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Biotech: 
Aussichten sind vielversprechend

(Foto: unsplash – CDC)

Dr. Daniel Koller, Head Investment Management Team 
BB Biotech bei Bellevue Asset Management (Foto: BB Biotech)




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Biotechaktien standen unter Druck. Doch eröffnen sich auch attraktive Möglichkeiten für Investoren. Die Zahl der positiven Studienergebnisse und Produktzulassungen ist nach wie vor hoch und die Übernahme­bereitschaft hat zugenommen. 

Die Biotechbranche durchlief in den vergangenen Monaten eine paradoxe Marktphase. Einerseits waren es vor allem Biotechunternehmen, die als treibende Kraft bei neuen therapeutischen Ansätzen vorangingen. Auf der anderen Seite spiegelte die aktuelle Kursentwicklung dies in keiner Weise wider. Denn viele Biotechunternehmen sind aufgrund des Ausverkaufs im Vorjahr derzeit noch immer historisch niedrig bewertet
 
Die positiven Aussichten gepaart mit den niedrigen Bewertungen riefen eine Reihe übernahmewilliger Pharmakonzerne auf den Plan. So waren unter anderem Pfizer und Novo Nordisk auf Einkaufstour. Pfizer hat mit Global Blood Therapeutics, Biohaven und Arena Pharma gleich drei Unternehmen unter ihr Dach genommen. Und auch einige grossen Biotechfirmen übernahmen bereits vielversprechende kleinere Biotechs.
 
Die Zahl der noch zu erwartenden positiven Studienergebnisse und angekündigter Produktzulassungen reißt auch aktuell nicht ab. Angesichts der weiterhin niedrigen Bewertungen zahlreicher Biotechfirmen erwarten wir noch in diesem Jahr, aber auch in 2023, dass weitere Transaktionen folgen. Die Tendenz bei den Pharmafirmen dürfte verstärkt dahin gehen, vor allem Biotechunternehmen zu akquirieren, die für ihre ersten Produkte auf der Basis von neuen bahnbrechenden Technologien die Marktzulassung erhalten haben oder unmittelbar davorstehen.
 
Der Inflation Reduction Act (IRA) – positive Impulse für Biotech
 
Auch von politischer Seite wird der Anreiz für die Entwicklung von innovativen Arzneien gestärkt. Am 16. August 2022 unterzeichnete US-Präsident Joe Biden den Inflation Reduction Act (IRA), den der demokratisch kontrollierte US-Kongress zuvor verabschiedet hatte. Thema war die Absenkung der Medikamentenpreise.
 
Es wurde festgelegt, dass der staatliche US-Krankenversicherer Medicare die Preise gewisser hochpreisiger, älterer Arzneimittel neu verhandeln darf. Das gilt sowohl für niedermolekulare Wirkstoffe, deren Lancierung neun Jahre zurückliegt, als auch für Biopharmazeutika, seit deren Markteinführung 13 Jahre vergangen sind. Im Jahr 2026 kann Medicare Verhandlungen über die Preise der ersten Kohorte älterer Medikamente führen. Die Zahl der für Preisverhandlungen in Frage kommenden Pharmazeutika soll jährlich steigen. Die Preise zahlreicher Arzneimittelkategorien sind nicht verhandelbar, wie etwa Arzneimittel für seltene Krankheiten oder die Produkte kleiner Biotechunternehmen, auf die > 80 Prozent der Gesamtumsätze entfallen. Private Versicherer sind von der Regelung ausgeschlossen.
 
Die Freiheit zur Preisbildung bei neuen innovativen Therapieansätzen wird also nicht tangiert. Um mögliche Gegenmaßnahmen der Arzneimittelindustrie zu unterbinden, ist der Anstieg der Medikamentenpreise inflationsgebunden. Übersteigen Preiserhöhungen die Inflationsrate (CPI-U), werden Unternehmen mit Strafen belegt oder zu Rabatten verpflichtet.
 
Die Neugestaltung von Medicare führt dazu, dass ab 2025 die Ausgaben für rezeptpflichtige Medikamente auf jährlich USD 2.000 (derzeit USD 7.400) gedeckelt werden, wodurch die Einhaltung von Therapien durch Patienten deutlich gesteigert werden kann. Die Neugestaltung soll vor allem dazu beitragen, Lücken bei der Gesundheitsversorgung zu schliessen und die Eigenbeteiligung der Patienten an den immensen Kosten vollständig auf die Krankenversicherer und Hersteller zu verlagern, vor dem Hintergrund, dass die Anhebung der Versicherungsprämien bis 2030 auf jährlich maximal 6 Prozent beschränkt wird.
 
Weitere Aussichten

 
Am 8. November finden in den USA die Zwischenwahlen statt. Gesundheitsinvestoren wägen bereits im Vorfeld ab, zu welchen möglichen Veränderungen es im Kongress kommen könnte und welche potenziellen Folgen dies für die Gesundheitsbranche hätte. Die Kernpunkte des IRA werden sich kurz- bis mittelfristig zwar nicht ändern, aber im Biopharmasektor werden immer häufiger Stimmen laut, die bestimmte Anpassungen fordern, wie zum Beispiel einheitliche Verhandlungsfristen für niedermolekulare Wirkstoffe und biopharmazeutische Produkte.
 
Biotech-Aktienmärkte stehen nun bereits seit dem Frühjahr 2021 und damit seit geraumer Zeit unter Druck. Wir bewerten den Markt jedoch als attraktiv. Er bietet gerade jetzt interessante Möglichkeiten zur Kapitalallokation. Einige unserer kleinen und mittelgroßen Portfoliounternehmen werden weiteres Kapital benötigen. Darüber hinaus ergänzen wir unser Portfolio weiterhin gezielt um Beteiligungen an vielversprechenden Biotechunternehmen, wie unsere jüngsten Neuzugänge Celldex und Rivus Pharmaceutials zeigen.
 
Biotech bleibt Motor für Innovationen
 
Obwohl die pandemische Phase als beendet gilt, wird die Verbreitung neuartiger SARS-CoV-2-Varianten im Herbst und Winter in der nördlichen Halbkugel weiterhin aufmerksam verfolgt. Die Biotechbranche hat mit der Entwicklung wichtiger Lösungen zweifelsohne zur Bekämpfung der Pandemie beigetragen. Wir setzen darauf, dass sich der Sektor weiterhin intensiv mit neuartigen Varianten des Virus und Bedrohungen für die Gesellschaft befassen und darüber hinaus weitere bedeutende Produkte zur Behandlung schwerwiegender und chronischer Krankheiten lancieren wird.
 
Damit stellen Biotechfirmen weiterhin den Motor für die Entwicklung klinisch differenzierter Arzneimittel für Patienten mit hohem medizinischem Bedarf dar, und das zu Preisen, die auch für Kostenträger erschwinglich sind. Wir werden daher die Auswirkungen des IRA auf unsere Portfoliounternehmen und potenziellen künftigen Investitionsmöglichkeiten genau verfolgen.

Dr. Daniel Koller

29.11.2022 | 11:00

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