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Super Mario 2.0?

Hat Christine Lagarde richtig gehandelt? Die Meinungen gehen auseinander. (Foto: Alexandros Michailidi / Shutterstock)


Christine Lagarde startet ein 1,35 Billionen Euro schweres Krisenprogramm und lässt die Märkte jubeln. Doch wäre das wirklich nötig gewesen? Wo hört Mut auf und fängt Übermut an? Was die neue Bazooka für den Euro, die Zinsen und die Südländer bedeutet.

Wer am Pokertisch All In geht, der setzt alles auf eine Karte. Besser gesagt auf zwei – so viele hält ein Spieler in der mit Abstand beliebtesten Variante des Glücksspiels, dem Texas Hold’em Poker, in den Händen. Gemeinsam mit den maximal fünf aufgedeckten Karten in der Tischmitte müssen diese dann eine wertvollere Kombination ergeben, als die des Gegenspielers. Wenn nicht, ist aller Einsatz verspielt, man scheidet aus, mit leeren Händen und ohne die Chance auf ein Comeback. Ob Christine Lagarde das weiß?

Die Französin ist keine professionelle Pokerspielerin, aber seit 2019 Präsidentin der Europäischen Zentralbank. Und lange hat es nicht gedauert, bis sie in ihrer Funktion als oberste Währungshüterin des Kontinents zu einem All In gezwungen war. Ähnlich wie bereits ihr Vorgänger Mario Draghi im Nachgang der Finanzkrise 2008/09, sieht sich die ehemalige Direktorin des Internationalen Währungsfonds durch die Coronakrise genötigt, geldpolitisch alle Karten auf den Tisch zu legen.

EZB – Ein All In auf Raten

Zu dem schon länger existierenden Anleihekaufprogramm APP, über das die EZB monatlich Wertpapiere für 20 Milliarden Euro erwirbt, kommt nun das PEPP-Programm dazu. Dieses war zunächst auf 750 Milliarden Euro festgeschrieben. Jetzt werden noch einmal 600 Milliarden Euro auf dann insgesamt 1,35 Billionen Euro drauf gepackt. Bis Ende 2020 summiert sich so ein Kaufvolumen von 100 Milliarden Euro pro Monat. Laufen wird das Programm bis „die Phase der Coronavirus-Krise vorüber ist“, hieß es in einer Mitteilung der Notenbank. Mindestens jedoch bis Juni 2021. Die Zinssätze bleiben derweil unverändert und historisch niedrig. Der Leitzins beträgt aktuell null Prozent. Für Geld, das Finanzinstitute bei der Notenbank parken, fallen 0,5 Prozent an.

Wer beim Poker All In geht, tut das entweder, weil er sich eines Spielgewinns hundertprozentig sicher ist, besonders mutig ist, oder weil ihm die Chips ausgehen, sprich aus Verzweiflung. Bei der EZB deutet vieles auf Letzteres hin. Im Grunde liegt nun aller Einsatz auf dem Tisch. An den Märkten sorgt das für Kasinostimmung. Trotz aller Risiken jagen Anleger und Investoren die Kurse der weltweit führenden Indizes zurück in Richtung Vorkrisenniveau. Und doch bleibt die Frage: Wäre ein so frühes All In wirklich nötig gewesen? Oder hätte es auch eine defensivere Spielvariante getan?

Eurozonen-BIP könnte um 8,7 Prozent schrumpfen


„Die jüngsten Zeichen deuten auf einen scharfen Einbruch, einen schnellen Absturz auf dem Arbeitsmarkt, in der Industrie und bei Dienstleistungen hin", rechtfertige Christine Lagarde die Fast-Verdopplung des ursprünglich festgelegten Einsatzes. Die EZB schätzt den Rückgang des BIPs innerhalb der Eurozone in diesem Jahr auf 8,7 Prozent. Die Weltwirtschaft könnte um sechs Prozent schrumpfen, schätzt die OECD. Das gab es in Friedenszeiten seit über 100 Jahren nicht mehr. Die Inflationsrate lag dazu im Mai bei 0,1 Prozent – weit von der Zweiprozentmarke entfernt, die die Notenbank anstrebt.

Darüber hinaus fließt der wesentliche Anteil der Wertpapierkäufe in Staatsanleihen von Mitgliedsländern des Euro. „Das ist wichtig, da die Renditen von Staatsanleihen, insbesondere für die Kernmärkte, sehr niedrig und auf einer währungsgesicherten Basis für ausländische Investoren nicht attraktiv sind“, kommentiert Jon Day, Fondsmanager des BNY Mellon Global Dynamic Bond Fund, das Programm. „Die EZB – der die Renditen gleichgültig sein können – ist praktisch der einzige Käufer weit und breit.“ Davon profitieren vor allem die schuldengeplagten Länder der Eurozone, wie Italien oder Griechenland, aber auch Spanien und Portugal. Die Anleihekäufe stoppen den Ausverkauf der Papiere und bessern ebenso wie die niedrigen Zinsen die Schuldentragfähigkeit der Länder auf.

Folgt jetzt die Schuldenkrise?

Das hat die Märkte entsprechend beruhigt. Was jedoch kurz- bis mittelfristig für Entspannung sorgt, könnte langfristig in eine Schuldenkrise führen, befürchten Experten. Schließlich könnte die bedingungslose Geldflut der EZB dafür sorgen, dass sich klamme Staaten auf Kosten der stabileren Länder noch weiter verschulden. Was die Anleihekäufe anbelangt, weichen die Notenbanker zunehmend ihre eigene Obergrenzen auf. Griechische Anleihen beispielsweise wurden bislang nicht berücksichtigt, da ihr Kreditrating zu schwach war. In der Coronakrise ist dies nicht mehr der Fall.

Hinzu kommt: Die EZB überschreitet bei den Ankäufen von Staatsanleihen teilweise den Kapitalschlüssel, der die Anteile nationaler Zentralbanken am Kapital der EZB nach den Anteilen der jeweiligen Mitgliedstaaten an der Gesamtbevölkerung und am BIP der EU gewichtet. So erwarb die EZB zu 21,6 Prozent italienische Anleihen – dem Land stehen dem Kapitalschlüssel nach aber nur 17 Prozent zu. „Wenn die EZB systematisch vom Kapitalschlüssel abweicht und keine Obergrenzen setzt, muss sie sich den Vorwurf der monetären Staatsfinanzierung gefallen lassen", bemängelte der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber.

EU-Kommission setzt Stabilitäts- und Wachstumspakt aus


Die EU-Kommission will dazu als Folge der Pandemie den Stabilitäts- und Wachstumspakt aussetzen und hat die allgemeine Ausweichklausel aktiviert. „Der Schritt bedeutet, dass nationale Regierungen so viel Liquidität wie nötig in die Wirtschaft pumpen können“, erklärte EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen. Und auch die sogenannten Corona-Bonds sind noch nicht endgültig vom Tisch.

So steigt das Risiko einer Schuldenkrise, an deren Ende eine Zersplitterung der Währungsunion stehen könnte. Gleichzeitig erhöht sich die Inflationsgefahr. Besonders die Vermögenspreisinflation könnte weiter zulegen. Das würde Märkte und Realwirtschaft auf Dauer immer weiter voneinander entkoppeln, was die jüngsten Kursrallys an den Börsen bereits nahelegen. „Man mag geneigt sein zu sagen, dass in der aktuellen Krisenlage der Zweck die Mittel heiligt. Doch das ist ein gefährlicher, unzivilisierter Grundsatz: Denn nach ihm wäre auch gerechtfertigt, die Kaufkraft des Euro zu ruinieren, um die Staatskassen liquide zu halten“, sagte Degussa-Chefvolkswirt Thorsten Polleit.

„Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliches Handeln.“, twittert hingegen Christine Lagarde. Dieses außergewöhnliche Handeln, könnte aber ebenfalls außergewöhnliche Zeiten nach sich ziehen. Von EZB-Seite aus liegen die Karten auf dem Tisch und die Zukunft wird zeigen, ob sie richtig ausgespielt wurden. So funktioniert das, bei einem All In.  

Oliver Götz

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11.06.2020 | 16:05

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