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Der Bilderbuch-Rücktritt

Paukenschlag in Walldorf. Bill McDermott verlässt den Konzern. Was bedeutet das für Anleger?(Foto: Wright_Studio / Shutterstock.com)


Völlig überraschend verlässt Vorstandschef Bill McDermott den deutschen Softwareriesen SAP. Der hätte den Wechsel an der Konzernspitze nach außen hin jedoch kaum besser moderieren können. Dank starker Quartalszahlen steigt die Aktie um acht Prozent und nimmt ihr Rekordhoch ins Visier. 

Dass Bill McDermott ausgerechnet an dem Tag seinen vorzeitigen Rücktritt als SAP-Vorstandschef erklärte, an dem der Konzern nur so vor Kraft strotzende Quartalsergebnisse präsentierte, war sicher kein Zufall. McDermott, seit 2002 im Unternehmen und seit 2010 Vorsitzender des Vorstands – erst mit Partner, ab 2014 dann allein – hat bei den Walldorfern ein Ära geprägt. Er hat Europas führenden Tech-Konzern über Jahre hinweg fit gemacht für den internationalen Konkurrenzkampf, der in der Branche ob der Giganten aus den USA und China heftig geführt wird. Er hat, auch wenn das, des Sektors wegen, fast ironisch klingen mag, SAP ins moderne Zeitalter geführt. Vor allem den Umbau des Softwarevertriebs hin zu Cloud-Angeboten im Netz hat er vorangetrieben. McDermott hat investiert, als andere, auch manch Aktionär, Skepsis walten ließen, drückten die damit verbundenen Kosten schließlich auf die Marge. Doch der inzwischen 58-Jährige US-Amerikaner hat Recht behalten mit seiner Strategie. Software per Abo-Angebot oder Nutzungsgebühr via Cloud zu nutzen, ist inzwischen gang und gebe. Und zu einem höchst einträglichen Geschäft geworden. „Von dieser Weichenstellung wird das Wachstum von SAP noch viele Jahre profitieren“, sagte Aufsichtsratschef und SAP-Mitgründer Hasso Plattner.

Und diese Weichenstellung dankten ihm Anleger und Aktionäre schlussendlich dann doch. Auf Zehnjahressicht, also knapp dem Zeitraum, in dem McDermott an der Konzernspitze stand, ist der Kurs der SAP-Aktie um mehr als 200 Prozent gestiegen. Folglich sind die Walldorfer an der Börse zu Deutschlands wertvollstem Unternehmen geworden. Inzwischen mit großen Abstand. Kein anderer Dax-Konzern kommt auf eine Marktkapitalisierung von über 100 Milliarden Euro. Bei SAP sind es sogar noch 30 Milliarden Euro mehr.

Bill McDermotts knapp zehn Jahre als CEO waren alles in allem eine Erfolgsgeschichte. Dass er nun so abrupt seinen Abgang verkündet, ist ein Paukenschlag. Sein Vertrag lief noch bis zum Jahr 2021, erst kürzlich hatte er größere Umstrukturierungsmaßnahmen angekündigt, um die Kosten noch besser in den Griff zu bekommen. Nun soll er lediglich bis Ende diesen Jahres in beratender Funktion im Unternehmen bleiben, dann schillert die schillerndste CEO-Persönlichkeit des DAX irgendwo anders.

Ein Verlust, ja. Aber keiner, der schmerzt.

Ein herber Verlust möchte man meinen. McDermott hat SAP eben nicht nur strategisch hervorragend geführt, er hat dem Konzern auch ein Gesicht gegeben. Irgendwie fiel es leicht diesem Mann mit der getönten Brille, die er seit einem schlimmen Sturz im Jahr 2016, wonach er sein linkes Auge verlor, trägt, Innovation, Zukunft und Erfolg zuzutrauen.

Wenn so jemand so plötzlich „Goodbye“ sagt, dann kann das an der Börse schon mal zu Unsicherheit und folglich Verlusten führen. Ganz anders bei SAP. Die Aktie der Walldorfer stieg am Tag der Rücktrittsankündigung um acht Prozent auf 113 Euro. Das Rekordhoch bei 125 Euro, aufgestellt im Juli, rückt so wieder näher. Phänomenal, angesichts des derzeit schwierigen Marktumfeldes und der ohnehin schon nicht gerade niedrigen Bewertung des Papiers.

Grund ist ein Rücktritt nach Bilderbuch-Vorbild. Ja, er ist beinahe zu schön, zu perfekt, um wahr zu sein. Aus SAP-Sicht eine Glanzleistung. Besser als die Walldorfer kann man einen Wechsel an der Konzernspitze kaum moderieren. McDermotts Nachfolge steht fest, das Modell der Doppelspitze kehrt zurück. Jennifer Morgan, seit 2004 im Konzern sowie im Vorstand verantwortlich für die Cloudsparte, und Christian Klein, seit 1999 bei SAP und Chef der Produktentwicklung, sollen Deutschlands Tech-Giganten führen. Morgan ist damit die erste Frau, Klein der mit 39 Jahren jüngste Manager, an der Spitze eines DAX-Konzerns. Zwei, denen man auch aufgrund ihrer bisherigen Tätigkeitsbereiche im Konzern zutrauen kann, McDermotts Erfolgsgeschichte weiterzuschreiben.

Schlussendlich handelt es sich um einen Wechsel, der zwar aufgrund seines Zeitpunktes überraschend ist, jedoch, wie Bernstein Research-Analyst Mark Moerdler schreibt, zu keinen wesentlichen Störungen innerhalb des Konzerns führen sollte. „Wir werden Kontinuität walten lassen, was unsere Strategie und die Ausrichtung der SAP angeht“, sagte es so auch schon Christian Klein am Freitag gegenüber n-tv. Das gilt auch für das laufende Effizienzprogramm, von dem sich Anleger spürbare Gewinnsteigerungen erhoffen. „Die eingeschlagenen Programme zeigen bereits Wirkung. Und wir werden diese Programme weiter fortführen, um weiterhin gute Ergebnisse zu liefern“, so Klein.

Die richtigen Zahlen zum richtigen Zeitpunkt

Neben der Nachfolgeregelung hat es sich als ebenso kluger Schachzug erwiesen, McDermotts Rücktritt gemeinsam mit der Vorlage der Quartalszahlen zu verkünden. Diese sind nach einem schwächeren zweiten Quartal eine Demonstration der Stärke. Die Kostensenkungsprogramme zeigten bereits Wirkung, schrieb Baader Bank-Analyst Knut Woller. Das Cloud-Geschäft boomt. Allein hier stiegen die  Umsätze um 37 Prozent auf 1,79 Milliarden Euro. Insgesamt kletterten sie um 13 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro, der operative Gewinn um 20 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Analysten hatten mit deutlich weniger gerechnet. Die Zahlen seien sowohl auf Umsatz- als auch auf Ergebnisseite positiv, schrieb JPMorgan-Analystin Stacy Pollard. Unterm Strich blieb mit 1,26 Milliarden Euro 30 Prozent mehr Gewinn übrig, als noch im Vorjahr. Trotz Konzernumbau und Handelskonflikt, der zu geringeren Investitionen aus China führt.

Die Zahlen zeigen eindrucksvoll die nach wie vor bestehenden Wachstumschancen der Walldorfer auf. McDermotts Abgang wird damit beinahe zur Nebensächlichkeit, da sich an der Konzernstrategie nichts ändern soll und seine Nachfolger aus den Sparten kommen, die maßgeblich zu SAPs Erfolg beitragen. Das jedoch heißt nicht, dass es die beiden neuen CEOs leicht haben werden. Die Erwartungen dürften nach den Zahlen zum dritten Quartal nochmal gestiegen sein. Den Aktienkurs innerhalb von zehn Jahren erneut um 200 Prozent in die Höhe zu treiben, wie es McDermott geschafft hat, dürfte schwierig werden. Jedoch auch nicht unmöglich, geht SAP doch gut aufgestellt in die kommenden Jahre. Nun will erst noch dieses gut zu Ende gebracht werden. Die Chancen dafür stehen gut, die Software-Branche verdient zum Jahresende hin oft kräftiger als im ersten Halbjahr. Und bis dahin ist ja auch Bill McDermott noch da. Vielleicht ein gutes Omen.

Oliver Götz

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11.10.2019 | 14:42

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