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Die Büchse der Pandora oder des Kaisers neue Kleider

Sieht denn niemand, dass der Kaiser nackt ist? Eine Schlüsselfrage, die den Internetboom und den Neuen Markt anno 1999/2000 verständlich werden lässt. Denn wie im berühmten Märchen zerfällt das Trugbild erst, wenn die ungehörige, unangenehme Frage gestellt wird. Bis dahin glaubt man an das, was einem erzählt wird – statt seinen Augen zu trauen.

BÖRSE am Sonntag

Sieht denn niemand, dass der Kaiser nackt ist? Eine Schlüsselfrage, die den Internetboom und den Neuen Markt anno 1999/2000 verständlich werden lässt. Denn wie im berühmten Märchen zerfällt das Trugbild erst, wenn die ungehörige, unangenehme Frage gestellt wird. Bis dahin glaubt man an das, was einem erzählt wird – statt seinen Augen zu trauen.

Pandora, in der griechischen Mythologie die Allbeschenkte, bringt erheblichen Liebreiz mit sich – allerdings auch ein Gefäß mit allen Übeln dieser Welt, auf die sie allerdings einen Deckel hält – bis er abgehoben wird und das Böse in die Welt kommt. Warum sich ein amerikanischer Internet-Radiodienst danach benannt hat, ist rätselhaft, genauso wie die Börsenkursentwicklung des Unternehmens, das Verluste in Millionenhöhe einfährt, nach dem Börsengang am Mittwoch nun aber mit Milliarden bewertet wurde. Geisterhafte Zahlen kamen da zum Tragen: Ursprünglich wollten die Initiatoren zwischen 6 und 9 Dollar pro Aktie. Nach dem rauschhaften Anstieg der Nachfrage wurde der Emissionspreis immer weiter gesteigert und die Papiere fanden zu 16 Dollar reißenden Absatz. Man stelle sich vor: Ein VW kommt neu auf den Markt, der Hersteller will 15.000 Euro für das Auto – da das Interesse groß ist, nimmt er plötzlich 25.000. Ja wie denn? Was ist das Fahrzeug denn nun wert? Im Falle Pandoras ist das eine unmögliche Frage, denn der Preis ging hoch bis auf 28 Dollar pro Aktie, um dann auf 13 Dollar abzustürzen. Zwischendurch war Pandora an der Börse über 4 Mrd. Dollar wert und wurde mit dem 20-Fachen des Umsatzes gehandelt, mangels Gewinn ist das KGV ja nicht von dieser Welt und mathematisch nicht zu ermitteln. Es ist schon so, wie es zu den fiesesten Zeiten des Neuen Marktes war: Die Alteigentümer stopfen sich die Taschen voll, indem sie von Fantasie raunen, von den unermesslichen Weiten des World Wide Web und den darin zu findenden neuen Planeten und strahlenden Sternen. Von schwarzen Löchern sprechen sie nicht. Die wird der euphorisierte Anleger erst bemerken, wenn sie sein Investment aufgesaugt haben. Wer nun bei Pandora, dem simplen Radiodienst zum Preis einer etablierten Fluglinie, nicht zum Zuge gekommen ist, hat demnächst weitere Chancen auf hysterische Kursbewegungen: Groupon, ein Rabattvermittler im Internet, der Gutscheine anbietet für Dienstleistungen, die je nach Publikumsinteresse einen preisgünstigen Deal ermöglichen, will ebenfalls an die Börse. Und bei facebook haben sich Anleger schon halb privat engagieren können, nachdem Goldman Sachs einen Anteil übernommen hatte und teilweise an betuchte Privatanleger weiterveräußerte. facebook soll 100 Mrd. Dollar auf die Waage bringen – ein echter Hoffnungswert also. Wenn die Eigentümer nicht die Publizitätspflichten der Börse scheuen würden (warum eigentlich?), wären sie längst da. Und zweifelhafte Praktiken des Unternehmens (Datenschutz oder vielmehr das Fehlen desselben) schrecken echte Zocker auch nicht ab. Wenn das böse Ende dann auch nur diese treffen würde – kein Problem. Der Crash des Neuen Marktes riss aber ganz seriöse DAX-Werte mit in den Keller und er beschädigte die Aktienkultur auf Jahre. Das ist das eigentliche Problem.