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Spotify: Viel Licht, viel Schatten

(Bild: Spotify)

(Bild: Spotify)


Mit dem Musikstreaming-Dienst Spotify wagte vergangene Woche einer der wohl bedeutendsten europäischen Tech-Konzerne den Sprung an die Börse. Und übertraf prompt die ohnehin schon hohen Erwartungen vieler Analysten. Doch wie weiter? Hat die Aktie das Zeug für Kursexplosionen à la Netflix? Nicht wenig spricht dafür, einiges aber auch dagegen.

Unruhige Zeiten an den globalen Finanzmärkten – ob in den USA, Europa, China oder Japan. Die Volatilität ist zurückgekehrt. Und mir ihr die Risiken. Kein einfaches Pflaster für einen Börsengang. Ganz besonders nicht für einen Tech-Wert, steht die Branche doch spätestens seit den Enthüllungen um den Datenskandal bei Facebook stark und stetig unter Druck. Lange Zeit ignoriert, schenken Anleger den hohen Bewertungen von Alphabet, Amazon und Co. nun vermehrt einen Teil ihrer Aufmerksamkeit. Eine ganze Branche scheint auf Konsolidierungskurs.

Die Vorzeichen für das Börsendebüt der größten Musikstreaming-Plattform der Welt hätten also bessere sein können. Dass Spotify mit einem Kurs von 165,90 US-Dollar dennoch 26 Prozent über dem von der NYSE festgelegten Referenzkurs von 132 Dollar in den Handel starten konnte, dürfte damit als dickes Ausrufezeichen gelten. Der Börsenwert lag so gleich zu Beginn bei 29,6 Milliarden Dollar, die Analysten-Mehrheit hatte nur mit cirka 20 Milliarden gerechnet. Im Anschluss folgten zwar Gewinnmitnahmen, welche den Kurs bis auf 136 Dollar in die Tiefe schickten, doch schlussendlich pendelte er sich bei zirka 150 Dollar ein.

Der erste Schritt aufs Börsenparkett war also ein erfolgreicher. Bleibt die Frage, wie erfolgreich die darauffolgenden werden und damit auch wie viel Vertrauen Anleger und Investoren in das durchaus riskante Spotify-Konzept haben.

Umsatzerwartungen sehr positiv

Im Jahr 2006, also bereits vor zwölf Jahren, hat der heutige CEO Daniel Ek Spotify gegründet. Von der Musikindustrie damals noch mit Argusaugen beobachtet und mit allen Mitteln bekämpft, lehnt man sich Jahre später nicht zu weit aus dem Fenster, indem man sagt: Die Plattform hat die Branche nicht nur revolutioniert, sie hat sie im digitalen Zeitalter wohl auch vor ihrem finanziellen Aus bewahrt. Und wenn Daniel Ek sagt: „Wir haben einer rapide schrumpfenden Industrie wieder zu Wachstum verholfen“, hat er recht. 2018 wird mit Erlösen in Höhe von zehn Milliarden Dollar gerechnet, 2022 soll es mit 13 Milliarden nochmal deutlich mehr werden.

Inzwischen hat Spotify 71 Millionen sogenannte Premium-Kunden, die einen monatlichen Beitrag für das Streaming-Angebot zahlen. Gemeinsam mit den kostenlosen Abos kommen die Schweden auf rund 159 Millionen Nutzer. Ende 2018 sollen es 200 Millionen sein. Das dürfte freilich auch die Umsätze weiter ankurbeln, im vergangenen Jahr wuchsen diese um 40 Prozent.

Den Blick in die Zukunft gerichtet dürfte es zudem mehr als unwahrscheinlich sein, dass die Nachfrage nach Streaming-Angeboten nachlässt. Und im Musik-Bereich ist Spotify der klare Marktführer. Apple, als die Nummer zwei im Geschäft, kommt gerade mal auf 27 Millionen zahlende Kunden. Auch in Sachen Kündigungsrate glänzt Daniel Eks Erfindung. Mit 5,7 Prozent ist man einsame Spitze, nicht einmal Apple kann mithalten.

Investitionsbedarf bleibt enorm

So weit so gut. Doch bekanntlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Und so bleibt besonders mit Blick auf den Börsengang des europäischen Tech-Schwergewichts neben viel Licht auch einiges an Schatten. Für seine Expansion braucht Spotify Geld. Sehr viel Geld. Die Marketingkosten sind so hoch, dass Ende 2017 ein Verlust von 378 Millionen Dollar auf dem Papier stand. 2018 soll er sich zwar auf eine Summe irgendwo zwischen 230 und 330 Millionen Dollar reduzieren, von Gewinnen ist man aber weit entfernt. Seit seiner Gründung konnte das Unternehmen noch nicht ein einziges Mal schwarze Zahlen schreiben.

Nun ist das für die globale Tech-Branche nichts Überraschendes. Auch Amazon oder Netflix haben jahrelang hohe Verluste geschrieben, um dann aufgrund ihrer aggressiven Markterschließung immer mehr Konkurrenten abblitzen zu lassen und schlussendlich doch Gewinne zu schreiben. Und vor allem mit Netflix wird Spotify nur allzu gern verglichen. Doch bei genauerem Hinsehen hat der Vergleich viele Haken. So hat Spotify deutlich stärkere Konkurrenz als die Video-On-Demand-Plattform. Vor allem durch Smartphone-Gigant-Apple, dessen Streaming-App beispielsweise auf allen hauseigenen Geräten vorinstalliert ist. In Nordamerika scheint das Spotify bereits Probleme zu bereiten. Mit Blick auf die Nutzerverteilung nach Regionen haben die Schweden dort laut Statista 2017 einen Rückgang von 35 auf 32 Prozent verzeichnen müssen. 

Ebenso ist Spotify stark abhängig von seinen Lieferanten. Es profitieren vor allem die Rechtebesitzer der Musik, also große Labels wie Universal oder Sony Music. Eigenproduktionen gibt es keine. Ganz anders bei Netflix: Eigene Serien, wie Stranger Things oder House of Cards, gehören zu den meistgesehenen der letzten Jahre.

Das Umsatzwachstum will man bei Spotify deshalb vor allem durch Werbung und den Verkauf von Daten anschieben. In Zeiten des Facebook-Skandals eine riskante Strategie. Tag für Tag wertet die Streaming-Plattform 30 Milliarden Daten aus. Verschiedenste Algorithmen ordnen Stücke inzwischen sogar nach Rhythmen, Tonarten, ihrer Stimmungslage und vielem mehr ein. Selbst wenn die eigenen Abonnenten nicht streamen, weiß Spotify vieles von dem, was sie gerade tun. Egal ob Facebook-Seiten, Blogs oder Posts auf Twitter, die Schweden halten überall und so genau wie kaum ein anderes Unternehmen Ausschau nach dem (Hör-)verhalten ihrer Nutzer. Zum Vergleich: Apple sammelt gerade einmal ein Fünftel der Spotify-Datenmenge.

Diese Datengier könnte auf Dauer nicht nur Nutzer abschrecken, sie könnte bereits jetzt Anleger und Investoren verunsichern. Die Tech-Branche hat im Zuge des Facebook-Skandals einen herben Vertrauensverlust erlitten, auch Spotify könnte diesen noch zu spüren bekommen.

Fazit

„Das Potential der menschlichen Kreativität erschließen, indem wir Millionen Künstlern die Möglichkeit geben, von ihrer Kunst zu leben, und Milliarden von Fans die Möglichkeit, zu genießen und sich inspirieren zu lassen“, hat Gründer Daniel Ek seine Kreation Spotify einst gepriesen. Man muss ihm wohl neidlos anerkennen, dass er genau das geschafft hat. Nun allerdings muss er die Investoren an der Börse inspirieren. Und das tagtäglich und immer wieder aufs Neue. Wie Musk, Bezos und Co. wird er Quartal um Quartal seine Verluste erklären müssen. Nicht zuletzt daran, wie gut er das kann, dürfte sich entscheiden, in welche Richtung die Aktie läuft. Der Weg zu einem „neuen Netflix“ jedenfalls, dürfte noch ein weiter sein. Oliver Götz

13.04.2018 | 11:53

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