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Kopieren deutsche Autohersteller Teslas Masche?

Kulisse wie aus Metropolis: Teslas Century City (Bild: Teslamotors.com)


Ob Volkswagen, BMW oder Mercedes, alle kommen aktuell mit großen Zukunftsverssprechen um die Ecke. Eine ganze Industrie scheint plötzlich die Elon-Musk-Rhetorik entdeckt zu haben. E-Mobilität und das digitale Zeitalter werden zum absoluten Maßstab erhoben. Eine gefährliche Taktik, die nun die Autobauer dazu verdammt, auch zu liefern. VW ist mit der größten Summe vorgeprescht.

Volkswagen möchte bis 2025 zur weltweiten Nummer Eins in der E-Mobilität werden. „Dieses Ziel werden wir erreichen“, versprach VW-Chef Matthias Müller, „das ist keine unverbindliche Absichtserklärung, sondern eine Selbstverpflichtung, an der wir uns ab heute messen lassen.“ Bereits im Frühjahr hatte der Konzernlenker der weiß-blauen Konkurrenz, BMWs CEO Harald Krüger, vollmundig verkündet: „Wir starten die größte Produktoffensive der Unternehmensgeschichte.“ Entwicklungsvorstand Fröhlich prognostizierte gar: „Der elektrische Antrieb wird 2021 unser neuer Normalzustand sein.“ Da möchte auch Daimler-CEO Dieter Zetsche nicht zurückstehen: „Bis 2022 werden wir das gesamte Mercedes-Portfolio elektrifizieren“, sagte auch er vor wenigen Monaten in Frankfurt.

Daimler, BMW und Volkswagen übertreffen sich mit immer neuen Ankündigungen zu Großprojekten der Zukunft am laufenden Band selbst, wollen unzählige Milliarden in die Hand nehmen. Bei der Größenordnung der geplanten Investitionen kann einem beinahe schwindelig werden. Volkswagen beispielsweise will bis zum Jahr 2030 20 Milliarden Euro in die Entwicklung neuer E-Modelle stecken. Bis zum Jahr 2025 sollen konzernübergreifend 80 neue PKW mit Elektro-Antrieb auf den Markt. 50 davon, so der Plan, werden einzig und allein mit Strom fahren, die restlichen 30 sollen als Plug-In-Hybride auf die Straße. Für seine ehrgeizigen Pläne bräuchte Volkswagen bis 2025 eine Batteriekapazität von 150 Gigawattstunden pro Jahr. Das entspräche dem vierfachen von Teslas Gigafactory. 50 zusätzliche Milliarden sollen bei der Umsetzung helfen.

BMW und Daimler halten dagegen

Auf der zurückliegenden IAA präsentierten die Münchner Premium-autobauer 24 E-Fahrzeuge. Bis 2025 sollen 25 elektrifizierte Modelle vom Band laufen, zwölf davon mit rein elektrischem Antrieb. 2021 will BMW mit dem neuen i5  einen Tesla-Model3-Gegner auf den Markt bringen. Das Viertürer-Coupé soll unter vier Sekunden von null auf hundert beschleunigen, zweihundert Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit schaffen und 600 Kilometer ohne Zwischenstopp fahren können. Im autonomen Fahren soll das Modell neue Maßstäbe setzen. Des Weiteren sollen Zentren für eben jenes autonome Fahren und die Batterieproduktion sowie ein eigener Campus für Elektro-Fahrzeuge entstehen. Seinen Entwicklungsetat wolle man damit einhergehend im kommenden Jahr auf sieben Milliarden Euro ausweiten, wie Finanzvorstand Nicolas Peter gegenüber dem Handelsblatt betonte.

Bei Daimler in Stuttgart lassen sie sich nicht gerne übertrumpfen, weshalb auch der derzeitige Absatz-Champion im automobilen Premium-Segment neue Zukunftsvisionen an die Öffentlichkeit brachte. Bis 2022 sollen über 50 Mercedes-Modelle als E-Auto oder Hybrid verfügbar sein. Zehn Fahrzeuge will man zu diesem Zeitpunkt rein elektrisch fahren lassen und so bis 2025 insgesamt 25 Prozent des Gesamtabsatzes mit elektrifizierten Modellen erzielen. Die Kleinwagen-Marke Smart soll ab 2020 sogar ausschließlich elektrisch fahren. „Wir planen, unsere Marke Smart bis 2020 in Europa und Nordamerika komplett auf elektrische Antriebe umzustellen. Der Rest der Welt folgt kurz darauf. Damit wird Smart die erste Verbrenner-Marke, die vollständig auf reine Elektroantriebe umsteigt“, kündigte Dieter Zetsche an.

Wer hat's erfunden?

Das sind ungewohnt klare und lautstark formulierte Ziele der drei großen deutschen Automobilhersteller. Vor allem aber sind es bisher eben nur Ziele, Ankündigungen und Prognosen. Alles in allem erinnert das mehr als nur ein bisschen an Elon Musks Tesla-Strategie. Seit Jahren versorgt der Firmengründer des E-Auto-Pioniers aus dem Silicon Valley die Welt mit immer neuen Zukunftsvisionen, verspricht Jahr um Jahr bahnbrechende Erfolge, plant ein Mammutprojekt nach dem nächsten. Und das vor allem immer dann, wenn Tesla in die Negativschlagezeilen gerät, wie zuletzt als man mit 619 Millionen US-Dollar den bisher höchsten Quartalsverlust in der Geschichte des Unternehmens vermelden musste. Prompt warb Musk mit einem neuen Super-Sportwagen und der Produktion eines revolutionären E-LKWs.

Eine Strategie, die bislang aufzugehen scheint. Mit seinem unermüdlichen Blick in Richtung Zukunft hat er Investoren immer wieder überzeugen und im richtigen Moment den Aktienkurs stützen, ja oft sogar gewaltig in die Höhe treiben können. Zwischenzeitlich wies Tesla sogar eine höhere Marktkapitalisierung auf als BMW und noch immer ist man mehr wert als die amerikanischen Schwergewichte Ford oder General Motors. Es verwundert daher wenig, dass nun auch die deutschen Hersteller auf die Idee gekommen sind, diese Art der Unternehmenskommunikation zu übernehmen. Mitten in einem der tiefsten Schlamassel, in dem sie dank Dieselkrise und Abgasskandal wohl je steckten, geben Zetsche, Krüger und Müller ihren Konzernen ein neues Gesicht. Dass sie jahrelang nicht auf den E-Mobilitäts-Zug aufspringen wollten, ist vergessen. Plötzlich regiert in Wolfsburg, München und Stuttgart die Zukunft. Zumindest in Sachen Rhetorik und in der Theorie.

Der Kursschwenk trägt Früchte

Und siehe da, seit September geht es für die deutschen Automobilhersteller an der Börse wieder bergauf. Ehe es zuletzt aufgrund von Gewinnmitnahmen und eines leicht schwächelnden Gesamtmarktes wieder kleine Kursverluste zu verkraften gab, stiegen BMW-Anteile von September an um 14,9 Prozent auf eine Hoch bei 89,57 Euro, Daimler-Aktien verteuerten sich im selben Zeitraum um 19,6 Prozent auf 73,25 Euro und der Kurs der Volkswagen-Aktie kletterte gar um mehr als 40 Prozent von 125,35 auf 176,70 Euro in die Höhe. Freilich haben diese Kurssprünge nicht zuletzt ihren Ursprung in guten bis sehr guten Quartalszahlen, doch die gab es auch schon in den Monaten zuvor. Die Zukunftspläne der Hersteller, die im Zuge der IAA an die Öffentlichkeit wanderten, dürften also eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Die Musk-Taktik, sie scheint nun also auch bei BMW, Daimler und VW zu funktionieren. Damit lassen sich die deutschen Industrie-Schwergewichte aber auch auf ein gefährliches Spiel ein. Wer Aktienkurse durch Zukunftsvisionen in die Höhe treibt, muss diese auch irgendwann bestätigen können. Und davon ist sowohl Tesla, als auch die hiesige Automobilbranche noch weit entfernt. Das nächste Jahrzehnt derweil rückt unaufhaltsam näher. Dann werden Investoren Ergebnisse erwarten. Nicht zuletzt von den deutschen Herstellern. Die nämlich haben nicht Teslas Start-Up-Bonus. Oliver Götz

08.12.2017 | 18:19

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