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Wachstums-Power aus der zweiten Reihe

Deutschlands Nebenwerte rocken den Börsensommer. (Foto: iQoncept / Shutterstock)



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Während die Kurse vieler Dax-Konzerne ihr Limit erreichen und seitwärts laufen, startet die kleinere Konkurrenz aus dem MDax durch. Bei vielen deutschen Nebenwerten treffen vielversprechende Wachstumsaussichten auf starke Marktpositionen. Zudem haben einige Werte noch Aufholpotenzial.

Es reicht ein schneller Blick auf die Drei-Monats-Perfomance der beiden bedeutendsten deutschen Börsen-Indizes, um festzustellen, dass der kleine Bruder dem großen gerade beginnt davonzulaufen. Innerhalb von zwölf Wochen hat der MDax knapp elf Prozent an Wert zugelegt. Der Dax schaffte im selben Zeitraum nur fünf Prozent, also weniger als die Hälfte. Ausgehend von Mitte Mai haben Deutschlands Nebenwerte den Kursturbo gezündet, während im Dax bei vielen Titeln die Luft raus zu sein scheint.

Was zunächst erstaunen mag, ist bei genauerem Hinsehen nicht besonders überraschend. Die Erholungsrally nach dem Coronacrash im vergangenen Jahr ist inzwischen größtenteils abgehakt, das Wachstum ist zurückgekehrt und wieder eingepreist. Der Weltwirtschaftsaufschwung kommt an seine Grenzen, das Sommerloch lähmt. Alles in allem kehrt so etwas wie Normalität an den Börsen ein. Der Dow Jones hat in den vergangenen drei Monaten sogar nur knapp zwei Prozent an Wert gewonnen, der S&P 500 immerhin knapp sechs Prozent. Hinzu kommt, dass wieder mehr Geld in Tech-Werte fließt. Der kurze Value-Aufschwung, der von Herbst bis ins Frühjahr hinein die Börsen dominierte, scheint vorerst beendet. Der Nasdaq100 hat in den vergangenen drei Monaten etwas über elf Prozent zugelegt.

Selbst an diese Fabelleistung kommt Deutschlands Nebenwerte-Index aber fast heran. Der MDax profitiert davon, dass viele Anleger das Stock-Picking wieder lieben lernen. Jetzt, da sich die Börsen insgesamt ein Urlaubspäuschen zu gönnen scheinen und die Kurse bereits hoch stehen, schrecken Investoren vor Investments in den Gesamtmarkt zurück. Zu groß scheint das Risiko deutlicher Rücksetzer noch im August, einem historisch betrachtet tendenziell schwachen Börsenmonat. Im MDax befinden sich hingegen eine Reihe von Unternehmen, die weniger mit dem Gesamtmarkt gehen, als die Größen in Deutschlands Leitindex. Und aktuell gehen einige von Ihnen dank starker Zahlen in eine positive Richtung.

Bechtle und Cancom zurück in der Spur

Bechtle und Cancom beispielsweise, die beiden größten deutschen IT-Dienstleister scheinen ihre Schwächephase an der Börse überwunden. Die Cancom-Aktie stieg unter der Woche auf ein neues Rekordhoch in Höhe von 57,40 Euro. Die Münchner profitieren vom Verkauf ihres UK- und Irland-Geschäftes für 400 Millionen Euro. Analysten loben den erzielten Preis und die nun stärkere Konzentrierung auf die verbliebenen Märkte. Ebenso dürften Investoren auf starke Quartalszahlen setzen, die das Unternehmen in der kommenden möglicherweise vorlegen kann. Bei Konkurrent Bechtle laufen die Geschäfte jedenfalls rund. Nach vorläufigen Zahlen konnte der IT-Spezialist aus Neckarsulm sein Vorsteuerergebnis im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent auf über 80 Millionen Euro steigern. Gleichzeitig erhöhte das Management die Prognose. Laut Mitteilung soll das Vorsteuerergebnis nun sehr deutlich, anstatt bisher deutlich, steigen. Sowohl für Bechtle als auch Cancom sind die langfristigen Aussichten gut. Die Nachfrage nach IT-Dienstleistungen steigt und beide generieren über Abo-Modelle wiederkehrende Umsätze. Nach Schwächephasen im vergangenen Jahr und zu Beginn des laufenden Jahres, könnten die Kurse zudem noch Aufholpotenzial haben. Die Analysten sind im Schnitt sehr optimistisch. Weder bei Cancom, noch bei Bechtle, rät einer der Experten zum Verkauf. Neben einigen Halt-Empfehlungen, rät die Mehrheit zum Kauf.

Compogroup-Aktie gibt wieder Gas

Zurück in die Erfolgsspur hat nach sehr guten Quartalsergebnissen auch die Aktie der Compogroup gefunden. Der Anbieter von Software für Krankenhäuser und Arztpraxen konnte den Umsatz um ein Drittel auf 240,8 Millionen Euro steigern, das Nettoergebnis verbesserte sich um 17,2 Prozent auf 17,2 Millionen Euro. Die Aktie sprang nach Bekanntgabe der Zahlen um acht Prozent nach oben. Damit könnte die zwischenzeitliche Talfahrt in den ersten Monaten des Jahres beendet sein. Langfristig befindet sich die Aktie klar im Aufwärtstrend. Die Compogroup profitiert stark von der Digitalisierung im Gesundheitssektor gehört europaweit zu den führenden Anbietern. Deutsche Bank-Analyst Uwe Schupp sieht das Unternehmen sogar auf dem Weg „eines der größten deutschen Softwareunternehmen zu werden“. Gewaltige Vorschusslorbeeren, die sich erst noch zu verdienen sind. Der Trend aber spricht für die Compogroup. Der Kurs hinkt seinem im Januar aufgestellten Rekordhoch von 84 Euro noch hinterher, Anleger könnte die Lücke als Einstiegschance nutzen.

Medizintechnik boomt

Neben der Compogroup, sind auch die Aktien des Laborausrüsters Sartorius und der Medizintechnik-Unternehmen Siemens Healthineers sowie Carl Zeiss Meditec bei Anlegern gefragt. Nicht erst seit heute, doch besonders in den vergangenen drei Monaten gab es bei diesen drei Aktien noch einmal einen ordentlichen Kursschub. Alle notieren aktuell auf Rekordhoch und haben im genannten Zeitraum knapp 20 Prozent (Siemens Healthineers und Sartorius) sowie 32 Prozent (Carl Zeiss Meditec) zugelegt. Die drei Spezialisten profitieren von einer starken Nachfrage ihrer Produkte, wohl aber auch von einer möglichen Aufnahme in den Dax40 ab September. Da die Nachfrage nach moderner Medizintechnik in Zukunft wohl noch weiter steigen wird, sind die Renditechancen trotz bereits hoch stehender Kurse weiter gegeben.

Aixtron auf Zehnjahreshoch

Dazu wird es für die Titel von Nemetschek und Aixtron eher nicht reichen. Auch die Aktien des Bausoftware-Anbieters und des Elektrotechnikunternehmens befinden sich aktuell aber in Kletterlaune. Bei Aixtron treibt die hohe Nachfrage nach Halbleitern der Kurs. Das Unternehmen aus Herzogenrath stellt Maschinen für speziellen Verbindungshalbleitern her. Insgesamt hat der Anlagenauftragsbestand nach Unternehmensangaben zum Ende des zweiten Quartals mit 295 Millionen Euro das höchste Niveau der vergangenen Jahrzehnts erreicht. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal um mehr als 30 Prozent auf 67,7 Millionen Euro. In den letzten drei Monaten kletterte Kurs entsprechend um fast 40 Prozent und steht damit so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Nemetschek steigert Gewinn um mehr als die Hälfte

Nemetschek profitiert weiterhin von der Digitalisierung in der Baubranche. Die Nachfrage nach der Software der Münchner ist weiter ungebrochen. Der Überschuss stieg im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 56,9 Prozent auf 33,1 Millionen Euro. Der Umsatz wuchs um 17,2 Prozent auf 165,9 Millionen Euro. Die Einnahmen stiegen über alle Sparten hinweg. Die Aktie ist seit Jahren einer der deutschen Top-Performer. Auf Zehnjahressicht steht ein Plus von über 3.000 Prozent zu Buche. Nach einem verhaltenen Jahr 2020, erklimmt die Aktie nun neue Höhen. In den vergangenen drei Monaten kletterte der Kurs um knapp 32 Prozent auf ein Rekordhoch von nun knapp 78 Euro. Damit ist die Aktie hoch bewertet, der Digitalisierungstrend wird sich aber auch in der Baubranche weiter fortsetzen. Nemetschek hat hier gute Karten Ansprechpartner Nummer Eins zu bleiben. Über Abomodelle bindet man die Kunden zudem langfristig.

Was alle aufgelisteten Unternehmen eint, ist ihre starke Marktposition in ausgewählten Nischen, deren beste Freunde wiederum viele langfristige Trends sind. Gerade mit Blick auf solche Wachstumsfelder hat Deutschlands Leitindex massive Schwächen. Der MDax ist für Anleger in Deutschland deshalb relevanter, als so mancher vielleicht denkt. Wachstumsstars finden sich aktuell vor allem in Deutschlands zweiter Reihe.

Oliver Götz

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05.08.2021 | 15:47

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