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Überall Krise: Autozulieferer müssen dringend unternehmerisch handeln

(Foto: Shutterstock)



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Chipkrise, steigende Rohstoff- und Energiepreise, Lieferengpässe. Zahlreiche Autozulieferer befinden sich derzeit in einer prekären Lage. Viele von ihnen sehen sich aufgrund ihrer Vertragsbedingungen dazu gezwungen, hohe Fertigwarenbestände bereitzuhalten, auch wenn diese von den Fahrzeugherstellern gar nicht abgerufen werden. Ein teueres Dilemma.

Von Johann Georg von Hülsen

Chipkrise, steigende Rohstoff- und Energiepreise, Lieferengpässe: Das sind die toxischen Zutaten, aus denen der Sturm gemacht ist, der über die Autozulieferer-Branche hinwegfegt. War die Industrie noch vor wenigen Monaten in ein ohnehin schon herausforderndes Jahr gestartet, trägt der Ukraine-Krieg derzeit zu einer weiteren Verschärfung der Situation bei. So mussten zuletzt nicht nur in diversen Werken von Volkswagen, Porsche und BMW die Bänder in Folge der Knappheit bei Kabelbäumen zeitweise angehalten werden. Auch sorgen die kriegsbedingten Lieferausfälle einzelner Zulieferer industrieweit für einen Rückgang der Abrufe, der die ohnehin schon schwer belastete Zuliefererbranche hart trifft.  

Insbesondere für viele kleinere und mittlere Zulieferer spitzt sich die Lage derzeit immer stärker zu. Gerade solchen Branchenangehörigen, die bereits vor den aktuellen Entwicklungen unter strukturellen Problemen litten, droht die Situation womöglich sogar existenzbedrohend zu werden. Angesichts dessen stellt sich die Frage: Welche Maßnahmen können – und müssen – Autozulieferer jetzt ergreifen, um wieder Herr der Lage zu werden?  

Natürlich gibt es dabei nicht das perfekte Allheilmittel, damit sich bereits morgen alle Probleme in Luft auflösen. Dennoch können schon einige, auf den ersten Blick vielleicht trivial erscheinende Mechanismen entscheidend dabei helfen, die notwendigen Weichen in Richtung Stabilität zu stellen. Um diese nachvollziehen zu können, bedarf es jedoch vorab einer kurzen Erläuterung der Rahmenbedingungen, die das Zusammenspiel zwischen OEM und Zulieferern prägen.  

Zulieferer: große Bugwelle an Abrufen


Ausgehend von der per se hohen Marktmacht der OEM ist das Machtgefälle gegenüber den KMU unter den Zulieferern oftmals sehr stark. Viele kleinere Zulieferer verfügen über einen sehr eingeschränkten Abnehmerkreis für ihre Produkte; fällt einer der Kunden weg, kann dies mitunter fatale Folgen haben. Aufgrund dessen versuchen sich KMU in der Regel mit ihrer Abhängigkeit von den OEM zu arrangieren. Dieses Verhalten kann für sie in der gegenwärtigen Situation jedoch schnell weitreichende negative Konsequenzen haben.  

So ist es inzwischen gang und gäbe, dass die großen Autohersteller die Höhe der Abnahmemengen gegenüber ihren Zulieferern bis unmittelbar vor der tatsächlichen Lieferung noch deutlich kürzen. Diese Reduktion wird zumeist systembasiert auf die geplanten Abrufmengen der nächsten Wochen oder Monate aufgeschlagen, sodass die Gesamtmenge unverändert bleibt. Wenn diese Vorgehensweise über einen längeren Zeitraum praktiziert wird, schiebt der Zulieferer dauerhaft eine immer größer werdende Bugwelle angekündigter Abrufe vor sich her. Aufgrund seiner Lieferverträge muss er für diese potenziellen, aber oftmals wenig substanziellen Abrufmengen jedoch entsprechend disponieren.  

In der Konsequenz bedeutet das: Ein Zulieferer, der sich strikt an die Vereinbarungen hält, bestellt zu viel Rohmaterial, produziert zu viel, beschäftigt zu viele Mitarbeiter und hat das Lager mit zu vielen Fertigwaren gefüllt, die vielleicht in einigen Wochen abgerufen werden – vielleicht aber auch nicht. Eine solch enorme Belastung der Liquidität kann sich kein Unternehmen dauerhaft leisten. Es besteht also dringender Handlungsbedarf.

Unternehmerisches Geschick und Weitblick


Dies erfordert ein hohes Maß an Unternehmertum. Was das genau bedeutet? Zulieferer sollten sich zunächst die Frage stellen, welche Abrufmengen in den kommenden Wochen und Monaten angesichts der (welt-)wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen realistisch zu erwarten sind. Dabei gilt es einen wesentlichen Punkt zu durchdenken: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Volumen innerhalb kürzester Zeit normalisiert oder sogar drastisch erhöht und damit die Bugwelle abgebaut wird? Auch die OEMs unterliegen Kapazitätsbegrenzungen und können Rückstände folglich nur innerhalb dieser Grenzen aufholen.

Sicherheit gibt es bei der Beantwortung dieser Frage nicht. Deswegen muss der Zulieferer zusätzlich zur Bewertung der Marktentwicklung die von ihm beeinflussbaren Stellschrauben entlang der Wertschöpfungskette analysieren und steuern. Diese Analyse beginnt bei einem Überblick über die relevanten Verträge und die darin festgehaltenen Liefer- und Abrufbedingungen. Im nächsten Schritt braucht ein Zulieferer Transparenz über aktuelle Bestände vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt und die dazugehörigen Finanzkennzahlen – und das nicht nur einmal für die Analyse, sondern fortlaufend. Auf dieser Basis müssen zur Steuerung gegebenenfalls kurzfristige Anpassungen in der Supply Chain und am Produktionsplan vorgenommen werden.

Zur Liquiditätssicherung muss es das Ziel sein, die Warenbestände so weit wie möglich zu reduzieren, ohne dabei in Lieferschwierigkeiten zu kommen. Dafür ist ein enges Zusammenspiel zwischen Finanzbereich, Vertrieb, Produktion und Einkauf notwendig. Im Ergebnis muss ein wirkungsvolles Maßnahmenpaket stehen, für dessen Umsetzung straffe und effiziente Prozessstrukturen erfolgsentscheidend sind. Die beschlossenen Maßnahmen müssen übersichtlich dokumentiert und konsequent nachverfolgt werden, um sie laufend an sich verändernde Rahmenbedingungen anpassen zu können. Grundlage dafür ist ein sauber aufgesetztes Controlling für belastbare Kennzahlen, an dem sich der Implementierungserfolg der Maßnahmen messen lässt.

Parallel dazu gilt es, einen offenen und transparenten Austausch mit den Kunden zu pflegen. Entschließt sich ein Zulieferer also dazu, entgegen den angekündigten Abrufen die Produktionsmengen vorübergehend zu reduzieren, muss er dies den OEM gegenüber klar kommunizieren. Natürlich darf dabei nicht erwartet werden, dass dieses Vorgehen wohlwollend begrüßt wird. Vor dem Hintergrund der Liquiditätssicherung ist diese unternehmerische Herangehensweise in der Krise aber unabdingbar.  

Agieren statt reagieren

Wie lange die Versorgungskrise in Folge des Chipmangels und des Ukraine-Krieges noch andauern wird, lässt sich derzeit nur schwer vorhersagen. Zumindest mit einer kurzfristigen Entspannung der Lage ist derzeit nicht zu rechnen. Wer in dieser Situation unternehmerisch handeln und eine fundierte Entscheidung treffen will, muss wissen, wie sich spezifische Maßnahmen auf das Unternehmen und sein Umfeld auswirken. Vom Zulieferer ist jetzt entschlossenes und mutiges Handeln gefragt. Aktive Krisenabsicherung kann nur derjenige betreiben, der unternehmerisch agiert, anstatt reaktiv zu administrieren.

 

Über den Autor:

Johann Georg von Hülsen ist seit 2016 Partner bei der Unternehmensberatung Haselhorst Associates Consulting (www.haselhorst-associates.com). Schwerpunkte seiner Tätigkeit bilden Sanierungen und Restrukturierungen, Carve-out und Post-Merger-Integration sowie die Prozess- und Working-Capital-Optimierung. Zuvor war Johann Georg von Hülsen Senior Manager bei EY und begleitete viele erfolgreiche Restrukturierungen und Transaktionen in Automotive, Maschinenbau und Handel.

05.04.2022 | 16:12

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