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Das wertvollste Unternehmen der Welt?


Apple stellt das teuerste iPhone aller Zeiten vor und präsentiert eine neue Apple Watch mit EKG-Sensor. Damit setzt der Technologieriese aus Kalifornien auch weiter auf Produkte im Hochpreissegment. Doch das nächste Big Thing bleibt aus. Wie erfolgsversprechend ist die aktuelle Strategie des Tech-Giganten und lohnt sich der Kauf von Anteilsscheinen noch oder ist der Preis bereits viel zu hoch?

von Florian Spichalsky

Eine neue iPhone-Generation und die Computeruhr Apple Watch mit EKG-Messgerät. Das ist die sparsame Ausbeute, mit der sich Apple-Fans in den kommenden Monaten begnügen müssen. Auf die wirklich innovativen Produkte, über die im Vorfeld der letzten Keynote so lebhaft gerätselt wurde, wartete das Publikum im kalifornischen Cupertino vergebens. CEO Tim Cook sprach von einem „magischen Tag“ – doch Beobachter des Unternehmens hatten mehr erwartet: Neue Macs, die Ladematte AirPower, verbesserte AirPods und vielleicht sogar ein Fernsehgerät. Auch die Spekulationen um ein Elektroauto sind in jüngster Vergangenheit immer realistischer geworden. Doch wer hoffte, Marketingchef Phil Schiller würde mit dem neuen iCar auf die Bühne gerollt kommen, wurde enttäuscht. Nichts von all dem wurde am vergangenen Mittwoch präsentiert – das heizt die Spekulationen um eine weitere Keynote im Oktober an. Viele Anleger fragen sich deshalb zurecht: Lohnt es sich, jetzt noch auf den Apple-Zug aufzuspringen oder ist die Aktie längst überbewertet?
 
Doch der Reihe nach: In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Aktienwert des Hardwareherstellers verdreifacht. Derzeit notiert der Anteilsschein mit über 220 US-Dollar, nachdem er die 200 Dollar Marke bereits im Juli knackte – nicht zuletzt wegen der Umsatzsteigerung von 17 Prozent auf 53,27 Milliarden US-Dollar im vergangenen Quartal. Außerdem hatten Erwartungen neuer, innovativer Produkte den Börsenwert in den vergangenen Wochen enorm gesteigert. Obwohl die Verkaufszahlen des iPhones derzeit stagnieren und Apple nach Samsung und Huawei nur der drittgrößte Smartphone-Hersteller weltweit ist, dürften die Aktien weiterhin Begehrlichkeiten wecken. Grund dafür gibt die Vorstellung der neuesten iPhone-Generation und Apple Watch – und ja, auch die Spekulation um eine zweite Keynote im Oktober, auf der Apple weitere Produkte vorstellen könnte. Quasi pünktlich zum Weihnachtsgeschäft.
 
Das teuerste iPhone aller Zeiten
 
Mit den neuen Smartphone-Modellen und der Apple Watch steigert der Konzern die Umsatzerwartungen für das kommende Quartal weiter. Apple-Manager Schiller hat in Cupertino gleich drei neue iPhones präsentiert. Das iPhone XS sieht nahezu so aus wie sein Vorgänger, nur verzichtet es auf den – für Apple charakteristischen – Home-Button. Stattdessen setzen die Entwickler auf die Gesichtserkennung Face ID. Das iPhone XS Max ist mit 6,5 Zoll das größte iPhone aller Zeiten – und zugleich das teuerste. Wer sich für den größten Speicher (512 Gigabyte) entscheidet, muss tief in die Tasche greifen. 1.449 Dollar kostet dieses Modell, das am 23. September auf den deutschen Markt kommen wird. Zusätzlich bringt der US-Technologiekonzern das etwas günstigere iPhone XR heraus. Alle Modelle haben bessere Bildverarbeitungsprozessoren, einen OLED-Display, der Videos in HDR-Auflösung abspielt, größere Speicherplätze und längere Akkulaufzeiten. Außerdem führt Apple die Möglichkeit ein, zwei Rufnummern gleichzeitig zu nutzen. Mit der eSim-Karte können Nutzer nun private und geschäftliche Kontakte voneinander trennen, ohne zwei Geräte nutzen zu müssen. Damit dürfte der Hersteller verstärkt auf den Markt der Geschäftskunden abzielen.
 
Vorstoß in den Medizinmarkt
 
Neben den Smartphones hat Schiller die neue Apple Watch mit EKG-Sensor vorgestellt. Apple ist der erste Anbieter, der diese Funktion in einer Computeruhr unterbringt. Der Vorstoß in den Markt der medizinischen Uhren wird etablierte Hersteller aufschrecken lassen, denn Apple meint es ernst. Der Sensor sei bereits von der Gesundheitsaufsicht FDA freigegeben und somit einwandfrei für den medizinischen Bereich nutzbar.
 
Das wichtigste Produkt des Technologieriesens ist und bleibt aber das iPhone. Es bringt rund zwei Drittel der Unternehmenserlöse ein – entgegen negativer Prophezeiungen vor der Markteinführung des iPhone X, das mit Preisen von über 1000 US-Dollar bis dato das teuerste Smartphone im Produktportfolio war. Noch vor einem Jahr hatten Beobachter des Unternehmens Zweifel am Erfolg des Luxus-Smartphones, spätestens 12 Monate später ist klar: Das iPhone X war in jedem Quartal das Bestseller-Modell und brachte Apple noch höhere Profite. Die erweiterten Angebote im hochpreisigen Segment kommen deshalb wenig überraschend.  
 
Buffets Appetit auf Apple
 
Und jetzt schlägt auch noch Warren-Buffet zu. Der 88-Jährige hält bereits 252 Millionen Apple-Aktien – sein Appetit auf den Tech-Giganten scheint trotzdem noch nicht gestillt zu sein. Berkshire Hathaway, Buffets Beteiligungsgesellschaft, hat ihren Anteil an Apple erhöht, worauf die Papiere des US-Smartphoneherstellers auf ein Rekordhoch von 225 US-Dollar gestiegen sind. Anleger, die befürchten, die Apple-Wertpapiere hätten damit ihren Höhepunkt bereits erreicht, wird die Einschätzung der Schweizer Großbank UBS beruhigen. Sie rät potentiellen Investoren zum Kauf und belässt das Kursziel bei 250 US-Dollar. Die Produktvorstellung sei wie erwartet verlaufen, schrieb Timothy Arcuri anschließend in einer Mitteilung. Auch die Analystin Kathryn Huberty von Morgan Stanley schätzt die Unternehmensentwicklung – mit Blick auf die jüngste Produktpräsentation – positiv ein und hob das Kursziel deshalb von 245 auf 247 US-Dollar an. Höhere Produktpreise und die Dual-Sim-Funktion seien eine positive Überraschung, ergänzt Huberty.
 
Wird Apple den Erwartungen gerecht?
 
Obwohl die Apple-Aktie bereits im vergangenen Jahr um mehr als 37 Prozent gestiegen ist, prognostizieren viele Analysten einen fortlaufenden Kursgewinn. Aber auch kritische Stimmen werden lauter, denn in dem Kurs vom Tech-Giganten stecken gewaltige Wachstumserwartungen. Gemessen an den Kennzahlen der Old Economy sind die Preise für einen Anteilsschein mittlerweile deutlich zu hoch. Doch die Fantasie der Anlieger scheint grenzenlos – wie so häufig, wenn es um die Entwicklungspotentiale der großen Tech-Konzerne Apple, Amazon, Google, Netflix und Facebook geht. Die Keynote des kalifornischen Hardwareherstellers am vergangenen Mittwoch wirft also die Frage auf: Kann das Unternehmen seine Marktposition, die zweifelsohne sehr gut ist, weiterhin ausbauen? Denn wächst Apple nicht in jenem rasanten Tempo, das viele Analysten versprechen, könnte der Kurs schlagartig einbrechen. Sollten also weitere neue Produkte in diesem Jahr ausbleiben, ist fraglich, ob Apple die Wachstumserwartungen der Analysten erfüllen kann.
 
Kopfschmerzen dürfte den Apple-Managern auch der Handelsstreit zwischen den USA und China bereiten. Nachdem der amerikanische Präsident Anfang September getwittert hat, die Preise der Apple-Produkte könnten wegen der geplanten Zölle, die gegen China verhängt werden sollen, massiv steigen, sind immer mehr Konsumenten und Anleger verunsichert. „Stellen Sie Ihre Produkte in den Vereinten Staaten statt in China her“, fordert der Präsident in seinem Tweet. Apple gab anschließend bekannt, dass US-Zölle – eine sogenannte Zusatzgebühr von 25 Prozent auf Produkte aus China – eine Reihe ihrer Produkte treffen könnte. Geräte wie etwa die Apple Watch, AirPods, der MacMini sowie diverses Zubehör werden derzeit in China gefertigt und würden durch Strafzölle teurer werden. Auch das iPhone wird in China montiert – es würde nach bisherigen Informationen allerdings nicht den geplanten Strafzöllen unterliegen.
 
Die 1-Billion-Dollar-Marke
 
Vor kurzem hat Apple als erstes Privatunternehmen die 1-Billion-Dollar-Marke geknackt. Kurz gesagt: Der Technologieriese ist das wertvollste Unternehmen der Welt. Was Grund zum Feiern suggeriert, lässt kritische Stimmen lauter werden. Finanzanalyst Mark Hulbert warnt davor, dass die hohe Marktkapitalisierung des Unternehmens auf dubiose Langzeitwetten beruhe. Der 63-Jährige meint deshalb, der iPhone-Hersteller aus Cupertino sei überbewertet. Der Analyst stützt seine Annahme auf eine Analyse, die zu dem Ergebnis kommt, dass die seit 1980 mit der höchsten Marktkapitalisierung notierten Unternehmen im Vergleich zum Index durchschnittlich vier Prozent schwächer performt haben.
 
Das jüngste Mega-Event in Kalifornien zeigt: Apple setzt weiter auf den Markt der Premium-Smartphones – eine Strategie, die mit Blick auf die Zahlen der letzten Monate offensichtlich zum Erfolg führt. Mit der neuen Apple Watch traut sich der Hersteller nun einen Vorstoß in den Gesundheits- und Sportmarkt zu. Trotz dieser Innovationen bleibt das Unternehmen damit unter den Erwartungen der Anleger. Es ist fraglich, ob Apple die Wachstumserwartungen zukünftig erfüllen kann oder lediglich auf der Welle der Popularität reitet. Eins ist klar: Die Fallhöhe der Apple-Aktie ist hoch. Vielleicht zu hoch.

14.09.2018 | 16:39

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