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Das überraschende Comeback der Daimler-Aktie

(Foto: Daimler)



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Einbrechenden Absatzzahlen zum Trotz, sprudeln bei Daimler die Gewinne. Bei Goldman Sachs steht die Aktie der Stuttgarter nun sogar auf der Conviction-Buy-List. Kluges Management und mutiges Marketing machen Lust auf mehr.

Der Stern aus Stuttgart rast die Börsen-Umlaufbahn gerade in beeindruckendem Tempo entlang. Vor zwei Jahren fast schon aus dem näheren Anleger-Orbit geflogen, strahlt die Daimler-Aktie gerade für den gesamten Dax. Zum Start ins neue Jahr legte ihr Kurs um fast neun Prozent, von 68 auf 74 Euro, zu, während die Indizes dies- und jenseits des Atlantiks eher wacklig loslegten. Auf Sicht von zwölf Monaten stehen die Daimler-Papiere mit rund 60 Prozent im Plus. Ausgehend vom Tief des Coronacrashs im Frühjahr 2020 haben sich Anteilsscheine mehr als vervierfacht. Der Crash, er ist als solcher im Nachhinein kaum noch auszumachen. Vielmehr beeindruckt der lange, steile, ununterbrochene Aufstieg, der das Chartbild seither dominiert.

Es ist ein beeindruckendes Comeback, das Daimler seit nun fast zwei Jahren aufs Parkett zaubert. Fast schon verrückt wird diese Börsenstory, wenn man sich vor Augen führt, dass es in Sachen Absatzzahlen schwindelerregend schlecht läuft. Wie schon im Gesamtjahr, brachen die Verkäufe bei Daimler auch im Schlussquartal 2021 kräftig ein. Die Kernmarke Mercedes-Benz verkaufte mit 464 130 PKW ein Viertel weniger als ein Jahr zuvor. Auf Jahressicht reichte es für 2,05 Millionen Autos. Zum ersten Mal seit 2016 waren das weniger, als BMW (2,2 Millionen) im gleichen Zeitraum verkaufte.

Die Börse feiert die Luxus-Strategie von Ola Källenius

Doch das ist nicht das, was an der Börse gerade interessiert. Vielmehr ist es ein Mix aus klugem Management und mutigem Marketing, den Anleger als vertrauensvolle Zukunftsvision ausgemacht zu haben scheinen. Mit Ola Källenius an der Spitze des Vorstands, verfolgen sie bei Daimler nicht mehr nur „Das Beste oder Nichts“, sie haben noch einen Gang höher geschaltet, in den Alles-oder-Nichts-Modus. Keiner der traditionellen Hersteller hat so entschieden seine Strategie überdacht wie Daimler. Keiner setzt sie so rigide, so kompromisslos durch.

Ein Teil davon ist der neue Fokus auf Luxus. Die Marke Mercedes-Benz stand schon immer für Anspruch, für Premium, für exzellente Ingenieurskunst. Doch so wirklich von der Konkurrenz um BMW und Audi hat man sich dabei im letzten Jahrzehnt nicht mehr abgesetzt. Zwischendurch wirkte das eigene Design gar altbacken. Wer Mercedes fuhr, wurde nicht gerade in die Kategorie jung, portlich, dynamisch, eingeordnet.

Das hat sich geändert. Mercedes steht auch heute noch für Komfort, aber gleichzeitig eben auch für Leistung und ansprechendes Design. Aus dem zwischenzeitlichen Rentner-Mercedes sind Lifestyle-Limousinen der Extra-Klasse geworden. Vollgepackt mit neuester Technik. Daimler hat sich den eigenen Marketing-Slogan zu Herzen genommen und bemüht sich aktuell tatsächlich darum „Das Beste oder Nichts“ zu bauen.

Daimler definiert neue Luxusklasse in der Premiumklasse

Damit hat sich Daimler in Sachen Preissetzungsmacht in eine erstklassige Position manövriert, die den Stuttgartern nun mit der anziehenden Inflation perfekt in die Karten spielt. Möglich, dass Daimler auf Dauer sogar weniger Modelle absetzt, als beispielsweise BMW. Doch am Ende geht es an der Börse um die Marge, um den Gewinn. Und da scheint Daimler gerade in der Premiumklasse eine neue Luxusklasse zu definieren.

Das hilft dem Konzern auch in der Chipkrise. Die verfügbaren Halbleiter baut Daimler in die teuren Modelle, welche sich so gut verkaufen wie nie. Die Absatzzahlen von High-End-Modellen befinden sich auf Rekordniveau.

Weiter priorisiert Daimler die eigene Elektroflotte. Auch die Verkäufe von vollelektrischen Modellen stieg 2021 um 90 Prozent auf einen Rekord von 99 301 Autos. Auch hier verdient man mit Modellen wie dem EQS prächtig – und ergänzt die Luxus-Strategie um eine der kompromisslosen Elektrifizierung. Während sich Tesla anschickt das Volkswagen der E-Mobilität zu werden, will Daimler gar nicht mit Höchstgeschwindigkeit in den Massenmarkt. Im Gegenteil: CEO Källenius fokussiert sich auf die E-Autos für die besonders exklusive Klientel.

Auf der Technikmesse CES in Las Vegas präsentierte Daimler den Prototypen Vision EQXX, eigenen Angaben nach der „effizienteste Mercedes-Benz aller Zeiten“. 1.000 Kilometer Reichweite sollen Simulationen nach mit einer einzigen Batterieladung möglich sein. Der EQXX könnte in Zukunft als eine Art Modell-Plattform für die E-Flotte von Mercedes dienen.

Top Pick und Conviction Buy: Analysten feiern die Aktie

Die Analysten zeigen sich zunehmend angetan. Tim Rokossa von der Deutschen Bank setzte erst vor kurzem sein Kursziel von 95 auf 100 Euro rauf. Daimler seit unter den traditionellen Automobilherstellern derjenige mit der stärksten Preissetzungsmacht und der klarsten Premiumelektrostrategie, schrieb Rokossa in seiner Studie. Er lobt die Fähigkeiten des Managements in puncto Kostenkontrolle und der Fokussierung auf das obere Marktsegment. Die Daimler Aktie bleibe daher sein „Top Pick“ in Europa.

Bei Goldman Sachs steht die Aktie auf der „Conviction Buy List“. Analyst George Galliers hob sein Kursziel jüngst nochmal leicht von 101 auf 102 Euro an. Ein Erreichen dieses Ziels entspräche einem Kurszuwachs von weiteren 34 Prozent. Er erwarte für die Marke Mercedes 2022 ein starkes Jahr, so Galliers. Der in der Branche viel beachtete Analyst Jose Asumendi von JP Morgan setzt das Kursziel mit 90 etwas niedriger an, lobte aber die 2021 exponentiell gewachsene Nachfragen nach den E-Autos des Konzerns.

Es scheint, als hätte Daimler seine Wachstumsphantasie zurück. Oder bessere gesagt seine Gewinnwachstumsphanatasie. Ein verschlankter Konzern, ein aufpoliertes Image, eine entstaubte Marke. Die Elektrifizierung könnte die Stuttgarter am Ende auf ein neues Luxus-Level heben, das sie gerade dabei sind selbst zu definieren. Mehr als nur ein Hoffnungsschimmer für die jahrelang leidgeplagten Aktionäre. Trotz des rasanten Kursanstiegs ist die Daimler Aktie mit einem einstelligen KGV immer noch günstig bewertet. Geht die Strategie endgültig auf, könnte der Stern an der Börse in Zukunft noch heller leuchten.

OG

24.01.2022 | 17:37

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