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Größtes Fintech der Welt plant IPO in China und düpiert die Wall-Street

Die wichtigste App der Chinesen: Alipay (Foto: Andy Feng / Shutterstock)



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Mit Ant Financial galoppiert das wertvollste Einhorn der Welt womöglich noch in diesem Jahr an die Börse. Allerdings nicht in New York, wie rund 200 chinesische Unternehmen zuvor, sondern gleichzeitig in Hongkong und Shanghai. Das könnte eine Zeitenwende einläuten und die Machtverhältnisse an den Märkten verschieben.

Setzt sich die rasche Erholung an den Märkten fort oder erweisen sich diese zumindest weiterhin und weitgehend als stabil, könnte es noch in diesem Jahr zu einem der größten Börsengänge aller Zeiten kommen. Ant Financial, die international relativ unbekannte Fintech-Tochter des chinesischen Internet-Giganten Alibaba strebt begleitet von den US-Investmentbanken Citigroup, JPMorgan und Morgan Stanley sowie der China International Capital Corporation (CICC) aufs Parkett.

Im vergangenen Jahr wurde die Firma umgerechnet mit rund 200 Milliarden Dollar bewertet. Das entspricht in etwa der aktuellen Marktkapitalisierung von Paypal. Beide teilen sich also den Platz an der Sonne inmitten des globalen Fintech-Universums, das sich immer mehr anschickt die traditionellen Bankhäuser zu verdrängen. Zum Vergleich: Die US-Investmentbank Goldman Sachs wird aktuell mit 75 Milliarden Dollar bewertet, die Deutsche Bank mit 21 Milliarden Euro.

Noch wird spekuliert, wie viele Anteile Ant Financial seinen Anlegern im Falle des IPOs zunächst zur Verfügung stellen wird. Fünf bis zehn Prozent gelten als wahrscheinlich. Das würde für einen neuen Ausgabe-Weltrekord, den seit 2019 der Ölkonzern Saudi-Aramco mit einem Emissionsvolumen von 25,6 Milliarden Dollar hält, nicht ganz reichen. Für den größten Börsengang des Jahres allerdings locker, ebenso für die Alltime-Top-Ten.  

Ant Financial war 2014 im Zuge des Börsengangs der Konzernmutter von Alibaba abgespalten worden, wird aber nach wie vor von Alibaba-Gründer Jack Ma beaufsichtigt. Inzwischen kommt das Unternehmen, das neben Online-Bezahlfunktionen über seine bekannteste App Alipay auch Kredite vergibt, Versicherungen abschließt oder auch Vermögen verwaltet, auf 900 Millionen Nutzer und einen Marktanteil von 55 Prozent in China.   

Listing in China überrascht und könnte Welle in Gang setzen

Dabei sorgt der geplante Mega-IPO gar nicht so sehr deshalb für Aufregung, vielmehr erstaunt die Ankündigung des Unternehmens die New Yorker Börse zu übergehen und stattdessen gleichzeitig ein Listing in Hongkong und Shanghai anzustreben. Bislang war es üblich, dass Chinas Tech-Firmen einen Platz an der New York Stock Exchange (NYSE) anstrebten und darüber hinaus womöglich noch ein Zweit-Listing in Hongkong. Dass Ant Financial nun offenbar einen neuen Weg einschlägt, hat unternehmensspezifische Gründe, ist dazu aber auch ein selbstbewusster und machtvoller Fingerzeig in Richtung der USA. Gerade in diesen Zeiten, in denen sich die wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnisse ohnehin von West nach Ost zu verschieben drohen, ist dies ein weiteres Signal der Stärke Chinas.

Eines, das nicht ohne Folgen bleiben dürfte, steht es womöglich nun auch für den Anfang einer Verschiebung der Finanzmacht gen China. Die Entscheidung der Alibaba-Tochter könnte weitere führende Tech-Unternehmen aus dem Reich der Mitte dazu bewegen in Zukunft vermehrt Kapital auf dem Heimatmarkt aufzunehmen. Das wiederum würde Chinas Finanzmärkte attraktiver machen und weitere Firmen anlocken – und so weiter und sofort. Mit dem an den Nasdaq angelehnten „Star Market“ in Shanghai und den Plänen der Hongkonger Börse einen Technologie-Index aufzusetzen, wird der Nährboden dafür bereitet. „Die innovativen Maßnahmen, die vom Star-Markt und der Hong Kong Stock Exchange umgesetzt wurden, haben globalen Investoren die Türen für den Zugang zu führenden Technologieunternehmen aus den dynamischsten Volkswirtschaften der Welt geöffnet und diesen Unternehmen einen besseren Zugang zu den Kapitalmärkten ermöglicht“, lobte der geschäftsführende Vorsitzende der Ant Group, Eric Jing, die eingeleiteten Schritte.

Ant Financial will Bekanntheit auf dem Heimatmarkt ausnutzen


Ant Financial geht nun vorweg, was zum einen daran liegt, dass ein Listing eines Online-Zahlungsunternehmens im Ausland von vorne herein unwahrscheinlich ist, darf es schließlich nicht von Ausländern kontrolliert werden. Hinzu kommen die Pläne neuer Transparenzregelungen der US-Regierung, was Börsengänge im eigenen Land angeht. Es ist davon auszugehen, dass diese vor allem Unternehmen aus China ein Listing erschweren würden. Zum anderen will man bei dem Fintech seinen Kunden möglichst nahe sein und so seine Bekanntheit auf dem Heimatmarkt mit Blick auf mögliche Investoren ausspielen. Dass wollte ursprünglich auch Alibaba so. Nur ließ das damalige Regelwerk der Hongkonger Börse die Ausgabe von zwei unterschiedlichen Aktientypen,  die dem Konzern mehr Stimmrechte eingebracht hätten als anderen Investoren, nicht zu. Als sich das 2018 änderte, ging Alibaba per Zweit-Listing auch in Hongkong an die Börse.

Dass Ant gleichzeitig sowohl an die Börse in Shanghai als auch die in Hongkong strebt, dürfte wohl politische Gründe haben. Ein IPO in Hongkong liegt auf der Hand, um eine breitere, internationalere Investoren-Schicht anzusprechen. Genauso dürften bereits investierte Geldgeber an einem möglichst offenen und freien Handel interessiert sein. Ein Listing in Shanghai könnte allein als Zeichen des Wohlwollens gegenüber Chinas Führung gewertet werden.

Wall-Street bald ganz ohne chinesische Konzerne?


An der Wall Street jedenfalls dürfte die Angst umgehen, dass in Zukunft weitere chinesische Firmen, vor allem die großen Tech-Unternehmen, Ants Beispiel folgen. Oder sich bereits in den USA gelistete Konzerne, wie neben Alibaba unter anderem auch die Internetriesen Baidu und JD.COM, auf Dauer zurückziehen. Der chinesische Aktienmarkt hingegen würde in diesem Fall  an Attraktivität gewinnen und international noch mehr Aufsehen generieren.

OG

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28.07.2020 | 12:46

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