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Ferrari furioso: An der Börse fahren die Italiener allen davon

In der Formel1 selten geworden: Ferrari-Pilot Charles Leclerc hebt den Daumen. Ganz anders das Bild an der Börse. Hier hebt die Ferrari-Aktie regelrecht ab. (Foto: Marco Canoniero / Shutterstock.com)


Die Aktie des berühmten Sportwagenherstellers rast an der Börse von Rekordhoch zu Rekordhoch. Ein Plus seit Jahresbeginn in Höhe von 75 Prozent bedeutet Platz eins im europäischen Branchenindex. Der jüngste Quartalsbericht beeindruckt noch dazu.

Eine Formel1-Saison umfasst 21 Grands Prix in ebenso vielen Ländern, zehn Rennställe kämpfen dabei mit je zwei Fahrern neun Monate lang um die Stufe  ganz oben auf dem Treppchen. Und am Ende gewinnt immer Lewis Hamilton. Stimmt nicht ganz – in Texas jubelte zuletzt Teamkollege Valtteri Bottas. Und passt doch ganz gut – Hamilton nämlich jubelte ebenfalls. Trotz des zweiten Platzes krönte er sich im Süden der USA zum insgesamt sechsten und bereits zum dritten Mal in Folge vorzeitig zum Weltmeister der Rennserie. Zehn von bislang 19 möglichen Grand Prix-Siegen gehen auf das Konto des Briten.

Mit Ferrari, richtig, hat das wenig zu tun. Und darin liegt das Problem. Bei der Scuderia nämlich hätten sie nur allzu gern mal wieder irgendetwas damit zu tun. Seit Jahren dominiert der Mercedes-Rennstall die Formel1. Bei Ferrari folgt eine Seuchensaison der nächsten. In Austin fehlten Charles Leclerc ohne klar erkennbaren Grund 52,2 Sekunden auf Sieger Bottas. Sebastian Vettel schaffte es gar nicht erst über die Ziellinie, hatte zuvor aber genauso wenig mit dem Tempo der Mercedes mithalten können. 

An der Börse fährt Ferrari Höchstgeschwindigkeit

Trost spendet in diesen Tagen ausgerechnet ein Blick an die Börse. Dort nämlich fährt Ferrari die Höchstgeschwindigkeit und lässt nicht nur den Mercedes-Konzern Daimler ratlos zurück. Einen kleinen Boxenstopp Ende des vergangenen Jahres ausgenommen, fährt die Ferrari-Aktie ein einsames Rennen, stellt Bestzeit um Bestzeit auf. Innerhalb von vier Jahren – länger ist Ferrari eigenständig noch gar nicht gelistet – hat sich der Kurs des Sportwagen-Herstellers verdreifacht. Die Daimler-Aktie hat im selben Zeitraum 33 Prozent an Wert verloren. So deutlich Mercedes Ferrari auf der Rennstrecke derzeit hinter sich lassen mag, an der Börse ist der Unterschied in umgekehrter Richtung viel größer.

Zugegeben, der Vergleich hinkt. Mit Blick auf Geschäftsmodell, Absatzmärkte, Käuferklientel und Risikofaktoren haben die beiden Unternehmen wenig gemein. Dazu war die Ferrari-Aktie 2016 mit 40 Euro günstig bewertet. Das soll die jüngste Performance jedoch keineswegs schmälern. Ein Kursplus von 75 Prozent allein in diesem Jahr muss aufhorchen lassen.  Auch da dies die Spitzenposition im europäischen Branchenindex der Autobauer und Zulieferer bedeutet.

Was nur macht die Italiener an der Börse so beliebt?

Im abgelaufenen, dritten Geschäftsquartal steigerte die Sportwagenschmiede aus Maranello den Umsatz im Jahresvergleich um neun Prozent auf 915 Millionen Euro, das operative Ergebnis schoss um elf Prozent auf 311 Millionen Euro in die Höhe. Der Nettogewinn sank mit einem Minus von 41 Prozent kräftig, was jedoch an einer positiven Steuergutschrift aus dem Vorjahr lag. Alles in allem habe Ferrari beeindruckende Resultate abgeliefert, resümierte Jefferies-Analyst Philippe Houchois. Zusätzlich hoben die Italiener die Prognose fürs Gesamtjahr an. Der Umsatz soll nun auf 3,7 Milliarden Euro steigen, das Ebitda auf 1,27 Milliarden Euro.

An diesen beiden Zahlen zeigt sich sogleich Ferraris Stärke. Das Unternehmen verdient bei eher niedrigen Umsätzen sehr viel Geld. Nun ist das nichts wirklich Neues für einen Hersteller von Luxus-Sportwagen. Und doch wirkt beeindruckend, wie es Ferrari schafft, seine Autos an immer mehr Kunden zu immer teureren Preisen zu verkaufen.

Ein Schlüssel zum Erfolg sind limitierte Auflagen. Durch den Seltenheitswert einer Modellreihe steigen die Preise. Was allerdings nicht viel einbringen würde, gäbe es die passende Kundschaft nicht. Doch deren Geschmack und Nerv scheint Ferrari immer besser zu treffen. Die Nachfrage nach dem Topmodell 812 Superfast ist groß. Genauso wie die nach dem etwas weniger kräftigen Portofino.

Wer mag schon autonom Ferrari fahren?

Eine starke Marke, dazu gut funktionierende Modellreihen und wenig große Konkurrenz. Von Rezessionssorgen und Handelskonflikten kaum berührt, da es die gut betuchte Kundschaft nicht ist. Zumindest nicht einem Maß, als dass für die Mehrheit der Kauf eines teuren Autos nicht mehr im Bereich des Möglichen läge. Und um den großen Konzernumbau im Zuge von E-Mobilität und autonomem Fahren kommt man als kleiner Luxus-Hersteller sowieso prima vorbei. Wer schließlich mag schon autonom Ferrari fahren? Und ein Elektroantrieb gehört wohl auch nicht zu den ersten und wichtigsten Herzenswünschen eines Liebhabers von schnellen Sportwagen.

Auf dem Börsenrundkurs fährt es sich für Ferrari so prächtig. Nach Vorlage der neuesten Zahlen markierte die Aktie zwischenzeitlich ein neues Rekordhoch bei 155,15 Euro. Damit scheinen Anleger nur schon viele positiven Entwicklungen honoriert zu haben. Von einer günstigen Aktie darf inzwischen keine Rede mehr sein. Das KGV liegt bei 30, der Börsenwert bei knapp 30 Milliarden Euro. Und das bei einem Jahresumsatz von 3,5 Milliarden Euro. Da es bei einer Dividendenrendite von gerade mal 0,7 Prozent auch spürbare Kurssteigerungen braucht, damit sich ein Investment lohnt, fährt wer jetzt einsteigt einen Reifen, der droht heiß zu laufen. Womöglich zu heiß.

In der Formel1 ist für den Rennerfolg essentiell, die Reifen des Boliden auf Temperatur zu bringen. Sonst fehlen Grip und Stabilität. Werden sie jedoch zu heiß, werfen sie Blasen. Bleibt der Fahrer dazu lange draußen, nimmt irgendwann – logisch – die Leistungsfähigkeit ab. Ein Reifenwechsel zu rechten Zeit, ja überhaupt die gesamte Reifenstrategie entscheidet über Sieg oder Niederlage. Doch noch etwas, das für Ferrari im Zirkus der Formel1 metaphorisch gedacht genauso gilt wie an der Börse.

Oliver Götz

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07.11.2019 | 13:57

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