zukäufe. Das ist zweifelsohne das Ziel des verantwortliche Management des Großkonzerns United Technologies, zu dessen Töchtern neben der Otis Elevator Company – immerhin weltweit größter Produzent von Aufzugsanlagen, Rolltreppen und Laufbändern – unter anderem auch das Unternehmen Pratt & Whitney gehört, welches sich hauptsächlich mit der Herstellung von Flugzeugturbinen einen Namen gemacht hat.

Mit dem Zukauf von Rockwell Collins stärkt der Konzern mit Sitz in Hartford, Connecticut, seine Luftfahrtsparte immens. Rockwell zeichnet vor allem für Displays im Cockpit und vielerlei Kommunikationssysteme verantwortlich. Der Konzern aus Iowa selbst hatte erst im April des laufenden Jahres das Unternehmen BE Aerospace für 8,6 Milliarden Euro übernommen, welches wiederum auf Flugzeug-Innenausstattung spezialisiert ist. Ebenfalls Teil von United Technologies ist die UTC Aerospace Systems-Sparte, in der Räder und Fahrwerke für die Luftfahrt produziert werden.

Branchenkenner Hans Weber von der Unternehmensberatung Tecop International sprach gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg von einem bedeutsamen Deal. Sowohl für United Technologies selbst als auch für alle weiteren Flugzeugausrüster und die Luftfahrtindustrie insgesamt. „Rockwell Collins ist der Zulieferer für die Bordelektronik der Boeing 787. Durch die Übernahme wird United Technologies zu einem Zulieferer von besonderer Wichtigkeit für Boeing.“, so Weber weiter. Alles in allem habe sich das Unternehmen nun in eine „starke Verhandlungsposition“ gebracht, sollte Boeing seine Zulieferer einem Preisdruck aussetzen. Und auch Greg Hayes, Chef von United Technologies, zeigt sich freilich hochzufrieden: Durch die Übernahme erhalte man riesige Möglichkeiten im Luftfahrtgeschäft. Ziel müsse es sein die Luftfahrt in Sachen Intelligenz und Vernetzung besser zu machen.

Die Aktionäre des Übernahmekandidaten sind unzufrieden

Einzig die Aktionäre des amerikanischen Großkonzerns können sich mit der Rockwell-Übernahme noch nicht so recht anfreunden. Das erscheint zunächst logisch, bringen Übernahmen solchen Ausmaßes doch schon ganz grundsätzlich immer auch Risiken mit sich. Die mit der Übernahme verbundenen Ausgaben wollen an anderer Stelle schließlich erst einmal wieder verdient werden. So verwundert es nicht, dass die United-Papiere von Ende Juli ab, als eine Fusion immer wahrscheinlicher wurde, bis zum heutigen Tag knapp vier Prozent an Wert verloren. Derzeit ist eine Aktie des Konzerns 96,30 Euro wert. Im Mai des laufenden Jahres waren es noch über 111 Euro gewesen. Rockwell-Aktien dagegen verteuerten sich im gleichen Zeitraum von 89,98 auf ein Rekordhoch in Höhe von 111,70 Euro, was einem Kurszuwachs von über 24 Prozent entspricht. Innerhalb eines Jahres stieg der Wert des Papiers gar um fast 44 Prozent. Bei Rockwell nämlich läuft es gut, die Umsätze steigen kontinuierlich. Im abgelaufenen dritten Geschäftsquartal nahmen die Amerikaner knapp 2,1 Milliarden Dollar ein, was einer Steigerung von 57 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Diesen Top-Wert verdankt Rockwell Collins zwar mehrheitlich der Übernahme von BE Aerospace, dennoch sind die Zahlen ein Ausrufezeichen.

Kein Wunder also, dass United-CEO Hayes tief in die Tasche greifen musste, um die Übernahme in trockene Tücher zu bringen. Rockwell-Aktionäre sollen 140 US-Dollar pro Aktie erhalten. Das sind 18 Prozent mehr, als die Rockwell-Aktie noch am 3. August wert war, also einen Tag bevor die Presse erstmals übereinstimmend von einer Vorbereitung eines Gebots seitens United-Technologies für den Luftfahrt-Zulieferer aus Iowa sprach. Inzwischen scheint das Übernahmeangebot im Kurs der Aktie aber eingepreist. 93,33 Dollar bekommen die Aktionäre in bar, den Rest in United-Technologie-Anteilsscheinen. Im dritten Quartal 2018 soll die Übernahme dann bereits abgeschlossen sein. Damit einhergehend will United Rockwell mit seiner eigenen Luftfahrt-Sparte zusammenlegen. Entstehen soll in der Folge das Unternehmen Collins Aerospace Systems.

Die geplante Fusion der beiden Luftfahrt-Schwergewichte hat das Potenzial die Kräfteverhältnisse zwischen den Flugzeug-Zulieferern zu verändern, schreibt das Wall Street Journal. Mit Blick auf die Veränderung des Aktienkurses von United wird es nun wohl vor allem darauf ankommen welcher Anleger-Typ sich durchsetzt. Der Fusions-Pessimist oder der Fusions-Optimist? Eigentlich hat UTC derzeit vieles ganz gut im Griff. Mit dem Luftfahrtgeschäft erlöste man im vergangenen Jahr 29,4 Milliarden Dollar. Die restlichen Sparten generierten einen Umsatz in Höhe von 28,7 Milliarden Dollar. Das Ebit des Mischkonzerns lag 2016 bei 8,17 Milliarden Dollar. Rockwell Collins setzte gemeinsam mit der übernommenen B/E Aerospace 8,2 Milliarden Dollar um. Mit einem Umsatz mindestens in dieser Höhe dürften sie bei United Technologies dann wohl auch im nächsten Jahr rechnen können. Weiterhin zahlte United im Jahr 2016 eine Dividende in Höhe von umgerechnet 2,40 Euro, was einer Dividendenrendite von 2,38 Prozent entspricht. Und natürlich ist das United-Papier mit einem Kurs von 96,90 ein ganzes Stück weit weg von den 111,39 Euro im Mai. Es gäbe also durchaus noch Luft nach oben. Vielleicht kann für den United-Anleger aus einer Mega-Fusion dann doch noch ein Mega-Deal werden. Vielleicht. Oliver Götz

08.09.2017 | 23:37

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