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London wankt – stürzen die Finanzmärkte?

Wie lange wird England noch Großbritannien sein? Die Unterhauswahl könnte ein weiterer Schritt zum Zerfall sein. (Bild: Fotolia / Andrey Burmakin)

Wahrscheinlicher Nutznießer von einem möglichen Niedergang des noch vereinigten Königreiches: Frankfurt am Main (Bild: Fotolia / eyetronic)


Theresa May hat sich verzockt. Anstatt ihre Tories mit einem starken Mandat auszustatten, haben die Wähler ihr die absoute Mehrheit entzogen. Das bedeutet für die Finanzmärkte: große Unsicherheit. In die Investmententscheidungen der kommenden Wochen und Monate muss daher eine gründliche Analyse der Ausgangslage einfließen. Hier ist sie.

Im Mittelpunkt steht der Zugang zum europäischen Finanzmarkt. Bisher profitierte das UK als EU-Mitgliedsland von den vier Freiheiten des europäischen Binnenmarktes und London damit zuvorderst von der Dienstleistungs- und Kapitalverkehrsfreiheit. Durch sogenannte Finanzpässe waren Banken, Investmentfonds und Co. berechtigt, von London aus, Dienstleistungen in anderen EU-Mitgliedsstaaten anzubieten, ohne weitere Regularien beachten zu müssen. Das galt auch für Banken aus Nicht-EU-Ländern mit Sitz in London. Frankfurt dagegen könnte seine internationale Wertschätzung durch Londons ungewollte Hilfe aufpolieren.

Historisch bedingte Skalen- und Größenvorteile machten die britische Metropole zum Eintrittstor für Kapitalflüsse in die EU. Genau dieses Tor könnte sich nun verschließen. Durch den Brexit drohen die Pässe ihre Gültigkeit zu verlieren. Vom Entzug jener wären wohl über 5.500 Finanzinstitute und damit einhergehend um die 336.000 Passregelungen betroffen. Da sieht auch Sandra Navidi von BeyondGlobal Gefahr: „Viele haben London als Zentrale genutzt, als europäisches Passport. Wie es da weiter geht, ist völlig unsicher“, so Navidi. Auch große Banken hätten schon angekündigt, dass sie wahrscheinlich Arbeitsplätze und Aktivitäten aufs Festland verlegen müssen.

Hinzu kommt der wahrscheinliche Verlust von Clearing-Aktivitäten. Dabei handelt es sich um die Abwicklung von auf Euro lautenden Finanzgeschäften. Das Clearing von Finanzprodukten darf zwar in Ländern vonstattengehen, die nicht Teil des europäischen Währungsraumes sind, nicht aber in Ländern, die kein Teil mehr der EU sind. Das Londoner Problem: Der Finanzplatz ist bisher das mit Abstand wichtigste Zentrum für Finanzdienstleistungen, die den Euro als Basis haben. Somit besteht eine durchaus realistische Möglichkeit, dass einige Finanzdienstleister, vor allem die nicht englischen, ihre Sitze in ein der EU weiterhin zugehöriges Land verlagern.

Was passiert mit den Menschen?

Ebenfalls Teil des europäischen Binnenmarktprojekts ist die Gewährleistung der  Personenfreizügigkeit, was freilich die sogenannte Arbeitnehmerfreizügigkeit miteinschließt. Vor allem der Finanzsektor aber ist in hohem Maße auf qualifizierte und internationale Arbeitskräfte angewiesen. Fällt die EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit weg, verringert sich zunächst das qualifizierte Arbeitsangebot, während die Nachfrage nach selbigem gleich bleibt. Goldman Sachs denkt beispielsweise darüber nach, die Hälfte seiner Angestellten – zirka 3.000 Mitarbeiter – aus London abzuziehen und zum Teil nach New York, zum Teil nach Frankfurt zu verlagern. Die Citibank und JP Morgan Chase haben bereits ähnliche Überlegungen publik gemacht.

Zudem darf nicht vergessen werden, dass auch Universitäten und Forschungseinrichtungen in hohem Maße von der Personenfreizügigkeit innerhalb der EU profitieren. Und jene sind von hoher Bedeutung für die Finanzbranche, schließlich bilden sie die dringend benötigten, hochqualifizierten Arbeitskräfte aus und schaffen zusätzlich oft die Grundlagen für spätere Innovationen. Wird deren Input von „außen“ also geschwächt und nimmt deren Leistungsfähigkeit in der Folge ab, dürfte sich dies langfristig in einem ernstzunehmenden Wettbewerbsnachteil äußern.

Für Frankfurt sieht die Sache schon ganz anders aus. Die Finanzhauptstadt Deutschlands wird vom Brexit kaum direkt beeinflusst. Wenn überhaupt, könnte man am Main indirekt von der Schwäche Londons profitieren. Schließlich müssen diejenigen Institute, die womöglich aus London abwandern auch irgendwo hinwandern. Die Chancen, dass deren Ziel die hessische Großstadt wird, stehen nicht schlecht. Natürlich gibt es mit Paris – in der französischen Hauptstadt arbeiten immerhin 180.000 Menschen  im Finanzsektor – Konkurrenz auf Augenhöhe, Dublin könnte mit der englischen Sprache locken und Luxemburg und Amsterdam dürfen aufgrund ihrer Steuervorteile nicht unbeachtet bleiben.

Wie reagieren die Märkte?

Aber die Voraussetzungen für Frankfurt sind gut. Durch den Brexit werden sich fast ausschließlich Aktivitäten aufgrund des Zugangs zum europäischen Markt verlagern und die Mainmetropole ist Finanzplatz Deutschlands, der größten Volkswirtschaft Europas, die im europäischen Vergleich besonders stark und stabil erscheint. Zudem hat die EZB ihren Sitz in Frankfurt, weshalb sich die Clearinghäuser bei einer Standortverlegung wohl für Deutschland entscheiden dürften. Und:  Der Anteil von Auslandsbanken an der Banken-Gesamtzahl ist nach Einschätzung der hessischen Landesbank mit 50 Prozent sogar dem von London entsprechend. In Paris beträgt er nur 30 Prozent. Diese höhere Dichte könnte dazu führen, dass sich ausländische Banken bei Abwanderung aus London für Frankfurt entscheiden und nicht für Paris.

Als weiterer Vorteil darf die Deutsche Börse AG mit Sitz in Frankfurt gelten. Der Helaba zur Folge lag deren Marktkapitalisierung 2015 bei zirka 15,7 Milliarden Euro. Damit lag das Unternehmen vor der LSE (13 Milliarden Euro) und der „Euronext“ (3,3 Milliarden Euro). Frankfurt liege ebenso in Sachen Innovationskraft vorn. Hinzu kämen relativ geringe Lebenshaltungskosten und vergleichsweise günstige Mieten für Bürogebäude, wie die Helaba in ihrer Studie mitteilt. Vergleichsweise kurze Wege, der Frankfurter Flughafen und ein gut funktionierendes Verkehrsnetz heben Frankfurt weiter von Konkurrent Paris ab.

Unter anderem im Devisenhandel, auf dem Beteiligungsmarkt und im Geschäft mit Unternehmensübernahmen und Fusionen dürfte sich demzufolge einiges an Aktivität von London nach Frankfurt verschieben. Er sei zuversichtlich, dass von den fünf größten US-amerikanischen Bankhäusern drei ihre Geschäfte von London nach Frankfurt verlagern werden, so Hubertus Väth, Geschäftsführer der für das Standortmarketing zuständigen Frankfurt Main Finance. Von einem großen Finanzdienstleister-Zustrom kann deshalb aber nicht gesprochen werden, dafür dürften die Zugewinne zu moderat ausfallen.

London verliert – Frankfurt könnte gewinnen

Alles in allem könnte London durchaus im kleinen Rahmen an Bedeutung und internationalem Image verlieren, Frankfurt etwas davon hinzugewinnen. Das Verhältnis zwischen den Finanzplätzen wird sich deshalb aber kaum verändern. London mag Arbeitskräfte, Unternehmenssitze und Marktanteile verlieren, in Frankfurt werden diese damit aber nicht um den gleichen Faktor mehr werden. Die Erklärung dafür ist einfach: Nicht alle Geschäfte werden sich – trotz guter Ausgangsposition – von London nach Frankfurt verlagern. Zum Ende des laufenden Jahres rechnet Väth mit etwa 1000 zusätzlichen Arbeitsplätzen. 2021 mit rund 10.000 Stellen mehr als heute. Was sehr optimistisch ist. Und selbst das wären gerade einmal ein bis zwei Prozent der gesamten Londoner Beschäftigung. Frankfurt kann also vielleicht minimal gegenüber London aufholen.

Deshalb ändert sich aber nicht gleich das Verhältnis. Dafür ist London zu groß und weltweit einfach zu bedeutend. Geschäfte, die unabhängig vom europäischen Markt sind, werden von Finanzdienstleistern sehr wahrscheinlich weiterhin von London aus gesteuert. Damit bleibt der Finanzplatz ein extrem wichtiges Zentrum für Finanzaktivitäten. Am Ende bleiben die Auswirkungen für beide Finanzplätze schwer vorherzusagen. Klar aber ist: Es gibt sie. Früher oder später. Stärker oder schwächer. Und mit großer Sicherheit werden sie für Frankfurt positiver ausfallen als für die Stadt an der Themse, die sich im Zuge des Brexit mit einigen Herausforderungen konfrontiert sieht. OG

09.06.2017 | 12:28

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