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PayPal greift Banken an


Der US-Konzern ist unter den großen Online-Bezahldiensten gut positioniert und präsentiert solide Quartalszahlen. Mit unkomplizierten Businesskrediten könnte dem Fintech-Gigant nun der nächste Clou gelingen. Ist die Aktie ein Kauf?

Ein Genehmigungsverfahren für Kredite in wenigen Minuten. Nur ein paar Klicks und PayPal entscheidet, ob der Antragsteller ein Darlehen bekommt oder nicht. Bei Überweisungen zwischen Freunden und im Onlinehandel ist PayPal den deutschen Banken längst überlegen. Nun greift das Unternehmen, das hierzulande lediglich als Online-Bezahldienst bekannt ist, die Sparkassen und Volksbanken erstmals im Unternehmensgeschäft an und möchte damit nichts Geringeres als das Filetstück im Finanzsektor. „PayPal Businesskredit ist eine Erweiterung unseres Angebots für den deutschen Markt“, sagt der Deutschlandchef Michael Luhnen.

Damit macht das Unternehmen Jagd auf das meist so bürokratische Kreditgeschäft der großen Geldhäuser und reagiert auf die Ergebnisse einer Studie der KfW. Mittelständler und kleine Unternehmen würden oft gar kein Kredit beantragen, weil sie dafür zu viele Sicherheiten hinterlegen müssten oder der Antrag schlicht zu lange dauere, heißt es in dem Dokument. Außerdem seien die Öffnungszeiten von Bank-Filialen eine große Herausforderung für viele Unternehmer. „In Großbritannien haben wir gesehen, dass 70 Prozent der Kredite außerhalb der Öffnungszeiten beantragt werden“, sagt Deutschlandchef Luhnen.

Was in den USA, Australien und Großbritannien „Working Capital“ heißt, wird in Deutschland unter „PayPal Businesskredit“ laufen. Das Unternehmen selbst nennt dieses Geschäftsmodell die „Demokratisierung von Finanzdienstleistern“. Deutschland ist nach den USA und Großbritannien der drittwichtigste Markt. In den drei bereits erschlossenen Märkten habe Paypal Kredite in Höhe von sechs Milliarden Dollar vergeben. 85 Prozent der Händler, die ein Darlehen erhalten haben, hätten ein weiteres beantragt und damit ein 1,4-mal schnelleres Wachstum erzielt, als Unternehmen, die kein Kredit aufgenommen haben.

Wie funktionieren die Händlerdarlehen, die PayPal-Chef Dan Schulman bereits vor anderthalb Jahren für den deutschen Markt angekündigt hat? Das Prinzip ist denkbar einfach: Kleine und mittelständische Unternehmen können sich unbürokratisch Geld leihen – online und damit unabhängig von Öffnungszeiten. In nur neun Schritten rechnet PayPal aus, wie viel Geld der Kunde bekommt. Voraussetzung: Ein PayPal-Geschäftskonto seit mindestens einem Jahr und ein Jahresumsatz von mindestens 12.000 Euro. Zum Deutschland-Start beschränkt PayPal das Kreditvolumen auf 24.999 Euro. Einmal abgeschlossen, so wirbt der Finanzdienstleister, geht das Geld unmittelbar auf dem Kundenkonto ein. „Aufwendige Prozesse bei der Beantragung eines Kredits stellen für Händler eine echte Hürde dar. Niemand will da tagelang warten“, sagt Luhnen. Dabei verlässt sich der Online-Bezahldienst ausschließlich auf die eigenen Daten, die er über den Händler ohnehin gesammelt hat, und ruft diese nicht bei der Schufa ab. Die Kredite würden trotzdem nicht häufiger ausfallen, betont das Unternehmen.

Eine weitere Besonderheit: PayPal berechnet keinen Zins, sondern eine einmalige Gebühr. Bei einer Darlehenshöhe von 10.000 Euro, liegen die Kosten zwischen 175 und 545 Euro – je nachdem wie hoch die Tilgungsrate und die Bonität des Händlers ist. Darüber hinaus fallen keine weiteren Gebühren, Verwaltungs- oder Bearbeitungsentgelte an. Übrigens ist die Rückzahldauer und der Zeitpunkt der Tilgung nahezu egal und richtet sich ausschließlich nach dem Umsatz des Händlers, der jederzeit freiwillige Sonderzahlungen vornehmen kann.

Auch für Anleger lohnt sich der Blick auf die einstige Ebay-Tochter. Jüngst hat das Unternehmen solide Quartalszahlen präsentiert. Der im Zuge der boomenden US-Wirtschaft florierende Internethandel ist sicher ein Grund, weshalb der Gewinn des Unternehmens im dritten Quartal um 24 Prozent auf 607 Millionen Euro gestiegen ist. Auch die Erlöse sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 14 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro gewachsen. So verwundert es nicht, dass Glenn Greene, Analyst vom Investmenthaus Oppenheimer, eine überdurchschnittlich Kursentwicklung der Wertpapiere erwartet. Die neuen Partnerschaften mit Walmart und American Express hätten die Wettbewerbsposition deutlich verbessert. Derzeit sind die Aktien des Fintech-Unternehmens für rund 77 Euro zu haben.

Eine weitere Innovation: PayPal-Kunden können künftig mit Google Pay bezahlen – vorausgesetzt sie nutzen ein Android-Smartphone und der Händler akzeptiert kontaktlose Zahlungen. Diese Kooperation mit dem Tech-Giganten Google kommt zu einem günstigen Zeitpunkt, denn PayPal versucht schon lange Zeit in den stationären Handel zu kommen. Bisher ohne Erfolg. Der gemeinsame Versuch mit Vodafone scheiterte zuletzt. Aber auch Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken bringen eigene Lösungen an den Start. Wird der Paypal-Dienst flächendeckend genutzt, könnte das neben dem Geschäftskredit zu einem weiteren Problem für die Banken werden. Zwar brauchen die PayPal-Nutzer auch weiterhin ein hinterlegtes Bankkonto, allerdings entgehen den etablierten Geldhäusern nun wertvolle Kundendaten. Die entscheidende Frage ist: Wer entwickelt am Schnellsten ein benutzerfreundliches System, das ausnahmslos sicher ist. Zwar wirbt der US-Bezahldienstleister massiv mit Sicherheitsversprechen, nur kann er diese nicht immer einhalten. Auf 80 Seiten Kleingedrucktem stehen etliche Einschränkungen, gegen die Verbraucherschützer bereits klagen. Dass die Nutzer auch vor Hackerangriffen nicht hundertprozentig geschützt sind, könnte früher oder später zu einem großen Problem werden.

Zurück zum Geschäftskredit: Was in den USA, Großbritannien und Australien bereits gut funktioniert, könnte auch in Deutschland, dem drittwichtigsten Markt des digitalen Finanzdienstleisters, großes Wachstumspotential bedeuten. Mit dem Geschäftskredit will PayPal bereits bestehende Kunden noch enger an sich binden und gleichzeitig kleine und mittelständische Unternehmen für sich gewinnen. Bei der Commerzbank nimmt man diese Nachricht jedenfalls sehr ernst. In Deutschland sei dieser Markt für Finanzdienstleister „unverändert hoch attraktiv“, betont der Bereichsvorstand Ulrich Coenen. Der neue Mitbewerber sei zwar eine Herausforderung, doch sei man mit der Kombination aus digitaler Kompetenz und lokaler Nähe gut aufgestellt. Ob Lokalität im Zeitalter der Digitalisierung tatsächlich ein Wettbewerbungsvorteil ist, bleibt fraglich. Klar ist jedenfalls, dass das US-Unternehmen große Schritte hin zu vollwertigen Bank macht.

Florian Spichalsky

09.11.2018 | 13:11

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