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Italien und die Angst vor dem „Point of no return“

In Italien ziehen dunkle Wolken auf. (Bild: Fer Gregory / shutterstock.com)


Italiens Regierung erhitzt mit ihrem neuen Haushaltsentwurf weiter die Gemüter. Scharfe Reaktionen aus Brüssel führten unter der Woche erneut zu Turbulenzen an den Märkten.  So stieg nicht nur die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen auf den höchsten Wert seit mehr als vier Jahren, auch Italiens Aktienmarkt rutschte auf den tiefsten Stand seit Anfang 2017. Anleger sorgen sich zunehmend vor einer neuen Euro-Krise. 

Hat er sich gerade von einem Störfeuer befreit, oder es zumindest grob unter Kontrolle gebracht, brennt es anderswo schon wieder lichterloh. Der deutsche Aktienmarkt steht derzeit unter Beschuss wie lange nicht mehr. Von allen Seiten fliegen negative Nachrichten aufs Börsenparkett, verjagen die Bullen und bringen die Bären. Tastete sich der Dax zum Wochenbeginn noch zurück in Richtung der 11.800-Punkte-Marke, rutschte er bereits am Donnerstag wieder unter die bei 11.600 Zählern.

Dax im Abwärtsstrudel

Eine Fortsetzung des Abwärtstrends gilt damit allein aus charttechnischer Sicht als wahrscheinlich. Schließlich fungierte der Bereich um die 11.800 Punkte lange Zeit als eine Art Auffangnetz. In den letzten eineinhalb Jahren wurde er trotz mehrmaliger Kurseinbrüche nicht signifikant durchbrochen. Nun aber ist es passiert und der Kursverlauf der letzten Tage zeigt: Aus Auffangnetz ist Abfangnetz geworden. Die Analysten der Hessischen Landesbank richten den Blick deshalb nach unten: „Sollte der Dax das jüngste Tief bei 11.458 Punkten unterschreiten, stünde einem Test des zyklischen Hochs von Ende 2015 bei 11.430 Zählern nichts mehr im Wege. Darunter würde sich das Abwärtspotenzial bis zu 10.800 Punkten deutlich ausweiten“.

Wer nun dachte, eine starke Berichtssaison würde dem Dax wieder auf die Beine helfen, wurde bislang jäh enttäuscht. Ein Konzern nach dem anderen veröffentlichte zuletzt überraschende Gewinnwarnungen. Gerade die exportstarken deutschen Unternehmen bekommen die zu schwächeln beginnende Weltwirtschaft zu spüren. Vor allem China als wichtigster Handelspartner bereitet Sorgen. Dort verkündete die Regierung jüngst mit einem Plus von 6,5 Prozent die schwächste Wachstumsrate seit 2009. „Die Zinsen steigen, aber die Gewinne der Unternehmen nicht mehr so wie erwartet oder der Ausblick enttäuscht – kein Grund also, Aktien auf dem noch immer hohen Niveau zu kaufen.“, ist sich Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets, der misslichen Lage bewusst.

Trotzdem überrascht die Deutlichkeit der Kursverluste, mit der die Aktien von Continental, Fresenius, HeidelbergCement, Osram, Hapag Llyod oder Zalando zuletzt von Anlegern abgestraft wurden. Bis auf HeidelbergCement verloren alle zweistellig. Der Baustoffkonzern kam mit einem Minus von sieben Prozent noch glimpflich davon.

Italiens Schulden bedrohen den europäischen Aufschwung

Alles in allem ein recht eindeutiges Indiz für ein hohes Maß an Nervosität unter den Marktteilnehmern. Und das dürfte mit Blick auf Europa und den Dax vor allem in der Angst vor einem Wiederaufflammen der Euro-Krise begründet sein. Italiens massives Schuldenproblem scheint da derzeit ein hervorragender Nährboden.

Bereits heute steht die drittgrößte Volkswirtschaft der EU mit 130 Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung in der Kreide, blickt zudem auf ein Bankensystem, dass bis oben hin mit faulen Krediten belastet ist. Der ehemalige Ifo-Präsident und Wirtschaftsprofessor Hans-Werner-Sinn schätzte ihren Wert im vergangenen Jahr auf rund 90 Prozent ihres gesamten Eigenkapitals. Aufbauend auf diesem äußerst wackligen Fundament, das allein aufgrund der anhaltenden Niedrigzinspolitik und des milliardenschweren Anleihekaufprogramms der EZB nicht längst einstürzte, will die neue gewählte Regierung aus rechtspopulistischer Lega und linkspopulistischer Fünf-Sterne-Bewegung nun sowohl Steuern senken als auch die Sozialausgaben erhöhen. Damit dürfte das Staatsdefizit im kommenden Jahr nicht wie mit der EU vereinbart bei 0,8, sondern bei 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen. Die Regierung riskiere mit ihrer Haushaltspolitik eine Staatspleite, warnte unter anderem Sinns Nachfolger an der Spitze des Ifo-Instituts, Clemens Fuest.

Auch aus Brüssel ließen scharfe Reaktionen auf den italienischen Haushaltsentwurf nicht lange auf sich warten. Der Entwurf weiche in einem Ausmaß von den vereinbarten Sparzielen ab, das „in der Geschichte des Stabilitäts- und Wachstumspaktes beispiellos ist“, hieß es unter anderem in einem Schreiben, dass die EU-Kommissare Valdis Dombrovskis und Pierre Moscovici stellvertretend nach Rom schickten. Lega-Chef Salvini reagierte in einer Rede vor seinen Anhängern mit: „Ihr könnt uns mal“. Es dürfte also hitzig werden zwischen der EU und Italien, sieht es derzeit schließlich nicht danach aus, als wäre eine Seite bereit nachzugeben.

Rendite italienischer Staatsanleihen nähert sich Krisenniveau

Im Rahmen des Tauziehens mit ungewissem Ausgang stieg die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen mit 3,7 Prozent auf den höchsten Wert seit mehr als vier Jahren. 2011, also zum Höhepunkt der Euro-Krise, lag sie bei knapp sieben Prozent. Der  Spread zum deutschen Pedant liegt inzwischen schon bei 333 Basispunkten.

Die Dynamik mit Blick auf Italiens Anleihen erinnert also stark an die Situation von vor sieben Jahren, womit auch die Angst vor dem „Point of no return“ wieder allgegenwärtig scheint. „Wenn die Renditen erst einmal ein Niveau erreichen, das die Schuldentragfähigkeit signifikant schlechter aussehen lässt, dann gibt es kein Halten mehr“, warnt die Commerzbank.

Wann und ob dieser Punkt erreicht wird, lässt sich freilich nicht vorhersagen. Doch es häufen sich die Anzeichen, dass er mehr in die Nähe als in die Ferne rückt. Es liegt damit einmal mehr an der EZB die Märkte mit Nullzinsen zu beruhigen und im Fall der Fälle die Staatspleite Italiens zu verhindern. Bleibt die Frage wie lange sie das noch kann. Für die Wirtschaft in Deutschland liegen die Zinsen schon lange zu niedrig. Zudem dürfen die Währungshüter auch die Zinslücke zu den USA nicht zu groß werden lassen. 2019 verabschiedet sich zudem der Italiener Mario Draghi vom EZB-Chef-Posten, der deutsche Jens Weidmann könnte ihm nachfolgen. Einer, der Draghis ultralockere Geldpolitik schon lange kritisiert.

Staatspleite liegt im Bereich des Möglichen

Die Gefahr einer italienischen Staatspleite und/oder die eines Austritts des Landes aus der europäischen Währungsunion ist damit eine durchaus sehr reale. In der Folge wäre nicht nur der Euro bedroht, nein, die ganze europäische Union stünde vor einer bedrohlichen Sinnfrage. Und das Chaos um den Brexit zeigt dabei recht anschaulich, in welch schwieriger Lage sich die Staatengemeinschaft bereits heute befindet.

Ein italienischer „Point of no return“ könnte damit schnell zu einem für den gesamten Währungsraum und die EU als solche werden. Das wäre dann kein Störfeuer mehr, sondern wohl mindestens ein Großbrand, den es zu löschen dann womöglich zu spät ist. Kein Wunder, dass Anleger da allmählich Nerven zeigen.

Oliver Götz

19.10.2018 | 13:21

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