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Würger von Wolfsburg

VW hat es geschafft, seinen Aufsichtsrat mit einem Chef auszustatten. Zwar gegen alle Regeln der Corporate Governance, und mit einem belasteten Kandidaten, aber immerhin zieht jetzt nicht mehr ein Gewerkschafter am Kopfende die Strippen – oder war das vielleicht sogar am Ende nicht das Schlechteste?

BÖRSE am Sonntag

VW hat es geschafft, seinen Aufsichtsrat mit einem Chef auszustatten. Zwar gegen alle Regeln der Corporate Governance, und mit einem belasteten Kandidaten, aber immerhin zieht jetzt nicht mehr ein Gewerkschafter am Kopfende die Strippen – oder war das vielleicht sogar am Ende nicht das Schlechteste? Bei Volkswagen ist ja so manches anders als sonstwo.Und das soll anscheinend auch so bleiben, obwohl die Nachrichtenlage mehr hergäbe als nur die „schonungslose“ – was sonst – Aufklärung der technischen und strafrechtlichen Vorkommnisse im Ingenieursbüro mit angeschlossener Softwareabteilung. Bei letzterem Vorhaben ist die Staatsanwaltschaft Braunschweig gern behilflich, auch wenn sie hin und wieder ein paar Namen und Fakten durcheinanderbringt, wie etwa den eines Beschuldigten oder nicht Beschuldigten. Was soll’s, die Staatsanwaltschaft hat sich wahrscheinlich auf ihre Software verlassen, da passiert schon mal was Unerwünschtes. Die vielfältig verantwortliche Hardware auf zwei Beinen wird nun unter die Lupe genommen – was auch auf den neuen AR-Vorsitzenden Hans Dieter Pötsch zutrifft, der bis vor wenigen Tagen Finanzvorstand war. Aber wenn ein auch schon bisher verantwortlicher Manager wie Matthias Müller Vorstandschef werden kann, dann ist das ja konsequent – nur was das Gerede vom Neuanfang und Kulturwandel soll, fragt man sich hier ebenso wie schon zuvor bei der Deutschen Bank. Immerhin hat Müller schon mal angekündigt, dass alles sehr teuer wird und man sparen muss – was ironischerweise gleich die Zulieferer auf den Plan rief, denn die fürchten nun die Daumenschrauben: Einsparungen im Einkauf heißt die unverdächtige Formel, die allen verdächtig bekannt vorkommt. Chef der Einkäufer ist Javier Garcia Sanz, und der ist noch aus der Ignacio-Lopez-Ära übrig: Hart aber unfair, sagen Zulieferer; sein ehemaliger Patron Lopez galt als der „Würger von Wolfsburg“, fand sich aber einst selbst im Würgegriff seines vorherigen Arbeitgebers GM, den er bestohlen hatte, und musste gehen. Nun gut, alte Zeiten. Das Unternehmen mit den vielseitig interessierten Anteilseignern, sozusagen eine Familienkutsche mit Staatsknete und munterer Arbeitnehmervertretung, hat den Befreiungsschlag schon verpasst. Es ist ein Risiko für Deutschland und sein BIP, es muss, wenn denn die Nachbesserung der betroffenen elf Millionen Dieselfahrzeuge gelingt, noch erklären, warum man denn dermaßen bescheuert war, amerikanische Umweltbehörden austricksen zu wollen, wenn es doch augenscheinlich auch ehrliche Wege gibt. Nichts zur Sache tut leider Sinn oder Unsinn der Abgasgrenzwerte. Ein ehrlicher Autohersteller hätte da mal kräftig argumentieren können und zum Beispiel die Frage stellen, wie sinnhaft es denn wohl ist, aus deutschen Auspuffrohren mit hohem Aufwand noch ein paar Mikrogramm Stickoxide herausfiltern zu müssen, während in der Dritten Welt allerorten aus purer Not Holz im Freien zu Holzkohle verkokelt wird. Sind wir nicht ein Globus? Könnte man nicht die deutschen oder amerikanischen Grenzwerte mal gut sein lassen und stattdessen in Afrika ein paar saubere Wasserkraftwerke spendieren? Wenn man es ernst meinte mit Umweltschutz, sicher. Das scheinen aber nicht die Motive der erbitterten Umweltkämpfer zu sein, sagt einem zumindest die Logik. Also, ehrliche Rechner könnten so argumentieren – krumme Hunde eher nicht. Dass angesichts all dessen die VW-Aktie ebenso spektakulär wie spekulativ wieder über 110 Euro notiert, hat mit Logik auch nicht viel zu tun. Von daher ist ja alles wie immer.