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Wird VW die Aktie des Jahres?

Türen und Erwartungen in die Höhe... (Bild: Volkswagen)


VW scheint nach Abgasskandal und Dieselkrise wieder in der Spur. 2017 waren die Wolfsburger durch Rekordabsätze nicht nur zum wiederholten Male die größten Autobauer der Welt, der Großkonzern wusste  auch an der Börse zu überzeugen. Innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre hat sich der Aktienkurs von VW nun bereits fast verdoppelt.

Volkswagen bleibt auch 2017 mit 10,74 Millionen verkauften Fahrzeugen vor Toyota, wo 10,4 Millionen erwartet werden, der größte Autobauer der Welt. Mit einem Plus von 4,3 Prozent entspricht dies aus gleichzeitig einem Rekordabsatz. Allein im Dezember brachten die Wolfsburger knapp eine Million Autos an den Kunden. 8,5 Prozent mehr als noch 2016. Vor allem in Osteuropa, China und den USA konnte der Branchenkrösus mächtig zulegen. Auf dem südamerikanischen Markt stand am Ende sogar ein Absatzplus von 23,7 Prozent zu Buche.

Besonders stark präsentierte sich 2017 die Kernmarke VW. Mit einem Zuwachs von 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr und 6,23 Millionen verkauften Wagen, konnten Golf und Co. deutlich zulegen. Auch hier lieferte der chinesische Markt die deutlichsten Impulse. Im Reich der Mitte schaffte Volkswagen ein Absatzplus von 5,9 Prozent, was 3,2 Millionen Autos entspricht. Vor allem der Dezember erwies sich als ein guter Monat für VW. Hier schafften es auch in Deutschland mehr Autos der Marke auf die Straße. Über das Gesamtjahr derweil gingen die Absätze um 4,7 Prozent auf 531.000 zurück. Während der Dieselskandal den VW-Konzern in Asien oder Südamerika kaum bluten lässt, scheinen die deutschen Autokäufer dem faktischen Vorzeigekonzern seinen in Übersee zu monströser Größe aufgeblasenen Schwindel noch nicht ganz verziehen zu haben. Wenn es jedoch auf globaler Ebene so hervorragend läuft, kann das CEO Matthias Müller beinahe egal sein. Schließlich haben auch andere Hersteller auf einem weitestgehend gesättigten Markt, wie er in Deutschland existiert, zu kämpfen. Längst sind vor allem für die deutschen Auto-Schwergewichte – Volkswagen, Daimler oder BMW – die Märkte außerhalb Europas zu den eigentlichen Wachstumstreibern avanciert.

Die gute Geschäftsentwicklung bringt VW trotz der Diskussion um die Abgase von Dieselfahrzeugen, die von den US-Behörden zum Anlass genommen wurden, um Milliardensummen zu fordern, wohl auch im Geschäftsjahr 2017 wieder saftige Gewinne ein. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres konnte der Konzern seinen Betriebsgewinn bereits um 17 Prozent auf 13,2 Milliarden Euro steigern. Dabei kommt den Wolfsburgern nicht zuletzt zugute, dass es auch in der Nutzfahrzeuge-Sparte hervorragend läuft. Mit 498.000 abgesetzten Fahrzeugen erzielte man 2017 zum zweiten Mal in Folge einen Rekord. In diesem Jahr soll zudem endlich die E-Mobilität Einzug in den Sektor halten. Mit dem „e-Crafter“ wolle man zusätzliche Chancen im urbanen Liefer- und Dienstleistungsverkehr eröffnen, gab kürzlich Marken-Vertriebsvorstand Heinz-Jürgen-Löw die Richtung vor.

300 neue Modelle – alle elektrisch

Überhaupt plant Volkswagen eine milliardenschwere Investitionsoffensive. So will man beispielsweise in Nordamerika bis zum Jahr 2020 mehr als 3,3 Milliarden Dollar in die Entwicklung und Produktion neuer Modelle stecken. „Wir wollen Marktanteile gewinnen und von einem Nischenanbieter zu einer bedeutungsvollen Marke in den USA werden“, kam es dazu von Nordamerikachef Hinrich Woebcken. Die meisten Milliarden sollen aber wohl in die Elektrifizierung der Volkswagen-Modellpalette investiert werden. Genauer gesagt zwanzig bis 2030 in die Entwicklung neuer E-Modelle und 50 in die Batterieproduktion. Bis zum Jahr 2025 sollen zudem konzernübergreifend 80 neue PKW mit Elektro-Antrieb auf den Markt. 50 davon, so der Plan, sollen einzig und allein mit Strom fahren, die restlichen 30 Plug-In-Hybride werden. Alle Töchter mit inbegriffen will VW bis 2030 für jedes seiner 300 Modelle und in allen Segmenten mindestens eine elektrisch angetriebene Variante. Auch in den USA will man diesbezüglich schnell mit dabei sein. Denn: „Wir gehen fest davon aus, dass vor allem in den amerikanischen Ballungsräumen an Ost- und Westküste die Elektrifizierung schnell vorankommt.", sagte VW-Markenvorstand Jürgen Stackmann der dpa.

Natürlich sind das alles in allem sehr ehrgeizige Ziele. Gut möglich, dass sie klar verfehlt werden. Dennoch könnten sie zumindest ein Zeichen dafür sein, dass man in Wolfsburg verstanden hat, dass die Zukunft des eigenen Konzerns wohl in der des Automobils liegt. Und die wird dem Anschein nach elektrisch. Die im derzeit günstigen konjunkturellen Umfeld verdienten Milliarden in die Fahrzeugelektrifizierung und -modernisierung zu stecken, scheint also kein schlechter Plan zu sein.

Aktie auf vorsichtiger Klettertour

Bleibt nur zu hoffen, dass der Dieselskandal nicht weiter ausufert und noch mehr Milliardenzahlungen nach sich zieht. Bisher liegen die Aufwendungen nun schon bei 25 Milliarden Euro. Kürzlich musste VW erst wieder 191 Millionen für einen Vergleich in Kanada lockermachen. NordLB-Analyst Frank Schwope rechnet damit, dass die Marke von insgesamt 30 Milliarden Euro noch geknackt wird. Eine große Menge Geld, die Volkswagen anderswo in Zukunft wohl fehlen wird. Angesichts der hohen Gewinne, die Volkswagen Jahr für Jahr einfährt, erscheint es aber doch unwahrscheinlich, dass der hausgemachte Skandal den Großkonzern noch ins Wanken bringen kann.

Das scheinen auch an der Börse nur noch wenige zu glauben. Inzwischen steht der Kurs der Volkswagen-Aktie wieder bei 180,52 Euro. Und damit 95 Prozent höher als noch im September 2015, sprich nach Auffliegen der Abgas-Schummelei. Einen Großteil ihrer Klettertour legte die Aktie in der zweiten Jahreshälfte 2017 zurück. Und auch im neuen Jahr stieg der Kurs bereits wieder um knapp zwölf Prozent. Und diese Rallye könnte weitergehen. Das Rekordhoch von 253,20 aus dem Jahr 2015 liegt noch ein gutes Stück entfernt. Und Volkswagen gewinne Marktanteile in China und Europa hinzu, während Kosten und Investitionen fielen, schrieb Bernstein Research-Analyst Max Warburton kürzlich in einer Studie. Angesichts der guten Geschäftsentwicklung der Wolfsburger sei die Aktie für ihn daher weiter attraktiv. Sein Kursziel setzt der Experte bei 220 Euro.

Was die Umsätze, Absätze und Gewinne angeht, könnte 2018 tatsächlich noch einmal besser abschneiden als 2017. Die Chancen stehen gut, dass die auch für dieses Jahr schwungvoll erwartete Weltwirtschaft der Autoindustrie zu Gute kommt. Mit seinen insgesamt 12 Marken, über die er weltweit aktiv ist, dürfte der VW-Konzern gut aufgestellt sein. Nicht zuletzt auf dem US-Markt will man Vertrauen zurückgewinnen und weiter zulegen. Trotz der dortigen Abschwächung des Automarktes sagte Stackmann: "Wir sind sicher, 2018 ein gutes Wachstum erreichen zu können.“

Fazit

Die Volkswagen-Aktie als Aktie des Jahres? Wieso nicht. Am Finanzmarkt ist die Rally intakt. Sowohl was das VW-Papier selbst anbelangt, als auch in Bezug auf den Dax insgesamt. Und die realwirtschaftlichen Aussichten für 2018 sind für die gesamte Automobil-Branche sehr gut. Aufgrund von Abgasskandal und Dieselkrise haben die deutschen Hersteller zudem die Kurssprünge der letzten Jahre verpasst und könnten diese nun aufholen. Insbesondere VW. Die Wolfsburger hatten schließlich mit dem größten Abschlag an der Börse zu kämpfen.

Warnende Stimmen sollten dennoch nicht überhört werden. So sieht beispielsweise Berenberg-Analyst Alexander Haissl einen Großteil der jüngsten Gewinne von VW dem allgemeinen Aufwärtstrend der Branche geschuldet und nicht strukturell bedingt. Was also, wenn  dieser Aufwärtstrend oder die Weltwirtschaft im Allgemeinen ins Stocken gerät? Rächen sich dann der Abgas-Schwindel, fehlenden Investitionen und die lange Untätigkeit in Sachen E-Mobilität? Vielleicht. Noch aber scheint kein Sand im Getriebe und Chancen auf weitere Kursgewinne sind definitiv gegeben.

19.01.2018 | 21:47

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