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Siemens-Aktie: jetzt noch einsteigen?

Mit Siemens auf Kurs: CEO Roland Busch. (Foto: Picture alliance_DPA_Sven Hoppe)



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Siemens überrascht mit einem starken vierten Geschäftsquartal und prall gefüllten Auftragsbüchern. Entsprechend optimistisch blickt der Konzern nach vorn. Auch die Dividende soll steigen. Sind die Papiere ein Kauf?

Als letzter Dax-Konzern hat Siemens vergangene Woche seine Quartalszahlen veröffentlicht und der Herbst-Rally in Deutschlands Leitindex noch einmal einen Schub gegeben. In der Spitze ging es für die Aktie der deutschen Industrieikone um über sieben Prozent nach oben, mit derart starken Zahlen hatten weder Anleger noch Analysten gerechnet. Der Konzern haben „die Erwartungen in jeglicher Hinsicht übertroffen“, schrieb UBS-Experte Guillermo Peigneux Lojo. Heißt in Zahlen: Ein Umsatzplus von 18 Prozent auf 20,6 Milliarden Euro, ein mit 2,9 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoher Gewinn nach Steuern als im Vorjahr (1,3 Milliarden Euro) und ein um 14 Prozent angestiegener Auftragseingang im Wert von 21,8 Milliarden Euro. Für Siemens waren es bereits die Zahlen zum vierten Geschäftsquartal, womit die Münchner auch die Zahlen fürs Gesamtjahr nochmal kräftig aufpolierten. Der Konzernumsatz stieg auf vergleichbarer Basis um acht Prozent auf 72 Milliarden Euro. Der Nettogewinn sank zwar von 6,7 Milliarden Euro im Vorjahr auf nunmehr 4,4 Milliarden, dieser Rückgang sei jedoch hauptsächlich auf die nicht zahlungswirksame Wertminderung der Beteiligung an Siemens Energy in Höhe von 2,7 Milliarden Euro im dritten Quartal zurückzuführen, heiß es in einer Pressemitteilung. Siemens hält an Siemens Energy noch 35 Prozent. Das Unternehmen kämpft mit schweren Verlusten im Windenergiegeschäft und kappte zuletzt mehrmals die Prognosen. Die Wertminderung herausgerechnet legte das Ergebnis je Siemens-Aktie sogar zu, von 8,32 auf 8,84 Euro.

Aus Industrie- wird Digitalkonzern


Die Geschäfte bei Siemens laufen rund. In der Industriesparte stieg das Ergebnis über das Geschäftsjahr um 17 Prozent auf 10,3 Milliarden Euro. Analysten hatten im Schnitt mit 9,9 Milliarden Euro gerechnet. Das wichtige, weil besonders zukunftsfähige digitale Geschäft, wuchs ebenfalls deutlich. Mit einem Umsatzplus von 15 Prozent auf 6,5 Milliarden Euro übertraf Siemens das selbst gesteckte Ziele von zehn Prozent Wachstum pro Jahr. Für das nun laufende, neue Geschäftsjahr erwartet Vorstandschef Roland Busch rund 13 Prozent Wachstum. Insgesamt rechnet er mit einem Umsatzanstieg von sechs bis neun Prozent. Das bereinigte Ergebnis je Aktie soll auf 9,20 Euro steigen. „Die hohe Nachfrage nach unseren Hardware- und Software-Angeboten hält an“, so Busch.

Für Siemens wird das digitale Geschäft immer bedeutender. Dass es der Konzern hier geschafft hat, sich gut am Markt zu positionieren, honorieren Anleger besonders. Schließlich ist es ein Zeichen dafür, dass es Siemens immer wieder schafft sich neu zu erfinden, über starke Innovationskraft verfügt und zunehmend vom Industrie- zum Digitalkonzern wird. Der Fokus auf Digitalisierungs-, Ressourceneffizienz- und Dekarbonisierungslösungen erweise sich zunehemnd als erfolgreich, bewertetet auch Deutsche Bank-Analyst Gael de-Bray die Siements-Entwicklung positiv. Der Übergang hin zu Cloud-Software-Lösungen sei überdies gut gestaltet, lobte der Experte. Die Aktie hält de-Bray deshalb für „deutlich unterbewertet“. Sein Kursziel setzt er bei 155 Euro. Aktuell steht die Aktie bei rund 130 Euro. Vor Russlands Einmarsch in die Ukraine hatten die die Titel noch 158 Euro gekostet, zwischenzeitlich waren sie in der Folge dann auf 93,60 Euro abgesackt. Vor dem Hintergrund einer insgesamt wieder besseren Stimmung an den Märkten und der überraschend guten Prognose, könnte die Aktie ihr Rekordhoch von Anfang des Jahres nun wieder in Angriff nehmen. Der Geschäftsbericht sei „in allen Aspekten stark“ gewesen, urteilt Jefferies-Analyst Simon Toenessen. Der optimistische Ausblick auf das Automatisierungsgeschäft widerspreche zudem den Sorgen vor einem Abschwung.

Fokus auf Digital-Geschäft könnte zu neuer Bewertung an der Börse führen

Tatsächlich ist die Geschäftsentwicklung bei Siemens eine Art Gradmesser für die deutsche Wirtschaft. Die vollen Auftragsbücher bei den Münchner deuten daraufhin, dass die erwartete Rezession weniger schlimm werden könnte, als zunächst befürchtet.

Siemens selbst arbeitet über den Geschäftsbericht hinaus weiter an der Attraktivität seiner Aktie. Die Dividende soll um 25 Cent auf 4,25 Euro je Anteilsschein angehoben und der laufende Aktienrückkauf beschleunigt werden.

Konzernchef Busch plant zudem die nächste große Spartenausgliederung und treibt damit die Verschlankung von Siemens voran. Large Drive Applications mit Tochter Sykatec, die Weiss Spindeltechnologie und das Niederspannungs- und Getriebemotorengeschäft soll gemeinsam abgespalten werden. „Damit schaffen wir einen starken Global Player, der einen Markt von mehr als 20 Milliarden Euro für Elektrifizierung und Stromumwandlung adressiert“, begründet Busch den Schritt. Für Siemens-Anleger wohl eher entscheidend: Der Mutterkonzern spezialisiert sich so immer weiter auf die Digitalisierung und Automatisierung von Fabriken. Und in diesem Bereich herrscht die größte Wachstumsphantasie.

Fazit

Siemens ist auf Wachstumskurs, die Ergebnisse stimmen, der Ausblick ist aufgrund der schwierigen wirtschaftliche Lage imposant. Letztere bleibt jedoch weiterhin das Damoklesschwert über der exportabhängigen deutschen Industrie. Nach dem jüngsten Anstieg ist die Aktie der Münchner – die Risiken berücksichtigend – also nicht mehr zwingend günstig. Das erwartete KGV für 2023 liegt bei 15,8. Gleichzeitig lockt die Dividendenpolitik und ein in unsicheren Zeiten wirtschaftlich gesunder Konzern mit überzeugendem Geschäftsmodell. Kurzum: Die Siemens-Aktie ist mindestens ein solides Value-Investment.

OG

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25.11.2022 | 11:22

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