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Coronavirus: Märkte müssen mögliche Auswirkungen neu bewerten

Wie schlimm wird die zweite Corona-Welle? Was bedeutet sie für Anleger? (Foto: MaD Checkpoint / Shutterstock)



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Mehrere europäische Länder haben Maßnahmen zur Eindämmung der neuen Infektionswelle ergriffen. Auch, wenn die Wirtschaft massiv in Mitleidenschaft gezogen wird, geben die Zweitrundeneffekte weniger direkten Anlass zur Sorge. Zeit für eine Neu-Bewertung.

Mehrere europäische Länder haben Maßnahmen zur Eindämmung der neuen Infektionswelle ergriffen. Dabei handelt es sich vor allem um Einschränkungen der persönlichen Mobilität und des gesellschaftlichen Lebens. Derzeit ist vor allem Europa von solchen Maßnahmen betroffen; es handelt sich nicht um ein globales Phänomen. In den USA und Asien ist die Lage anders, wenngleich auch in den USA die Infektionszahlen verstärkt ansteigen und in China wieder die ersten Fälle seit einiger Zeit aufgetreten sind.

Die Auswirkungen auf die Wirtschaft und damit auch den Aktienmarkt könnten in den einzelnen Regionen unterschiedlich ausfallen

Zudem ist festzuhalten, dass die Regierungen gezielter vorgehen als in der ersten Welle mit umfassenden Lockdowns. Es herrscht große Einigkeit darüber, dass die Wirtschaft gestützt werden soll, und die Schwerpunkte werden entsprechend gesetzt. Fabriken und Geschäfte sollen geöffnet bleiben, Büroangestellte sollen möglichst von zu Hause aus arbeiten. Schulen und Kindertagesstätten sollen vorerst ebenfalls geöffnet bleiben, sodass die Arbeitskräfte zumindest etwas besser verfügbar sein sollten als im ersten Lockdown.  Es ist davon auszugehen, dass die Unternehmen besser vorbereitet sind als vor einem halben Jahr. Deshalb könnten die Auswirkungen insgesamt geringer ausfallen als im März/April.

Ein unkontrollierter Ausbruch könnte sich letztendlich als noch kostspieliger erweisen als die (vorübergehenden) Lockdown-Maßnahmen, weil die Wirtschaftstätigkeit bei einer steigenden Anzahl von Erkrankten bzw. Personen in Quarantäne beeinträchtigt wird und die Verbraucher ihre Aktivitäten und ihren Konsum ohnehin einschränken würden.

Durch weitere Unterstützung seitens der Regierungen und Zentralbanken sollten Arbeitsplatzverluste und sonstige negative Folgen der staatlichen Eindämmungsmaßnahmen für Wirtschaft und Gesellschaft begrenzt werden.

Dennoch werden einige Bereiche der Wirtschaft offensichtlich (erneut) spürbar in Mitleidenschaft gezogen. Es handelt sich vor allem um den diskretionären Konsum, z.B. für Veranstaltungen, Hotels, Freizeit-aktivitäten, Restaurantbesuche und Reisen. Einige dieser Bereiche werden vollständig geschlossen. Im Gegensatz zur ersten Lockdown-Phase in Europa geben die Zweitrundeneffekte auf Lieferketten in der Industrie, Produktionsverzögerungen und -einstellungen oder Belastungen für den Finanzdienstleistungs-sektor (die sämtlich zu steigenden Arbeitslosenzahlen usw. führen können) nunmehr weniger direkten Anlass zur Sorge.

Die Berichtssaison für das dritte Quartal hat zwar gerade erst begonnen, verläuft jedoch bisher gut; zahlreiche Ergebnisse fielen besser als erwartet aus, und die Prognosen wurden entsprechend angehoben. Allerdings wurden diese Daten, die vor allem die Vergangenheit abbilden, vom Neuaufflammen der Pandemie überschattet.

Die meisten Aktienstrategien von Allianz Global Investors haben während des Kurseinbruchs im Frühjahr und der nachfolgenden Markterholung relativ gut abgeschnitten. Das Engagement in den oben erwähnten, am stärksten betroffenen Bereichen ist in der Regel gering oder gleich Null. Mit Blick auf das Weihnachtsgeschäft war der stationäre Einzelhandel bereits vor Covid-19 ein untergewichteter Sektor. Etwaige vorhandene Positionen wurden zu einem großen Teil bereits in den vergangenen Monaten veräußert, und die Portfoliomanager haben sich in diesem Segment nicht erneut engagiert.

Da sich die Gewinnentwicklung in diesem Jahr nur schlecht prognostizieren lässt, konzentrieren sich unsere Aktienanlagespezialisten verstärkt auf längerfristige Treiber, um so besser mit den Marktschwankungen umzugehen. Einige dieser Treiber, z.B. die strukturelle Digitalisierung von Produkten und Dienstleistungen, wurden durch die Pandemie deutlich verstärkt, was sich auch in der Wertentwicklung in diesem Jahr niederschlägt. Andere langfristige Trends bleiben bestehen, werden aber auf Unternehmensebene durch kurzfristige Faktoren überlagert.

Daraus ergeben sich attraktive Kaufchancen bei Aktien, deren fundamentale Treiber durch neuerliche Eindämmungsmaßnahmen nicht in Frage gestellt werden. Allgemein dürften die erneuten Maßnahmen bei einer Eintrübung der kurzfristigen Aussichten die Gewinne und Diskontsätze auf kurze Sicht belasten, wovon Wachstumstitel profitieren sollten. Insgesamt halten wir sofortige, größere Portfolioanpassungen nicht für erforderlich.

Die Aktienmärkte reagieren nervös; der VIX ist auf seinen höchsten Stand seit Juni geklettert. Die neuen Einschränkungen verstärken diese Nervosität noch und dämpfen die Stimmung, was nach der kräftigen Erholung potenziell gefährlicher ist und deutlichere Auswirkungen zeitigen könnte. Und die nahenden US-Wahlen hellen die Stimmung vorerst auch nicht auf.

Die Maßnahmen werden das BIP-Wachstum in den europäischen Ländern ganz klar dämpfen (und auch weltweit gewisse Auswirkungen haben). Nach den Erfahrungen aus dem ersten Lockdown gehen wir jedoch nach wie vor davon aus, dass es sich bei der Pandemie um eine vorübergehende Krise handelt. Allerdings ist wohl davon auszugehen, dass die Erholung nach diesem zweiten Lockdown langsamer ausfallen könnte als im zweiten und dritten Quartal, wenn deutlich wird, dass die Pandemie länger andauert als erwartet.

Auf fundamentaler Ebene haben wir das Risiko in Multi Asset-Portfolios zuletzt abgebaut, wobei die Positionierung jedoch nach wie vor nahezu neutral ist. Wir nehmen aus zwei Gründen jedenfalls vorerst keine risikoaverse Position ein:      

Erstens sind derzeit keine Hinweise auf eine zweite Rezession zu erkennen. Die Risiken nehmen zwar zu, aber die Daten deuten derzeit nicht auf ähnliche Wachstumssorgen hin wie im März. Zweitens gehen wir bei einer moderaten Konjunkturverlangsamung davon aus, dass die Märkte noch weitere geld- und fiskalpolitische Impulse einpreisen.

Allianz Global Investors

06.11.2020 | 12:25

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