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Gewinn bricht ein: Wichtigste Bank der Welt muss Aktienrückkauf aussetzen

(Foto: Felix Lipov / Shutterstock)



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JP Morgan verdient im zweiten Quartal fast ein Drittel weniger als im Vorjahr. Um die Kapitalanforderungen erfüllen zu können, stoppt das systemrelevante US-Geldhaus jetzt den Rückkauf eigener Aktien. Für Wirtschaft und Markt verheißt das nichts Gutes.

Es ist der wohl denkbar ungünstigste Start in die zweite Berichtsaison des Jahres. Traditionell eröffnen die US-Großbanken an der Wall-Street die Zahlenflut und geben damit meist grob die Richtung vor. Nicht nur, weil sie als erstes Einblick in ihre Bücher geben, auch weil ihre Geschäftsentwicklung seit jeher als Konjunkturindikator taugt. Ganz besonders gilt das freilich für die Branchengrößen, darunter die mit einer Marktkapitalisierung von 316 Milliarden Euro wertvollste US-Bank JP Morgan. In der Liste global systemrelevanter Banken, die jährlich vom Financial Stability Board (FSB) herausgegeben wird, steht sie ganz oben. Heißt: Wenn JP Morgan Zahlen vorlegt, schauen am Markt alle ganz genau hin – und dürften nach der aktuellen Zahlenvorlage vor allem ganz besorgt sein.

Nach einem bereits deutlichen Gewinnrückgang im ersten Quartal, verdiente JP Morgan nun auch von April bis Juni 28 Prozent weniger, als noch im Jahr zuvor. Absolut heißt das: statt 11,9 blieben nur noch 8,6 Milliarden Dollar übrig. Das ist ein stärkerer Rückgang, als von Analysten im Schnitt (8,9 Milliarden) erwartet. Verantwortlich dafür, sind vor allem zwei Gründe. Zum einen schwächelt das wichtige Investmentbanking. Unter anderem aufgrund rückläufigerer Gebühreneinnahmen sank der Nettogewinn der Sparte von fünf auf 3,7 Milliarden Dollar. Zum anderen lastet die Sorge vor einer möglichen Rezession schwer auf dem Geschäft. Konnte JP Morgan in den vergangenen Quartalen noch damit beginnen Rückstellungen für drohende Kreditausfälle infolge der Corona-Pandmie aufzulösen, muss die Bank jetzt erneut Milliarden für die Risikovorsorge bunkern. CEO Jamie Dimon machte gleich mehrere Faktoren als Grund dafür aus. Geopolitische Spannungen, die hohe Inflation, den Rückgang des Verbrauchervertrauens, die Wende in der Geldpolitik. Aufgrund dieses Gegenwinds aus fast allen Richtungen, hatte Dimon vor kurzem erst für Aufsehen gesorgt, als er vor einem „ökonomischen Hurrikan“ warnte.

JP Morgan muss Eigenkapitalquote erhöhen - zulasten des Aktienrückkaufprogramms

Sein Geldhaus bereitet er nun offenbar darauf vor. Erst im April kündigte JP Morgan noch einen großen Aktienrückkauf an. Drei Monate später soll der nun schon wieder gestoppt werden. Die wertvollste Bank der Welt muss sparen, um die Eigenkapitalanforderungen der US-Bankenaufsicht zu erfüllen. Der Schritt kommt nicht überraschend, Analysten hatten ihn so erwartet. Alarmierend wirkt es dennoch, wenn die systemrelevanteste Bank der Welt ihr erst aufgelegtes Aktienrückkaufprogramm so schnell wieder unterbrechen muss. Die Erwartung bald wieder steigender Gewinne, zeigt die Entscheidung jedenfalls nicht an.

In dieses mindestens trübe Bild, passen auch die Zahlen der US-Investmentbank Morgan Stanley –  mit einer Marktkapitalisierung von 130 Milliarden US-Dollar ebenfalls ein Schwergewicht der Branche. Ihr Nettogewinn sank im zweiten Quartal von 3,4 auf 2,4 Milliarden Dollar. Die Erträge im Investmentbanking gingen um 55 Prozent zurück. Besonders das Mergers & Acquisitions-Geschäft stockt. Das Marktumfeld könnte für teure Unternehmensübernahmen derzeit auch kaum schlechter sein. Zwar sprach CEO James Gorman von einem „soliden Quartal in einem volatilen Marktumfeld“, Anleger sahen das aber offenbar anders und schickten die Aktie weiter auf Talfahrt. Seit Februar hat die Morgan Stanley-Aktie nun schon über 30 Prozent an Wert verloren. Die Papiere von JP Morgan haben seit ihrem Jahreshoch Anfang Januar 36 Prozent eingebüßt. Der Kurs bewegt sich derzeit schnurstracks auf das Tief aus den Anfängen der Corona-Pandemie zu. Im März 2020 stürzte der Aktienkurs auf 83 US-Dollar ab. Große Teile der anschließenden Turbo-Erholung sind inzwischen wieder Vergangenheit.

Aus Dividendenrendite-Sicht sind die Aktien beider Geldhäuser damit nun zwar interessant geworden. Und besonders JP Morgan gilt aufgrund der Systemrelevanz als sicherer Hafen, der derzeit günstig anzusteuern ist. Doch sowohl die in die Charts der Bankaktien gemeißelten Abwärtstrends, wie auch die hochgradig unsichere weltwirtschaftliche Lage, sollten Anleger vorsichtig werden lassen. Vor allem aber drücken die schwachen Zahlen der Großbanken auf die allgemeine Laune am Markt. Vor dem ökonomischen Hurrikan könnte zunächst ein Berichts-Hurrikan anstehen. Enttäuschungen werden aktuell gnadenlos abverkauft. Und so viel ist sicherer: Es wird einige davon geben.

OG

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15.07.2022 | 12:09

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