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Wirecard: Ist jetzt der richtige Zeitpunkt zum Einstieg?

Die Wirecard-Aktie steigt wieder. (Foto: Wirecard AG)


Der Zahlungsdienstleister aus Aschheim wächst weiter rasant. Und erhöht mal wieder die Prognose. Nach einem chaotischen Jahresbeginn, findet die Aktie so zurück in die Spur, ist mit einem Bewertungsabschlag von 35 bis 40 Prozent zum Sektor aber noch vergleichsweise günstig.

Wie es so ist, als Dax-Mitglied im großen Börsenrampenlicht zu stehen, das hat Wirecard seit seinem Aufstieg in Deutschlands Leitindex im vergangenen September Monat um Monat neu erfahren. Größtenteils auf ziemlich schmerzhafte Art und Weise. Erst als große Tech-Hoffnung und neuer deutscher Finanz-Star gefeiert – immerhin verdrängte Wirecard die Commerzbank aus dem Dax und überholte die Deutsche Bank in Sachen Börsenwert – ging es für den eigenen Aktienkurs im Zuge globaler Marktturbulenzen zum Ende des vergangenen Jahres hin gleich mal ein ganzes Stück weit in die verkehrte Richtung. Als dann Ende Januar die Financial Times eine ganze Artikelserie aufbot, die nahelegte, dass sich die Aschheimer in Asien in einen Bilanzskandal verwickelt haben könnten, knickte die Aktie erst recht ein. Um 25 Prozent an nur einem Tag. Insgesamt verlor das Papier ausgehend von seinem Rekordhoch im September bei knapp 196 Euro 50 Prozent an Wert und kostete Mitte Februar nur noch zirka 97 Euro. Ein ziemlich jähes Ende einer der bis dahin größten Erfolgsstorys der deutschen Börsengeschichte.

Nimmt die Erfolgsstory wieder Fahrt auf?

Wie die die letzten Monate jedoch zeigen, nur ein vorläufiges. Inzwischen ist die Wirecard-Aktie nämlich wieder rund 154 Euro wert, hat damit ausgehend von ihrem Februar-Tief 60 Prozent an Wert zulegen können. Großen Anteil daran hat ein imposanter Lauf seit Anfang April, in dessen Zuge es für die Titel des Bezahldienstleisters um 41 Prozent nach oben ging.

Grund dafür sind zum einen starke Zahlen zum ersten Quartal 2019, die beweisen, dass Wirecards Kundschaft offenbar wenig beeindruckt ist von den Bilanz-Vorwürfen, welche die Deutschen bislang auch stets und vehement zurückgewiesen haben. Zum anderen strategische Entscheidungen, die bei Anlegern wie Analysten – wie es scheint – honoriert werden. Und dann ist da natürlich auch noch die abermalige Anhebung der eigenen Jahresprognose. Das freilich kommt unter Börsianern immer gut an.
So plant Wirecard-Vorstandschef Markus Braun für 2019 nun mit einem Vorsteuergewinn irgendwo zwischen 760 und 810 Millionen Euro. Zuvor hatte er eine Spanne von 740 bis 800 Millionen Euro als Ziel genannt. Überraschend starke Monate zum Jahresbeginn, lassen ihn und sein Unternehmen nun aber – logisch – positiver in die Zukunft blicken. So stieg der Umsatz im ersten Quartal um 35 Prozent auf 566,7 Millionen Euro, während das operative Ergebnis um 41 Prozent auf 158 Millionen Euro zulegte. Der Reingewinn lag mit 106 Millionen Euro sogar um 50 Prozent höher als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Große Wachstumsphantasie

Zukäufe und Partnerschaften halten darüber hinaus Wachstumspotenzial wie Wachstumsphantasie am Leben. Allein durch die Zusammenarbeit mit dem japanischen Tech-Investor Softbank erwartet sich Wirecard auf Fünfjahressicht zusätzliche Gewinne zwischen 209 und 273 Millionen Euro. Zudem sind die Bayern gemeinsam mit dem indischen Staatsunternehmen UTI Infrastructure Technology and Services Limited an der Digitalisierung von Zahlungsprozessen in dem nach China einwohnerreichsten Land der Erde beteiligt.

Das global weiterhin stark zunehmende E-Commerce-Geschäft lässt Umsätze und Gewinne in der Bezahldienstleisterbranche ohnehin stetig ansteigen. Davon profitieren zwar alle Unternehmen des Sektors, aber eben auch Wirecard. Und deren Geschäfte „entwickeln sich in der wettbewerbsintensiven Branche sehr gut“, schreibt Nooshin Nejati, Analystin bei der Deutschen Bank. Das Unternehmen treibe seine Expansion in Richtung Großkunden erfolgreich voran, durchdringe gleichzeitig aber auch seine Kundenbasis mit Blick auf die Finanzwirtschaft und den Handel mit Zusatzleistungen immer stärker. Dies, so Nejati weiter, sollte nicht nur zu weiterem Wachstum führen, sondern auch die Kundenbindung fördern. Partnerschaften, Produktinnovationen, Zukäufe und die geographische Expansion, hätten die Geschäftsdynamik bereits im vergangenen Jahr beschleunigt. Nejati rechnet so mit einem Ergebniswachstum im mittleren 30-Prozent-Bereich bis 2021 und bei einem Kursziel von 200 Euro mit einem Kurspotenzial von etwas über 40 Prozent. Die Glaubwürdigkeitsbedenken mit Blick auf die Untersuchungen in Singapur sollten sich derweil zerstreuen, so die Expertin.

Analysten: 200 Euro Kursziel im Schnitt

Mit ihrem Kursziel liegt Nejati genau im Analystendurchschnitt. Experten wie Alexandre Faure von Exane BNP Paribas oder Robin Brass von Hauck & Aufhäuser setzen ihre Erwartungen mit 265 und 240 Euro sogar noch deutlich höher an. Auch Baader Bank-Analyst Knut Woller sieht den Kurs der Aktie langfristig bei 230 Euro. Das Papier verdiene eine höhere Bewertung als 2018, schrieb er.  
Nach den herben Kurseinbußen durch die Financial-Times-Gerüchte könnte so nun tatsächlich der Zeitpunkt für einen (Wieder-)Einstieg gekommen sein. Die Bezahldienstleister-Branche boomt und Wirecard ist einer der führenden Innovatoren. Freilich war die Aktie nie günstig und ist es nach der jüngsten Erholung erst recht nicht mehr. Das für 2019 erwartete KGV liegt mit 33,5 im DAX-Vergleich hoch. Doch mit Blick auf die Konkurrenz wird die Wirecard-Aktie mit einem Bewertungsabschlag von 35-40 Prozent gehandelt. Das macht sie innerhalb des Sektors doch wieder günstig. So lange die Gerüchte um Unregelmäßigkeiten in der Bilanz aber nicht vollständig aus der Welt sind, dürfte der Kursverlauf ein volatiler bleiben. Womöglich nun aber mit besseren Chancen, insgesamt und längerfristig wieder in einen Aufwärtstrend zurückzukehren.

OG

23.05.2019 | 10:34

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