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Anleger sollten China im Blick behalten

Chinas Wirtschaft ist weiter in robuster Verfassung. (Bild: Fotolia / kalpis)


Die Unternehmensaussichten in China und anderen aufstrebenden Märkten sind weiter positiv. Eine Trendumkehr ist aktuell nicht in Sicht. Schwellenländeraktien lassen Industrieländerpapiere derzeit hinter sich, das gilt sowohl für die europäischen Märkte als auch für die Leitbörse Nordamerikas an der New Yorker Wall Street. Ulrich Stephan analysiert.

US-Präsident Donald Trump hat die Wirtschaftspolitik seines chinesischen Amtskollegen Xi Jinping in den Monaten zuvor, zumal im Wahlkampf, mehr als einmal heftig kritisiert. Er bezeichnete China dabei unter anderem als Währungsmanipulator und Arbeitsplatzvernichter und drohte mit umfangreichen protektionistischen Maßnahmen. Das erste Treffen der Präsidenten der beiden größten Wirtschaftsnationen der Welt in Florida wurde deswegen von Marktteilnehmern mit Spannung erwartet.

Im Gegensatz zu dieser Vorgeschichte verlief das Treffen vergleichsweise harmonisch: Beide Seiten betonten die hohe Bedeutung einer engen Zusammenarbeit – auch außenpolitisch, etwa im Fall von Nordkorea. Zudem wurde sich darauf verständigt, in den folgenden 100 Tagen einen Maßnahmenplan zu erarbeiten, um das von den USA kritisierte Handelsungleichgewicht zwischen beiden Ländern zu verringern. Dabei dürfte es aus Sicht der Deutschen Bank in erster Linie um einen verbesserten Marktzugang für US-amerikanische Unternehmen zu China gehen und weniger um eine Abschottung der US-Wirtschaft oder eine forcierte Anpassung des chinesischen Renminbi-Wechselkurses. Im Hinblick auf Chinas wirtschaftliche Entwicklung sind diese Zwischenergebnisse durchaus positiv zu bewerten.

China profitiert derzeit von weltwirtschaftlicher Dynamik

Ohnehin präsentiert sich Chinas Wirtschaft aktuell in guter Verfassung. Unter anderem scheinen sich die umfangreichen geld- und fiskalpolitischen Stimuli der Regierung nun auszuzahlen: So sprang der Wirtschaftsindex Li Keqiang, der über Bahntransporte, Stromverbrauch und Kreditwachstum vor allem die Lage der Schwerindustrie erfasst, zuletzt auf ein Vierjahreshoch. Auch die Anfang April veröffentlichten Caixin-Einkaufsmanagerindizes zeichnen weiterhin ein positives Bild: Zwar fielen die Indizes für das Verarbeitende sowie das Dienstleistungsgewerbe im März leicht zurück. Allerdings liegen sie mit 51,2 beziehungsweise 52,2 Punkten nach wie vor recht deutlich in einem Bereich, der eine Ausweitung der wirtschaftlichen Aktivität anzeigt.

Das insgesamt positive wirtschaftliche Umfeld in China spiegelt sich auch in den Gewinnerwartungen der Unternehmen wider: Aktuell rechnen die Analysten für den breit gestreuten Aktienindex MSCI China 2017 mit einem Gewinnwachstum von 14,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Den Aktienmarkt dürften diese Zahlen weiter beflügeln. Die Deutsche Bank hat ihre Kursprognose für den MSCI China daher jüngst nach oben angepasst: Nachdem der Index seit Jahresbeginn bis zum 10. April 2017 bereits um rund 13 Prozent aus Sicht eines Euroanlegers gestiegen war, wird mittlerweile ein Jahresendstand von 72 Punkten erwartet (Stand 10.04.2017: 67,09 Punkte). China bleibt für entsprechend risikobereite Anleger damit einer der interessanteren Aktienmärkte in den Schwellenländern – beileibe aber nicht der einzige.

Schwellenländer im Fahrwasser Chinas

Auch andere aufstrebende Volkswirtschaften, zum Beispiel aus der Region Lateinamerika wie beispielsweise Brasilien, scheinen sich 2017 wieder besser zu entwickeln als noch 2016. Die Deutsche Bank ist daher für Schwellenländer insgesamt positiver gestimmt und sieht sie als Profiteure sowohl der anziehenden weltwirtschaftlichen Dynamik als auch des behutsamen Vorgehens der US-Notenbank bei der Normalisierung ihrer Geldpolitik. Hinzu kommt, dass die von den USA angedrohten protektionistischen Maßnahmen bislang kaum Gestalt angenommen haben.

Unternehmen beschert dieses Umfeld aktuell gute Perspektiven: Für den breit gestreuten Schwellenländerindex MSCI Emerging Markets (MSCI EM) liegen die Erwartungen hinsichtlich des diesjährigen Gewinnwachstums mit 19,3 Prozent sogar noch höher als in China. Zudem sind die Gewinnrevisionen durchweg positiv: Im Vergleich zu den Analystenschätzungen vor einem, drei und sechs Monaten liegen die Erwartungen heute zum Teil deutlich höher. Insgesamt erscheinen die Bewertungen von Schwellenländeraktien aus Anlegersicht daher weiterhin interessant: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist mit aktuell 12,4 deutlich niedriger als das in den Industrieländern (17,0).

Externe Faktoren entscheidend

Ob sich der positive Trend in den Schwellenländern fortsetzen wird und die Kurse an den dortigen Aktienmärkten weiter nach oben tendieren, dürfte maßgeblich von drei Faktoren abhängen. Erstens von den wirtschaftspolitischen Entscheidungen in den USA, etwa im Hinblick auf mögliche protektionistische Maßnahmen oder einen beschleunigten Zinsanhebungszyklus. Zweitens von der konjunkturellen Dynamik Chinas, die eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Schwellenländer verwoben ist. Und drittens von der Entwicklung der Rohstoffpreise – schließlich stellt der Export von Öl oder Industriemetallen für viele Schwellenländer eine wichtige Einnahmequelle dar.

Insgesamt beurteilt die Deutsche Bank die Aussichten für Aktien aus den Schwellenländern derzeit als interessant und sieht weiteres Kurspotenzial: Im Zuge der nach oben angepassten Prognose für den chinesischen Aktienindex MSCI China wird auch das Kursziel für den MSCI EM angehoben – schließlich machen chinesische Unternehmen rund 25 Prozent des regional breit aufgestellten Schwellenländerindex aus. Für entsprechend risikobereite Anleger könnten Schwellenländeraktien damit stärker in den Fokus rücken – ein wacher Blick auf die Entwicklungen in Washington und Peking vorausgesetzt.

Dr. Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

16.04.2017 | 17:33

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