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Der größte Börsengang des Jahres

Die Buchungen sind im Keller. An der Börse ist Airbnb trotzdem auf Anhieb 100 Milliarden US-Dollar wert. (Foto: AlesiaKan / Shutterstock)



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Der Apartmentvermittler Airbnb feiert ein fulminantes Debüt an der Wall-Street und kommt zum Start auf einen Börsenwert von fast 100 Milliarden US-Dollar – mitten in der schwersten Krise, die die globalisierte Reisebranche je erlebt hat. Die Risiken gehen im Jubel der Investoren unter.

Die Frage nach dem Warum drängt sich geradezu auf: Warum ausgerechnet jetzt? Thema ist ein Börsengang bei Airbnb seit Jahren. Nun ist er Realität. In einer Gegenwart, die für ein Unternehmen aus der Reise- und Tourismusbranche bescheidener kaum sein könnte.

Offenbar trifft das jedoch nur bei einer realwirtschaftlichen Betrachtungsweise zu. Am Markt war die Freude über den Sprung aufs Parkett so groß, dass sie bei Airbnb kurz vor knapp die zunächst anvisierte Angebotsspanne von 44 bis 50 US-Dollar auf 56 bis 60 US-Dollar anhoben. Dabei hatte bereits die erste Spanne die Analystenerwartungen übertroffen. Den Ausgabepreis legte der Börsenneuling am Mittwochabend schlussendlich bei 68 US-Dollar fest. Das hätte zum Start eine Bewertung von 47 Milliarden US-Dollar bedeutet. Der erste Kurs lag dann aber mit 140 US-Dollar noch einmal doppelt so hoch.

Die Nachfrage nach Airbnb-Aktien wirkte fast grenzenlos, sodass der Börsengang des Apartmentvermittlers am Ende mit knapp 100 Milliarden US-Dollar Marktkapitalisierung zum größten des Jahres wurde. Dabei hatte sich nach einer Finanzierungsrunde zuletzt noch ein Unternehmenswert von 18 Milliarden US-Dollar ergeben.

An der Konkurrenz zog Airbnb sogleich spielerisch vorbei. Die Branchengiganten Booking und Expedia kommen auf einen Börsenwert von 86 und 18 Milliarden US-Dollar. Die großen Hotelketten Marriott und Hilton auf 42 und 29 Milliarden US-Dollar.

Am Finanzmarkt setzt sich Airbnb ins gemachte Nest

Es zeigt sich: Die Gegenwart an den Finanzmärkten ist eine vollkommen andere, als der reale Markt nahelegt. Für ein Unternehmen, das dringend Kapital braucht, und Gründer, die vergolden wollen, was sie über Jahre aufgebaut haben, könnten die Bedingungen kaum besser sein. Es scheint paradox, doch die Geldflut von Staaten und Notenbanken, und dazu die manifestiert wirkenden Niedrigzinsen, treiben Investoren in den Aktienmarkt und dort zunehmend ins Risiko. Vor allem mit Blick auf Verheißungsvolles aus dem Bereich Technologie.

Die Börsengänge der Datenanalysefirma Palantir und des Cloudspezialisten Snowflake zeigen das eindrucksvoll. Die Snowflake-Papiere legten seit ihrer Ausgabe um über 50 Prozent zu, die Palantir-Aktie schoss um sagenhafte 200 Prozent in die Höhe. Unter der Woche ging der US-Essenslieferant Doordash an die Börse. Die Aktie des Debütanten stieg innerhalb eines Handelstages von 102 auf über 195 US-Dollar. Die Marktkapitalisierung lag im Anschluss bei 70 Milliarden US-Dollar.

Die Frage nach dem „Warum jetzt?“ scheint beantwortet. Für Airbnb sind das glänzende Voraussetzungen. Die Kalifornier schließlich sind mehr Tech- als Reiseunternehmen. Geld verdient das Unternehmen über Gebühren für die Vermittlung zwischen Anbietern und Nachfragern, nicht direkt mit der Vermietung von Hotelzimmern oder Wohnungen. Airbnb macht sich damit das sogenannte Plattform-Modell zu Nutze, welches seit geraumer Zeit einen großen Hype erlebt.   Amazon zeigt an vorderster Front wie groß die Wachstumschancen sind. Kunden gewöhnen sich schnell an eine benutzerfreundliche Plattform und kaufen in der Folge bevorzugt über diese ein. Investoren schätzen das Geschäftsmodell, da es Nutzer bindet, sowie wiederkehrende und planbare Einnahmen verspricht. Airbnb setzt sich mit seinem Börsengang ins gemachte Nest.

Umsatzrückgang um ein Drittel


Die realwirtschaftlichen Risiken hingegen scheinen an der Börse derzeit nicht von Interesse. Dabei lechzt Airbnb natürlich unter den Reise- und Ausgangsbeschränkungen seit Beginn der Pandemie. In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres machte das Unternehmen 697 Millionen US-Dollar Verlust. Zwar standen im dritten Quartal mit einem Gewinn von 219 Millionen US-Dollar überraschend schwarze Zahlen in den Büchern, doch das lag mehr an strenger Kostendisziplin, als an wiedererstarkten Umsätzen. Die Einnahmen nämlich verringerten sich um 19 Prozent auf 1,3 Milliarden US-Dollar. Auf Sicht von neun Monaten brach der Umsatz sogar um rund ein Drittel von 3,7 Milliarden auf 2,5 Milliarden US-Dollar ein. Auch im kommenden Jahr und sehr wahrscheinlich noch darüber hinaus wird die Pandemie Einbußen mit sich bringen. Im Börsenprospekt warnt Airbnb selbst davor, dass die Pandemie die Geschäfte noch länger in Mitleidenschaft ziehen könnte. Noch ist völlig offen, wie die coronabedingte Auszeit das Reiseverhalten der Menschen verändern wird. Von der Klimakrise gar nicht erst angefangen.

An der Börse wird die Zukunft gehandelt, aber ein solcher Börsengang mit einer solchen Nachfrage, mitten in der größten Krise, den die Reisebranche je erlebt hat, sollte zumindest latent zur Vorsicht mahnen. Im Börsenprospekt des Unternehmens heißt es weiter: „Wir werden möglicherweise nie in der Lage sein, Profitabilität zu erreichen.“ Man kann das als Floskel abtun, da eine solche Formulierung üblich ist, wenn Unternehmen an die Börse gehen, die noch keinen Gewinn erwirtschaften. Gleichzeitig darf es auch als Warnung verstanden werden, dass hier in einem aktuell sehr schwierigen Marktumfeld auf eine glorreiche Zukunft gewettet wird.

Das kann aufgehen, muss aber nicht, da es von sehr vielen Faktoren abhängt, die das Unternehmen selbst gar nicht beeinflussen kann. Dazu zählen neben den negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie auch mögliche Regulierungen. In Zeiten der Wohnungsknappheit ist das Sharing-Geschäftsmodell von Airbnb vielen Städten und Gemeinden ein Dorn im Auge, da Wohnungen, die vermietet werden könnten, touristisch genutzt werden. Gleichzeitig führt der Home-Office-Boom und die aktuell zu beobachtende Stadt-Land-Flucht auf der Angebotsseite zu erheblichen Rückgängen. Das verfügbare Angebot an Wohnungen und Häusern ist auf der Plattform von sieben Millionen im Jahr 2019 auf 5,6 Millionen 2020 eingebrochen.

Airbnb muss sich nicht auf Google verlassen

Im Markt selbst ist Airbnb zweifelsohne hervorragend positioniert. Die Größe des Marktes, der Airbnb theoretisch offen steht, liegt den eigenen Angaben nach bei 3,4 Billionen Dollar. Das liegt auch daran, dass Brian Chesky und Joe Gebbia, die Airbnb 2008 gründeten, aus dem Apartmentvermittler in wenigen Jahren eine der wertvollsten globalen Marken überhaupt gemacht haben. Das wiederum hat zur Folge, dass zwei Drittel der Kunden ohne Umweg auf die Plattform kommen. „Ein deutlich höherer Anteil als beim Rest der Branche und damit ein entscheidender Vorteil“, sagt Konstantin Oldenburger vom Online-Broker CMC Markets. Die Reiseplanung beginne fast immer mit der Suche nach Unterkünften, weshalb Google der wertvollste Akteur in der Reisebranche sei. Airbnb schafft es, den Umweg über die größte Suchmaschine der Welt größtenteils zu umgehen. „Als die Buchungen weltweit zusammenbrachen, kürzte Airbnb die Marketingausgaben, dennoch blieben die Suchabfragen weitgehend konstant. Kunden kamen statt über bezahlte Kampagnen direkt zu Airbnb“, erklärt Oldenburger.

Gemeinsam mit dem potenziellen Marktvolumen würde dies die Milliardenbewertung zum Start an der Börse rechtfertigen. Anleger aber sollten bedenken, dass die Gegebenheiten am Finanzmarkt aktuell zu überbewerten Börsengängen einladen. Dass Airbnb jetzt den lange geplanten IPO vollzieht, liegt wohl auch daran, dass es selten Zeiten gab, in denen man so schnell und so einfach Kasse machen konnte.

Oliver Götz

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11.12.2020 | 11:18

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