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SAP: Es droht Stillstand

(Foto: Picture Alliance_dpa / Uwe Anspach)



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Deutschlands größter Softwarekonzern kommt nicht aus dem Quark. Wieder einmal enttäuschen die Quartalszahlen. Die neue Strategie von Vorstandschef Christian Klein fruchtet nicht, wie sie soll. Er selbst bleibt umstritten. Die Aktie fällt.

Es sind keine schlechten Zahlen, die SAP unter der Woche vorgelegt hat. In einem herausfordernden Umfeld sind sie solide. Die Umsätze stiegen im zweiten Quartal um fünf Prozent auf 7,52 Milliarden Euro. Das war sogar mehr, als von Analysten mit 7,32 Milliarden Euro durchschnittlich erwartet. Das um Sondereffekte bereinigte Ebit fiel zwar um 13 Prozent auf 1,68 Milliarden Euro, was jedoch vordergründig an außergewöhnlichen Belastungen aus Geschäftsaufgaben in Russland und Belarus lag. Unter dem Strich hingegen reduzierte sich das Ergebnis deutlich, um 86 Prozent auf 203 Millionen Euro. Auch hier lässt sich der Einbruch aber vor allem mit Beteiligungen an Start-Ups erklären, die von April bis Juni weit weniger erfolgreich waren, als noch im Vergleichszeitraum 2021. Die Schwäche der Tech-Werte lässt grüßen.

Für einen Softwarekonzern fehlt die Wachstumsperspektive


Zahlen, die keine Jubelstürme auslösen, die aber auch nicht wider der Erwartungen besorgniserregend schlecht ausgefallen sind. Das Problem: Für einen Softwarekonzern reicht das nicht. SAP ist kein Start-Up mehr und auch kein junger Player mit explosivem Wachstum, dennoch erwarten Anleger von Europas größtem Softwarekonzern mehr Innovation, mehr Ehrgeiz, mehr Wachstumsphantasie. Tech-Aktien mögen aufgrund von Inflation und Zinswende aktuell einen schweren Stand an der Börse haben, alles in allem aber sprechen fast alle Trends noch immer für den Sektor. Digitalisierung und Automatisierung schreiten unaufhaltsam voran, die Entwicklungspotenziale bleiben riesig. Umso schwerer wiegt da, dass SAP diesbezüglich seit Jahren nicht aus dem Quark kommt. Das schlägt sich nun zunehmend auch in den Ergebnissen nieder, die eben nur noch gut sind und nur wenig Lust auf die Zukunft machen. Das begann bereits im Herbst 2020, als mitten in der beispiellosen Erfolgsrally der Tech-Firmen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, SAP plötzlich die Prognose kürzte. Die Aktie krachte um fast 30 Prozent nach unten. Anschließend erholten sich die Papiere, jetzt stehen sie jedoch mit 87 Euro noch tiefer. Letztmals kosteten SAP-Aktien 2018 so wenig. Sogar auf Fünfjahressicht steht inzwischen ein Minus. Zum Vergleich: Die Papiere von Hauptkonkurrent Salesforce – in den vergangenen Monaten erheblich abverkauft, stehen im selben Zeitraum mit 130 Prozent im Plus.

Mehr als die eigentlichen Zahlen, fällt deshalb auch bei der aktuellen Ergebnisvorlage die erneute Prognosekürzung ins Auge. Für das Gesamtjahr nämlich rechnet SAP nun nur noch mit einem Ergebnis von 7,6 bis 7,9 Milliarden Euro, statt der bisher veranschlagten 7,8 bis 8,25 Milliarden Euro. Nun liegt auch das in weiten Teilen an Geschäftsverlusten in Russland, Belarus und der Ukraine, es gibt jedoch auch kein anderweitiges Wachstum, dass dies ausgleichen könnte.

Vorsicht vor dem Industrie-Konzern-Image

SAP kommt derzeit ein wenig wie ein verstaubter Industriekonzern daher, der damit beschäftigt ist sein gegenwärtiges Niveau zu halten, kaum noch Wachstumsziele ausgibt und versucht mit Dividenden und Aktienrückkäufen Anleger zu besänftigen. Hier nämlich bleibt SAP weiter auf dem Gaspedal. Nach 1,5 Milliarden Euro 2020 und rund einer Milliarde Euro 2021, will der Konzern auch 2022 Aktien für 500 Millionen Euro zurückkaufen. Die Dividendenrendite liegt aktuell bei 2,3 Prozent. Für einen Software-Konzern ist das hoch.

Auch intern läuft offenbar wenig nach Plan. Christian Klein, seit Oktober 2019 an der Spitze der Walldorfer, stößt mit seinem Führungsstil auf Widerstand. Das berichtete das Manager Magazin. Dazu passt, dass immer mehr Führungskräfte das Unternehmen verlassen. Gerade im schnelllebigen Software-Geschäft ist das ein Problem. Führende Konzerne überbieten sich derzeit mit Gehältern und sonstigen Leistungen, um die besten Köpfe in ihre Reihen zu bekommen. Dass SAP dabei offenbar das Nachsehen hat, ist kein gutes Zeichen.

Ein bisschen Cloud, sonst viel Stillstand

Immerhin kann Klein Erfolge im Cloud-Geschäft vorweisen. Der Sektor bleibt der Lichtblick im Konzern. Hier stiegen die Umsätze im abgelaufenen Quartal um 34 Prozent auf 3,1 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand kletterte ebenfalls beträchtlich und kommt nun auf ein Volumen von 10,4 Milliarden Euro. „Unsere Umstellung auf das Cloudgeschäft verläuft schneller als geplant und wir haben die Umsatzerwartungen übertroffen", so Firmenchef Klein. Die Clouderlöse seien nun zum größten Umsatzstrom geworden.

Klein muss das sagen. Anlegern hingegen verläuft der Wandel immer noch zu langsam. Die Abkehr vom Lizenzgeschäft hin zum Cloud-Geschäft war überfällig. Klein hat sie eingeläutet, doch die Konkurrenz um Salesforce war früher dran und enteilt zunehmend. Überdies erscheint bezeichnend, dass es diese deutlich verspätete Umstellung, die einigermaßen erfolgreich über die Bühne geht, ist, die Klein und SAP als den einzigen, großen Erfolg verkaufen können. Wo sind die Ideen für die Zukunft? Wo sind die vielversprechenden Entwicklungen? Wo sind die Aussichten auf neue Geschäftsbereiche?

Der Eindruck mag täuschen, aber vieles sieht bei SAP nach Stillstand aus. Die Aktie kann deshalb dennoch ein Investment wert sein. Schließlich bietet sie eine solide Dividende und aktuell ein günstiges Einstiegsniveau. Das sieht auch die Mehrheit der Analysten so, die im Schnitt ein Kursziel von 116 Euro anvisieren. Gemessen am aktuellen Kurs entspricht das einem Aufwärtspotenzial von rund 30 Prozent. Große Sprünge sind von der Aktie aber wohl erst einmal nicht zu erwarten. Der Konzern scheint schlicht zu sehr mit seiner Vergangenheit und zu wenig mit der Zukunft beschäftigt.

OG

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21.07.2022 | 13:54

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