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Back To The Earth

1,5 Millionen Mitarbeiter beschäftigt Amazon inzwischen. Das kostet Geld. (Foto: Cineberg / Shutterstock)



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Nach Jahren explosiven Erfolgs, droht Amazon auf einmal so etwas wie biedere Normalität. Das große Wachstumsfeuerwerk scheint vorerst abgebrannt und Jeff Bezos hinterlässt mit seinem Rückzug von der Konzernspitze einen tiefen Krater der Unsicherheit. Nachfolger Andy Jassy steht vor Herausforderungen, wie man sie bei Amazon bislang nicht kannte.

Während Jeff Bezos mit seiner Raumfahrtfirma Blue Origin sich selbst und andere ins All fliegt, landet Amazon hart auf dem Boden der Tatsachen. Amazon to the moon, ist jedenfalls nicht mehr, seit Bezos die Konzernführung an Andy Jassy abgegeben hat. Für die Aktie gilt seit längerem eher: back to the earth.

Die Zahlen zum dritten Quartal lassen nun auch den Konzern selbst hart aufschlagen. Aufgrund von Lieferproblemen und stark gestiegenen Kosten für Personal und Logistik stürzte der Gewinn im Vorjahresvergleich um fast 50 Prozent auf 3,2 Milliarden US-Dollar ab. Die Umsätze legten zwar um 15 Prozent auf 110,8 Milliarden US-Dollar zu, das Wachstum fiel aber deutlich geringer aus als in den Vorquartalen.

Im Schlussquartal drohen Milliarden an Zusatzkosten

Dass die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr schlechter ausfallen würden, hatte Amazon bereits im Vorfeld angekündigt und überrascht auch nicht. 2020 war Amazon der große Profiteur vom Pandemie-bedingten Online-Shopping-Boom. Der Einzelhandel fiel aufgrund der Lockdowns als Konkurrenz weg und die globalen Lieferketten waren noch nicht aus den Fugen geraten. Dass der Gewinn nun aber um die Hälfte einbricht, war dann doch eine Überraschung. Hinzu gesellte sich eine für Amazon-Verhältnisse fast schon grauenhafte Prognose. Im Schlussquartal soll dem Online-Riesen zufolge der Umsatz „nur“ bei 130 bis 140 Milliarden Euro liegen. Der Betriebsgewinn könnte sich sogar gänzlich in Luft auflösen, warnte der Konzern. Es drohten Milliarden an Zusatzkosten im Schlussquartal, begründete CEO Jassy.

Amazon investiert hohe Summen in den Ausbau seiner Liefer- und Lagerinfrastruktur und musste zuletzt seine Mitarbeiterzahl stark erhöhen, um der stark gestiegenen Nachfrage in der Pandemie gerecht zu werden. Insgesamt kommt der Konzern nun auf 1,5 Millionen Angestellte und damit 30 Prozent mehr, als noch vor einem Jahr. „Es wird kurzfristig teuer für uns sein, doch es setzt die richtigen Prioritäten für unsere Kunden und Partner“, verteidigte Andy Jassy die hohen Kosten.

Anleger und Analysten enttäuscht


Anleger und Analysten überzeugte das nicht. Der Online-Konzern habe die Erwartungen verfehlt, der Ausblick für das vierte Quartal habe enttäuscht, schrieb UBS-Experte Michael Lasser. Das dritte Quartal habe beim Umsatz und dem operativen Gewinn enttäuscht, gleiches gelte für den Ausblick, meckerte Braclays-Analyst Ross Sandler. Der Online-Handelskonzern stehe vor einer teuren und herausfordernden Weihnachtssaison, prognostizierte JPMorgan Analyst Douglas Anmuth. Diese Liste schwer enttäuschter Experten ließe sich noch ein Weilchen fortsetzen.

Andy Jassy muss die Marke Amazon neu aufpolieren


Nun soll das „Aber“ nicht unter den Tisch fallen. Ein Großteil der Analysten lobt weiterhin hohe Kursziele aus und hält die Amazon-Aktie weiterhin für ein starkes Investment. Dennoch hinterlässt ein Quartalsbericht, wie dieser, seine Spuren. Immer mehr zeigt sich, dass Jeff Bezos mit seinem Rückzug von der Konzernspitze bei Anlegern und Investoren einen tiefen Krater der Unsicherheit hinterlassen hat. Andy Jassy steht nun plötzlich vor Herausforderungen, wie man sie bei Amazon bislang nicht kannte. Er muss dem Konzern neue Wachstumsphantasie einhauchen und die Marke Amazon neu glänzen lassen. Denn unter den erfolgsverwöhnten Amazon-Anlegern herrscht Katerstimmung.

Direkt im Anschluss an die Vorlage des Quartalsberichts rauschte die Aktie um vier Prozent nach unten. Auf Jahressicht liegt sie damit gerade einmal rund fünf Prozent im Plus. Zum Vergleich: die Papiere von Microsoft und Alphabet sind im selben Zeitraum um 60, respektive 75 Prozent, gestiegen.

Microsoft und Alphabet ziehen davon – Shopify wird ernstzunehmender Konkurrent

Amazon, der gefeierte Krisen-Profiteur, ist an der Börse ganz offenbar ins Hintertreffen geraten. Da hilft es auch nicht, dass der Umsatz der Cloud-Sparte AWS im dritten Quartal kräftig, um 39 Prozent, auf 16,1 Milliarden US-Dollar wuchs und gleichzeitig das Werbegeschäft florierte. Hier stiegen die Einnahmen um 49 Prozent auf 8,1 Milliarden US-Dollar.

Bei den hohen Erwartungen und Bewertungen an der Börse, insbesondere im Technologie-Bereich, reicht solide Stärke nicht mehr aus. Von einem Konzern wie Amazon erwarten sich Anleger positive Überraschungen, neue Wachstumsziele und Wachstumsphantasien. Microsoft und Alphabet bieten das. Amazon aktuell nicht. Mit dem Abschied von Jeff Bezos fehlt die Identifikationsfigur und der Visionär. Anleger wissen nicht, was Amazon ihnen in den kommenden Jahren anbietet. Für die großen Ankündigungen sorgen aktuell andere. Im Cloud-Sektor holen Microsoft und Alphabet auf, im Online-Handel wird die Konkurrenz, beispielsweise mit Shopify, auch nicht kleiner.

Amazon und Jassy brauchen dringend einen großen Knall, sonst könnte es an der Börse zu einer längeren Durststrecke kommen. Für langfristig orientierte Anleger ergibt sich damit aber freilich auch eine Einstiegschance.

OG

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03.11.2021 | 15:38

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